FORSCHUNG Blumen für die Industrie
Die Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg versuchten, sich dem Lateinlehrer aus Münster mit einem schlichten Bild verständlich zu machen. »Bunte Blumen«, so ein DKFZ-Mitarbeiter, »wachsen nicht auf ausgetretenen Wegen, sie gedeihen nur am Wegesrand.«
Wolf-Michael Catenhusen, Pädagoge und im Hauptberuf Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium sowie Kuratoriumsvorsitzender des DKFZ, hatte den Forschern zuvor die Leviten gelesen: Wissenschaftler würden ihre akademische Freiheit allzu weitläufig nutzen - nach dem Motto: »Lasst viele bunte Blumen blühen.«
Der Exkurs in die Botanik brachte den Streit auf den Punkt. Viele große Errungenschaften, unterrichteten die Professoren den Lehrer, seien eben gerade unerwartete Funde abseits von Programmen gewesen; allein neugieriges Experimentieren führe zu überraschenden Ergebnissen.
Anlass der Kontroverse: Die Bundesregierung will die mit Staatsgeldern geförderte deutsche Forschung an die Kandare nehmen. Sie hat angekündigt, die Arbeit der Wissenschaftler schärfer kontrollieren zu wollen und fordert, dass sich Ergebnisse in wirtschaftlichen Erfolg ummünzen lassen müssen.
Wissenschaftler befürchten, dass die Vorgaben aus Berlin die Forschungslandschaft grundlegend verändern können: Die Berliner Pläne würden die Bürokratie aufblähen und die wichtige Grundlagenforschung verkümmern lassen, beklagen Professoren; den Naturwissenschaften drohe der Absturz in die Zweitklassigkeit.
Betroffen ist vor allem die »Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft«, in der 16 Forschungszentren zusammengeschlossen sind. Für die 22 300 Beschäftigten gibt der Staat jährlich über drei Milliarden Mark aus. Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) will die Gemeinschaft in einen Verein umwandeln und gleichzeitig die »programmorientierte Förderung« einführen: Getüftelt werden soll dann an Projekten, die zuvor in einem detaillierten Plan festgeschrieben wurden.
Auf der Helmholtz-Jahrestagung Ende November in München erkannte Kanzler Schröder zwar an, dass die Forschungszentren mit rund 500 Patentanmeldungen pro Jahr nicht schlecht abschneiden. Gleichzeitig verlangte er aber eine »offensive Verwertungsstrategie«. Direkter wurde Ministerin Bulmahn im »Bundesbericht Forschung 2000": Die Forschung müsse unter anderem viel stärker »auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet werden«.
Die Forderung bringt viele Forscher in Rage. Sie sehen sich bereits als Vorspurer und Handlanger der Industrie. Ursprünglich wollte sich die Regierung schon im November bei der Tagung des Wissenschaftsrates in Leipzig die Zustimmung der Forscher abholen. Doch der Widerstand der Kollegen aus Universitäts- und Max-Planck-Instituten war so groß, dass die Abstimmung verschoben werden musste. Die Akademiker waren empört, dass die Helmholtz-Forscher nur noch »politisch festgelegte Ziele« zu verfolgen hätten und ihnen das Recht auf »individuelle Neugier« abgesprochen werde.
Die Helmholtz-Wissenschaftler stört besonders die Absicht, Fünf-Jahres-Pläne mit berichtspflichtigen »Meilensteinen« aufzustellen.
»Die Unzweckmäßigkeit einer solchen Steuerung ist durch das Schicksal der Akademie der Wissenschaften der DDR in der Geschichte hinlänglich belegt«, höhnt die Vereinigung der Wissenschaftlich-Technischen Räte in der Helmholtz-Gemeinschaft, Forschungsergebnisse könnten nicht geplant werden »wie die Fertigstellung eines Bauprojekts«.
Zudem müssten Pläne für Forschungsvorhaben über insgesamt 18 Milliarden Mark geschrieben werden - da entstehe eine »gigantische zusätzliche Bürokratie«, kritisiert Josef Speth, Direktor am Institut für Kernphysik beim Forschungszentrum Jülich.
Einfluss könnten Industrie und Politik künftig über den Senat des neuen Helmholtz-Vereins nehmen. Dort sollen auch »sechs Persönlichkeiten aus der Wirtschaft« sitzen - ein Novum in der deutschen Forschungslandschaft. »Hätten Forscher ein Projekt wie ''Mann zum Mond'' einem Senat vorschlagen müssen«, höhnt ein Jülicher Professor, »wäre ganz sicher nie ein Mann zum Mond geflogen.«
Uwe Thomas, Staatssekretär im Forschungsministerium, wiegelt ab: Die Einwände entsprängen nur der Angst vor Veränderung. Es bleibe auch künftig genug Raum zur »freien Forschung«. Und wirtschaftliches Denken hält er für erwünscht: »Die Einführung von Controlling sollte selbstverständlich sein.«
In ihrem Misstrauen bestätigt sahen sich die Kritiker durch die im vergangenen Jahr geschaffene »Arbeitsgruppe zur Systemevaluation« des Wissenschaftsrates, welche die Effektivität der Helmholtz-Zentren prüfen und eine Neustruktur entwerfen soll. Statt das Gremium mit anerkannten Fachleuten zu besetzen, wurden vornehmlich naturwissenschaftliche Laien berufen: Ein Neuzeit-Historiker aus München wurde Vorsitzender, hinzu kamen eine Sozialpsychologin, ein Vertreter der Sachsenring Automobiltechnik in Zwickau und auch ein Abgesandter der Hamburger Finanzbehörde.
Harald zur Hausen, DKFZ-Stiftungsvorstand, warnt Berlin davor, auf kaltem Wege die Grundlagenforschung zu gefährden. In der nimmt Deutschland einen Spitzenplatz ein, auch wenn die Ergebnisse selten direkt zu vermarkten sind. Forscher stünden »oft am Anfang eines Labyrinths« und könnten »nicht immer den geraden Weg gehen«, sagt Karl Tichmann, Geschäftsführer des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik: »Wir müssen Acht geben, dass wir nicht so forschen wie Mercedes und BMW.«
Ohne freies Forschen wäre etwa die Gentechnologie wohl nicht so weit, wie sie heute tatsächlich ist. Der Durchbruch zur ersten Klonierung eines Gens aus einer Tierzelle gelang durch Zufall - als Forscher versuchten, das Erbgut des afrikanischen Krallenfrosches zu isolieren und in Bakterien einzubauen. CARSTEN HOLM, UDO LUDWIG
* Mit Hans-Olaf Henkel, dem scheidenden Präsidenten desBundesverbands der Deutschen Industrie.