Blind oder tot - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 38 / 70

Libyen Blind oder tot

Staatschef Gaddafi bekämpft den Alkohol. Untertanen und Ausländer kämpfen gegen den Durst.
• aus DER SPIEGEL 33/1973
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vergeblich mühte sich ein deutscher Braumeister in Tripolis, Bier in der Wüste herzustellen -- ohne Alkohol. Weil in seinem Gebräu nach zwei Jahren noch immer 0,03 Promille steckten, schickte die Regierung ihn zurück nach Bayern.

Mehr Glück hatten Italiener mit ihrem »Bitter Soda«, das zwar ernüchternd, in Geschmack und Färbung aber eher wie Campari wirkt.

Alte Kellner im Grand Hotel an Tripolis« Hafenpromenade zelebrieren für Stammgäste zuweilen noch eine Flaschenprobe mit trübem Traubensaft aus Bulgarien als Ersatz für Wein.

Seit vier Jahren leben 2,8 Millionen Libyer amtlich abstinent, weil ihr Staatschef Oberst Muammar el-Gaddafi »wie Mao in China das Opium« in Libyen den Alkohol ausrotten will. Seit zwei Jahren trifft sein Gesetz im Sinne des Korans -- der alles Berauschende verbietet -- auch ausländische Experten an Bohrtürmen, die in der Wüste Libyens Öl-Reichtum mehren -- bei bis zu sechzig Grad im Schatten.

Als Übergang erleichterten zunächst noch kleine Portionen das Abgewöhnen: Im Klub des Amal-Ölfeldes, wo die amerikanische Mobil Oil und die deutsche Gelsenberg AG gemeinsam fördern, mußten einheimische Techniker mit ansehen, wie den Ausländern zwischen 19 und 20 Uhr Bier ausgeschenkt wurde. Zum Jahreswechsel 1971/72 erhielten die Fremden offiziell zwei Flaschen Whisky. Mitleidigen, die ihren durstigen libyschen Kollegen Schnaps verschafften, drohte die Ausweisung. Der einzige Einbruch im Camp galt dem Vorratsraum mit Bier und Whisky.

Doch vor vier Monaten erhob Gaddafi sein Volk zum »Bannerträger des Islam«. Er verkündete eine Kulturrevolution. Seither durchwühlen Hafenarbeiter von Tripolis und Bengasi im allerhöchsten Auftrag selbst Diplomatenfracht nach Alkohol. Zöllner schnüffeln an Shampoo-Kissen aus Plastik -- es könnte Eierlikör sein.

Dennoch gärt es in Gaddafis Libyen wie nie zuvor. In den Unterkünften der in Chemie und Physik beschlagenen Techniker aus dem Ausland stehen Destillieranlagen zur Eigenproduktion. Die Rezepte sind von den Ölleuten oft schon jahrelang im gleichfalls trockenen Saudi-Arabien erprobt.

Diplomaten vergleichen neueste Produktions-Anleitungen bei Cocktailpartys mit Pepsi-on-the-Rock. Kritische Hausfrauen prüfen beim täglichen Marktgang Obst und Gemüse je nach Saison vor allem auf Gärbarkeit. Schnapsideen sind national unterschiedlich: Jugoslawen und Bulgaren bevorzugen Steinobst für hochgradigen Sprit. Deutsche brauen Bier, das sie in dunklen Kammern ihrer Appartements aus Weizen, Wasser und improvisierten Würzen ansetzen. Melonen, Reis und Kartoffeln verhelfen Briten gallonenweise zu »Flush«.

Auch Landeskinder brauen ihren Alkohol nun selbst. Sie fermentieren Kokosnüsse, Feigen, Weintrauben oder Reis, nutzen ein Haarwasser aus Hamburg als Braubeigabe und konstruieren Destilliergeräte aus Feuerlöschern.

Täglich melden die wenigen noch erlaubten Zeitungen und der Rundfunk neue Verhaftungen destillierender Staatsfeinde. Wer von der Muchabarat -- Gaddafis geheimer Polizei -- überrascht wird, dürstet drei Monate hinter Gittern, sechs Monate bei Flaschenabzug des Gebräus.

Der Frevel kommt meist erst nach Betriebsunfällen ans Licht: Libysche Brenner beschleunigen den Gärungsprozeß gern mit Sodabikarbonat, oder sie erhöhen die Wirkungskraft ihres Destillats mit Schwefelsäure aus Autobatterien -- die Konsumenten werden im Krankenhaus erwischt: erblindet oder tot.

Libysche Trinker rechtfertigen sich damit, daß auch Gaddafi-Stellvertreter Dschallud kräftig trinke. Bei Besuchen in Bonn und Paris tat er es wirklich. Zu Hause soll er sich unter dem Druck seines Chefs gemäßigt haben.

Der Chef war weit -- und vorübergehend zurückgetreten -, als 50 000 Libyer im Juli mit einem Marsch auf Ägypten die sofortige Vereinigung mit dem Nachbarstaat erzwingen wollten. Sie nutzten die Gelegenheit. Als sie die Grenzpfeiler gesprengt hatten, labten sie sich bei Marsa Matruch am ägyptischen Bier.

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 70