MEINUNGSFORSCHUNG Blindes Stochern
Für ein Jahrhundertereignis hält die Professorin Elisabeth Noelle-Neumann eine »Langzeitstudie« ihres Allensbacher Instituts für Demoskopie, die sie am Mittwoch vergangener Woche im Bonner Wissenschaftszentrum präsentierte: Die Untersuchung habe »in diesem Jahrhundert wohl einen Vorläufer (in England), in diesem Umfang aber kein vergleichbares Gegenstück«.
Noch keine bundesdeutsche Umfrage wurde so dekorativ bekanntgemacht wie diese. Bundespräsident Karl Carstens erschien zu dem von Frau Noelle arrangierten »Symposion«, auf dem neben ihr selbst noch weitere sieben Professoren einen Tag lang das Allensbacher Werk begutachteten.
Gegenstand dieser Geistes-Schau waren zwei Allensbach-Umfragen mit nahezu identischen Fragebögen. Das Institut hatte im Sommer 1979 eine Umfrage aus dem Jahr 1953 wiederholt und lediglich einige Fragen hinzugefügt, insbesondere nach dem Fernsehkonsum. Eineinhalb Jahre lang nahm sich das Institut Zeit, die Daten aufzubereiten.
Finanziert wurde das 1979er Umfrage-Unternehmen von der Hamburger »Interversa Gesellschaft für Beteiligungen«, der deutschen Holding des britischen BAT-Tabakkonzerns. Interversa-Chef Horst Stützer wollte mit dem Auftrag an das private Allensbacher Institut laut Noelle-Neumann »einen gemeinnützigen Beitrag zur Sozialforschung leisten«.
»Eine Nation ist zu besichtigen«, jubelte die »Welt« schon vor dem Symposion. Die Allensbacher Ergebnisse würden »ganze Wissenschaftszweige in ihren Grundfesten erschüttern«, weil sie deren »Gedankengebäude und Argumentationsketten« zerstörten.
Davon war denn doch nicht die Rede, als in Bonn die Professorenrunde sich über die »Langzeitstudie« ausließ. Aber die Gelehrten taten, was von ihnen erwartet wurde. »Von Referat zu Referat«, fand »FAZ«-Herausgeber Fritz Ullrich Fack als Moderator, »wird deutlicher, wieviel in dieser Untersuchung steckt.«
Die Professoren ließen sich allerlei einfallen, um den Allensbacher Zahlenkolonnen Leben einzuhauchen. Der Züricher Philosoph Hermann Lübbe etwa nannte den Bundesbürger, der »voll im Trend« der Zeit lebe, den »Homo Allensbachensis«. Anderntags schon bat das »Hamburger Abendblatt« S.107 seine Leserinnen zu prüfen und mitzuteilen, ob sie womöglich mit einem solchen Typ verheiratet seien ("Erschrecken Sie nicht. Das ist nichts zum Fürchten!").
Ein einziger Kommentator fiel aus dem festlichen Rahmen. Der Freiburger Politologe Wilhelm Hennis verriß die Studie und fand, aus den Tabellen sei kein Bild von den Bundesbürgern der fünfziger und der späten siebziger Jahre zu gewinnen.
Als einziger hat Hennis recht -zwar nicht in jedem Detail, wohl aber mit seinem insgesamt negativen Urteil.
Daß die Demoskopie eine Wissenschaft sei, verkündet Allensbach-Chefin Noelle-Neumann schon, seit sie 1947 ihr Institut am Bodensee eröffnete. In jeder anderen Disziplin aber käme es zu einem Skandal, wollte jemand einen ähnlichen Einfall wie Frau Noelle-Neumann verwirklichen.
Kein Chirurg etwa ließe sich einfallen, einen Patienten mit den Instrumenten und Methoden zu operieren, die vor einem Vierteljahrhundert üblich waren und längst überholt sind.
Das Allensbacher Institut aber meinte, im Jahre 1979 mit Fragen aus dem Jahre 1953 arbeiten zu können -aus jener Zeit, in der die Demoskopen in Deutschland noch dabei waren, ihr Handwerk zu lernen.
Wie weit sie damals noch zurück waren, zeigt sich schon daran, daß in der 1953er Umfrage der damalige Bundesbürger und seine Welt farb- und konturlos blieben.
Das Jahr 1953 brachte am 17. Juni den Aufstand in der DDR, es brachte den Tod Stalins und das Ende des Koreakrieges. Die Saar gehörte noch nicht zur Bundesrepublik, und im ganzen Lande gab es nur einige tausend Fernsehgeräte. Adenauer hatte noch zehn Kanzlerjahre vor sich. Arbeitnehmer verdienten im Schnitt 365 Mark im Monat (1979: 2370 Mark), und Autos gab es nur eine Million (1979: fast 21 Millionen).
Nichts ist in der Allensbach-Umfrage jenes Jahres darüber zu finden, was all dies für die Bundesbürger bedeutete. Es ist eine Untersuchung ohne Namen und ohne aktuelle Bezüge. Es gibt keine Fragen zum Eheleben und zur Moral, auch über Kriegsfurcht und Zukunftssorgen ist nichts zu erfahren. Kinder werden nur gezählt, ihre Erziehung ist kein Thema.
