VERLAGE Bloße Routine
Manfred Fischer, Vorstandsvorsitzender des zur Bertelsmann-Gruppe zählenden Zeitschriften-Verlages Gruner + Jahr (G + J)
( Zu den G + J-Publikationen zählen unter ) ( andern »Stern«, »Brigitte«, »Capital« ) ( und »Eltern«; überdies hält das ) ( Unternehmen eine 25-Prozent-Beteiligung ) ( am SPIEGEL-Verlag. )
kennt die harten Zwänge des Manager-Daseins: »Wenn man eine falsche Entscheidung trifft, dann multipliziert sich das.«
Gelegentlich kommen dabei erstaunliche Zahlen zusammen. Ein eingängiges Rechenbeispiel stammt aus Fischers eigenem Hause: Die amerikanische Version des in Deutschland erfolgreichen Reportage-und-Bilder-Magazins »Geo« stellt sich nach großspurigem Start als Problemfall heraus.
Rund 30 Millionen Dollar (52 Millionen Mark) hat G + J in »Geo« gesteckt. Verlagsinsider schätzen, daß bis Jahresende noch einmal fünf Millionen Dollar Zuschuß fällig werden.
»Wenn wir jetzt die Klappe fallen ließen«, räumt Fischer ein, käme »eine Summe in dieser Größenordnung« heraus. »Aber wir denken nicht daran, ''Geo''-USA einzustellen.«
Die Standfestigkeit ist bemerkenswert. Denn inzwischen, behauptet ein früherer »Geo«-Mitarbeiter, koste jede Ausgabe zwischen 500 000 und einer Million Dollar.
Dabei stagniert die verkaufte Auflage, trotz vieler teurer Werbekampagnen und Verkaufsaktionen, bei 227 000 Exemplaren ("Geo«-Deutschland verkauft 435 000, »Geo«-Frankreich 320 000 Hefte). Und auch die Anzeigenerlöse blieben weit unter den Planzahlen, obgleich die Prognosen mehrmals nach unten revidiert wurden.
Sogar in den hausinternen »Informationen für Mitarbeiter« wird mittlerweile über »Geo«-USA auffällig zurückhaltend berichtet. Die unsichere gesamtwirtschaftliche Situation Amerikas, läßt Fischer verbreiten, »belaste branchenweit bei hochpreisigen Zielgruppenzeitschriften die Umwandlungsraten von Kaufinteresse in Abonnements«. »Geo« müsse sich »auf eine längere Aufbauphase bis zur Breakeven-Schwelle einrichten«.
Diese Rentabilitätsschwelle ist auch und vor allem dank der Anstrengungen der Fischer-Crew und ihrer in Amerika angeheuerten Gehilfen längst außer Sichtweite gerückt.
Denn die amerikanischen »Geo«-Leute verstanden sich weniger aufs Zeitungs- als aufs Kostenmachen, weniger aufs Redigieren als aufs Repräsentieren. Noch ehe Markt- und Mediaforschungen in Amerika abgeschlossen waren, mieteten sie sich die beiden obersten Etagen eines Bürohauses an der New Yorker Park Avenue, die zu den teuersten Adressen der Stadt zählt.
Um so kleinkarierter waren die mit Millionenaufwand vorbereiteten »Geo«-Anzeigen, die in einigen großen US-Magazinen geschaltet wurden. Die Annoncen verpufften weitgehend wirkungslos, weil die Werber das für amerikanische Konsumgewohnheiten ungewöhnlich teure »Geo«-Abonnement wie eine Massen-Zeitschrift loszuschlagen S.51 versuchten. Ein Heft kostet vier Dollar -- gut dreimal soviel wie das traditionsreiche »Geo«-Vorbild »National Geographic Magazine«.
Eigentümlich gesichtslos blieben auch die inzwischen erschienenen 15 »Geo«-USA-Hefte, die scheinbar wahllos über japanische Menüs und südamerikanische Schatzsucher, Getreidebauern aus dem Mittleren Westen und Flüchtlinge im Fernen Osten berichten. Manche der teilweise mäßig geschriebenen Texte würden allenfalls einem bildungsbeflissenen Frauenjournal Ehre machen, andere scheinen nur wegen der bunten Bilder vertretbar.
Gelegentlich nur schleichen sich harte Reportagen ein, etwa ein Glanzstück über illegale Hundekämpfe in Amerika oder ein Artikel über Motorrad-Freaks in Florida. Eine redaktionelle Linie der »Geo«-Macher bleibt dabei ebenso unauffindbar wie das kommerzielle Konzept der Manager. Es sei »noch immer nicht auszumachen«, was »Geo« eigentlich wolle, schrieb das Magazin »New York«.
Erstaunlich ist das nicht. Denn die von Fischer und dem für die G + J-Zeitschriften zuständigen Vorstandsmitglied Jan Hensmann zu vertretende Personalpolitik zeichnete sich nicht gerade durch Geradlinigkeit oder Fortüne aus. Der erste »Geo«-USA-Präsident Charles C. Randolph etwa, ein früherer »Business Week«-Verlagsleiter, wurde nach wenigen Monaten entlassen, weil er keine der entscheidenden Planzahlen erreicht hatte.
