WEHRVERWALTUNG Blinde Dragoner
Gemessen durchwandert ein Arbeiter Tag für Tag die Kaserne im Bundeswehrstandort Schwanewede bei Bremen. Die Soldaten nennen ihn den Dekan der Abortologischen Fakultät. Denn er prüft von früh bis spät den Verbrauch des Klosettpapiers und der Papierhandtücher. Wo es geboten erscheint, tauscht er leere Rollen gegen volle. Die Bundeswehr zahlt ihm für diesen Rollenwechsel monatlich einen Nettolohn von über 600 Mark.
Zur Pflege von Rosenbeeten und Rasenflächen zwischen den Kasernen beschäftigt die Wehrverwaltung kolonnenweise gewerbliche Gärtner. Währenddessen pflegen die Arrestanten der Armee auf ihren Pritschen der Ruhe und lesen die »Bild-Zeitung«.
Zukünftig aber sollen Soldaten die Klosetts, den Rasen und die Rosenbeete selber in Ordnung halten. Mit diesem Vorschlag will der Verband der Bundeswehrbeamten die drohenden Konsequenzen der unvermeidlichen Einsparungen vorsorglich auf die ungeliebten Soldaten ableiten.
Umgekehrt erregen sich in Kasinos, Kneipen und auf Stuben die Soldaten -Feldwebel, Hauptleute und Generale zuhauf -- mit Vorliebe darüber, daß die Bundeswehrverwaltung aufgebläht, unbeweglich und vor allem viel zu teuer sei; erst einmal müsse also dort gestrichen werden. Zum Beweis dafür erzählen die Troupiers oft und gern die erstaunlichsten Geschichten:
Zur Weihnachtsfeier einer Standortverwaltung füllte das zivile Gefolge den Mannschaftsspeisesaal bis auf den letzten Platz. Der geladene Brigadekommandeur traute seinen Augen nicht: »Das ist ja ein kriegsstarkes Bataillon.« Doch der Verwaltungschef, ein Regierungsrat, belehrte den uniformierten Gast: »Das ist nur die Hälfte, die anderen feiern morgen.«
Insgesamt 166 000 Beamte, Angestellte und Arbeiter beiderlei Geschlechts verwalten und versorgen rund 460 000 Soldaten. Unmittelbar für die Truppe sind davon tätig: > 10 700 in den Batallions-Küchen; > 10 200 als Kraftfahrer;
> 5300 als Pförtner und Wächter ("Blaue Dragoner");
> 3700 als Putzfrauen.
Für derlei zivile Hilfsdienste berappt die Bundeswehr im Jahr rund 432 Millionen Mark. Fast ein Viertel dieser Kosten könnte die Truppe -- nach Berechnungen der Militärbürokratie -- einsparen, wenn die Soldaten die ohnehin ihre Kompanie-Unterkünfte selber reinigen, auch noch Stabsquartiere, Speisesäle und Exerzierhallen sauberhielten, außerdem Kartoffeln schälten, Gemüse putzten, Geschirr spülten und schließlich nicht nur ihre Kasernen, sondern auch noch Depots, Schulen und Schießplätze selber bewachten.
Bis heute läßt die Bundeswehr zum Beispiel ihre Anlagen auf dem Truppenübungsplatz Munster in der Lüneburger Heide von zivilen Wach- und Schließmännern sichern, die monatlich 120 000 Mark kosten.
Dabei rechtfertigen die Wachleistungen der Zivilisten keineswegs immer und überall den finanziellen Aufwand. So traf ein Oberfeldarzt eines Nachts auf dem Areal »der Führungsakademie in Hamburg-Blankenese zwei Wachmänner an, die eingehakt ihren Rundgang absolvierten. Als der Doktor das seltsame Paar zur Rede stellte, beschied ihn der eine Nachtwächter: »Mein Kollege ist nämlich nachtblind, den muß ich führen.«
Ersetzte man die zivilen Wachen durch Soldaten, so müßte die Truppe freilich allein für den Übungsplatz Munster ein kriegsstarkes Bataillon abstellen. Für die Waffen- und Gefechtsausbildung hätte dieser Verband dann keine Zeit mehr.
Aus diesem Grunde hatten die Bundeswehrplaner im Amt Blank bereits Anfang der fünfziger Jahre beschlossen, die Truppe von allen Aufgaben zu befreien, die auch Zivilisten erledigen können; nur dann reiche die achtzehnmonatige Wehrpflichtzeit aus, die Soldaten hinlänglich mit den komplizierten modernen Waffensystemen vertraut zu machen.
Das Amt Blank hatte damals auch erwogen, die Soldaten prinzipiell von jederlei Wachdienst zu befreien. Doch dann fiel den Blank-Beratern ein, daß auch der Wachdienst den Soldaten auf seine Kriegspflichten vorzubereiten vermag: Am Kasernentor zog wieder die Wache auf.
Schließer- und Pförtnerdienste in Verwaltungsgebäuden und Munitionsdepots aber würden die Soldaten, so fürchten die Militärs, der Gammelei zurechnen.
Und noch schwerer wäre es wohl, den Wehrpflichtigen plausibel zu machen, daß sie für 18 Monate aus ihrem Beruf herausgerissen werden, um dem Vaterland als männliche Scheuerfrauen zu dienen.
* Bei der Panzergrenadier-Brigade 32 in Schwanewede.
** Bei der Standort-Kommandantur in Hamburg.