Angesichts dieser und anderer Lücken sprach Kritiker Hennis vom »blinden Herumstochern« bei der Auswahl der Fragen.
So vermessen es angesichts der dürftigen Daten ist, von einem »Vergleich der Generationen« zu sprechen, so vermessen ist es auch, den beiden Umfragen den Titel »Langzeitstudie« zu geben. Denn allenfalls die Jahre 1953 und 1979 lassen sich vergleichen, über die lange Zeit dazwischen sagt die Studie nicht das geringste aus.
In diesem Vierteljahrhundert können die Meinungen gleichgeblieben oder stürmisch gewechselt haben, das Jahr 1953 kann typisch oder untypisch für die fünfziger Jahre gewesen sein -- die Studie schweigt dazu.
Dieses Vakuum kann Allensbach nicht füllen, obwohl das Institut das beste Archiv der ganzen Branche besitzt. Denn mehrere 1953er Fragen taugen so wenig, daß sie später nicht mehr verwendet wurden und bis 1979 vergessen schienen.
Doch nun wurden sie wieder hervorgeholt, wie schlecht auch ihr Deutsch ist ("Was für Familienangehörige und Verwandte haben Sie alles?") und wie verstaubt sie nach 26 Jahren auch wirken.
Die meisten Fragen waren so oberflächlich und unscharf, daß sie schon 1953 zu diffusen Antworten führen mußten. Wenn etwa erklärt werden sollte, ob Gewerkschaften sich »im großen und ganzen richtig oder nicht richtig verhalten«, so stand jedem frei, ob er seine Antwort auf die Grundeinstellung oder auf den letzten Tarifkonflikt bezog. Und wer sich für »nicht richtig« entschied, konnte sich klassenkämpferische Gewerkschaften ebensogut wünschen wie friedfertige.
Insbesondere die Fragen nach dem Berufsleben führen zu widersprüchlichen Ergebnissen, wie sich bei dem Bonner Symposion zeigte. Der eine Referent meinte, die Deutschen hätten S.108 mehr Freude an der Arbeit, denn nicht mehr 80, sondern 84 Prozent fänden sie »interessant«. Der andere meinte, die Arbeitsfreude habe sich vermindert, denn früher sei die Antwort »immer interessant« bevorzugt worden, nun aber die Antwort »meistens interessant«. Allensbach-Chefin Noelle-Neumann sah nicht mal einen Widerspruch darin, in ihrem Berichtsband sowohl »größere Berufszufriedenheit« als auch umgekehrt ein »Absinken der Berufsfreude« festzustellen.
1953, als die Bundesrepublik erst vier Jahre alt war, mochte es Sinn haben, danach zu fragen, was »besser ist, wenn es eine Partei, mehrere Parteien oder keine Partei gibt«. Aber daß 1979 nicht mehr -- wie damals -- nur 50, sondern 86 Prozent der Befragten sich für »mehrere Parteien« aussprachen, ist kein Beweis für demokratisches Bewußtsein. Damit wird nur der Status quo bejaht, denn die Alternativen ("eine Partei«, »keine Partei") werden nirgendwo ernsthaft diskutiert.
Wer auf die Frage nach dem Ehescheidungsrecht 1953 antwortete, man solle alles »lassen, wie es ist«, meinte etwas ganz anderes als jemand, der sich 1979 so äußerte; denn das Scheidungsrecht ist nicht so geblieben, wie es damals war.
Etliche Unterschiede, die Frau Noelle und ihre Ko-Kommentatoren als große Veränderungen feierten, sind vermutlich darauf zurückzuführen, daß die Bundesbürger heutzutage weit offener und selbstbewußter Auskunft geben als früher. Meinungsverschiedenheiten in der Ehe gegenüber einem Außenstehenden zu bejahen, war in den fünfziger Jahren weithin noch ein Tabu, heute gehört es für die meisten durchaus zum Lebensstil. Dann aber besagen unterschiedliche Prozentzahlen 1953 und 1979 nichts darüber, ob es mehr Ehe-Differenzen gibt als früher.
Nur ein geringer Teil der rund hundert Fragen, die 1953 und 1979 gestellt wurden, eignete sich zu sinnvollen Vergleichen. Deutlicher als andere Untersuchungen zeigen die Allensbacher Doppel-Umfragen zum Beispiel, in welchem Maße die Politik für Frauen zum Thema geworden ist.
Und darüber, wie sich die Einstellung der Bundesbürger zu ihrer engeren Umgebung verändert hat, liefert die Studie tatsächlich neues Material, das allerdings auch einige falsche Zahlen aufweist (siehe Graphik Seite 107).
Die Allensbach-Chefin Noelle-Neumann resümierte diesen nützlichen Part: »Die Familienkontakte scheinen vielfältiger, die Kontakte zu den Nachbarn sind zahlreicher, die Bekannten und Freunde spielen eine größere Rolle, die Mitgliedschaft in den Vereinen hat sich ausgebreitet.«
Ein Jahrhundertereignis sind solche Erkenntnisse allerdings nicht.
S.107Am Mittwoch vergangener Woche im Bonner Wissenschaftszentrum.*