Randolphs Einstellung, meint Fischer heute, sei jener »entscheidende Fehler« mit dem Multiplikatoreneffekt gewesen: »Ein zweitklassiger Mann stellt nur drittklassige Leute ein.«
Als Randolph-Nachfolger wirkte inzwischen der einschlägig erfahrene Publizist Igor Gordevitch: Die von ihm gemanagte Zeitschrift »Vision« ist an Geldnot eingegangen.
Bei G + J mußte er solches Mißgeschick vorerst nicht befürchten. Die Überweisungen aus Deutschland kamen reichlich und regelmäßig.
Für Sparsamkeit und Vorsicht bestand da kein Anlaß: »Geo«-USA bezahlte schon bald die höchsten Honorare und die großzügigsten Spesen. Die (kostensparende) Übernahme von bereits für das deutsche Heft produzierten Geschichten war den US-Blattmachern nicht einmal eine Prüfung wert.
Um so lästiger waren die sich seit Jahresanfang häufenden Besuche deutscher Verlagsmanager, die, alarmiert von den schlechten »Geo«-USA-News, allmählich nervös wurden. Im Frühjahr schickte Firmenchef Reinhard Mohn, dessen Bertelsmann-Gruppe G + J beherrscht, zwei seiner besten Finanzmänner zur Revision in die Park Avenue. Seit Mai überwacht »Geo«-Deutschland-Chefredakteur Rolf Winter regelmäßig die Arbeit des auf beinahe fünf Dutzend Mitarbeiter gewucherten Stabes.
In der Redaktion wurden die Emissäre aus Deutschland als »The German Blitz« verhöhnt oder mit Flüchen ("Fuck the Germans") bedacht. Die Deutschen, so meinten die US-Redakteure, verstünden sich nicht auf den amerikanischen Markt und das amerikanische Publikum.
Monatelang kamen sie damit durch. Noch im April setzte Gordevitch die Entmachtung des stellvertretenden Chefredakteurs und Bildchefs Thomas Höpker durch, der dem Bilderblatt mehrere Auszeichnungen eingetragen hatte. Höpker, so sein Vorwurf, mache ein zu aggressives Blatt.
Halten ließ sich der Vorwurf wohl nicht. »Während die hervorragenden Bilder ''Geo'' von Anfang an auszeichneten«, schrieb das Nachrichtenmagazin »Newsweek«, »war der Text gerade der ersten Ausgaben allzuoft stumpf und bloße Routine.«
Im Mai wurde Höpker nach massiven Interventionen des G + J-Vorstandes rehabilitiert, im Juni war Redaktionsleiter Robert C. Christopher dran. Er geht nach Japan, um dort ein japanisches »Geo« vorzubereiten -- »weil er so gut Japanisch spricht«, wie sich der Branchendienst »text intern« amüsierte.
Seither suchen Fischer, Hensmann und die »Geo«-Journalisten in Hamburg und New York nach einem neuen Chefredakteur -- und einem neuen Konzept, das gegen die auf den gleichen Leserkreis gezielten US-Magazine »Audubon«, »Smithsonian«, »Natural History« und »National Geographic« bestehen kann.
Insbesondere das Traditionsmagazin »National Geographic« mit seinen knapp elf Millionen Abnehmern scheint dabei übermächtig. Noch immer verübeln die Amerikaner ihren Hamburger Kollegen den Bruch einer Absprache. G + J hatte danach auf eine amerikanische »Geo«-Ausgabe verzichtet; dafür wollten die Amerikaner nichts wegen der Ähnlichkeit des neuen »Geo« mit Namen, Aufmachung und Inhalt des alten »National Geographic« unternehmen.
Nachdem die Deutschen in den US-Markt einbrachen, konterten die Amerikaner mit einem aufgemöbelten Magazin. »National Geographic« gewann in der Zwischenzeit mehr Leser als der Newcomer.
Um wenigstens die Kosten des notleidenden Investments zu drücken, kündigten die G + J-Manager schließlich den Vertrag mit der superteuren Case-Hojt-Druckerei. Das steife Glanzdruckpapier wird zugunsten billigerer und leichterer Ware aufgegeben.
Nur noch zwei der sechs monatlichen »Geo«-Geschichten werden künftig in Amerika produziert. Der Rest wird aus Europa übernommen. Der Preis freilich bleibt konkurrenzlos hoch.
Die Redaktion wird um mindestens ein Drittel ausgedünnt. »Sie können mir gratulieren«, flachste Ende Juni ein New Yorker »Geo«-Redakteur auf einer Party, »ich bin noch nicht gefeuert.«
Er sollte sich nicht zu früh freuen. Zwar wäre die Einstellung des Prestigeprojektes für Gruner + Jahr überaus peinlich: »Geo«-USA ist die erste Zeitschriftengründung in den USA, ein Scheitern wäre wohl das größte deutsche Amerika-Fehlinvestment seit Kriegsende. Doch ob Fischers und Hensmanns Durchhalteparolen von seinem Chef Mohn auch honoriert werden, ist durchaus offen.
»Der Mohn sieht sich das eine ganze Zeit an«, meint ein früherer Fischer-Gehilfe. »Und wenn es dann kein Geld bringt, ist Sense -- Prestige hin, Prestige her.«
S.50Zu den G + J-Publikationen zählen unter andern »Stern«, »Brigitte«,"Capital« und »Eltern«; überdies hält das Unternehmen eine25-Prozent-Beteiligung am SPIEGEL-Verlag.*