»Blut wird fließen«
Die Strophe der Nationalhymne kennt jeder Anhänger von Augusto Pinochet auswendig. »Ihr tapferen Soldaten, allein auf euch kann Chile bauen«, schallt es durch die laue Frühlingsnacht. Offiziell ist der martialische Text zwar verpönt, seit Chile vor acht Jahren zur Demokratie zurückkehrte. Aber die Freunde des Ex-Diktators stimmen die Verse immer an, wenn der Alte Geburtstag hat.
Auch in diesem Jahr haben sie sich vor der Pinochet-Stiftung in Santiagos feinem Stadtteil Vitacura versammelt, um ihrem Idol ein Ständchen zu bringen. Doch rechte Feierstimmung will nicht aufkommen. Auf zwei riesigen Bildschirmen wird das Verdikt aus London übertragen. Die Menge stößt ein Wutgeheul aus, elegant gekleidete Damen schluchzen hemmungslos, einige schlagen das Kreuz.
»Englische Piraten haben unseren Don Augusto entführt!« schreit eine Pinochet-Anhängerin; eine gesetzte Blondine schimpft auf die »schwulen Engländer« und die Spanier, »diese Hurensöhne«.
Einige Kilometer weiter stimmen Familienangehörige der Pinochet-Opfer währenddessen Lieder des Volkssängers Víctor Jara an, der von den Militärs brutal ermordet wurde. Mit Sekt und Coca-Cola feiern sie das Urteil in London. »Die Lords haben der ganzen Menschheit einen Dienst erwiesen«, jubelt Ana González, 73, deren Mann und Kinder während der Diktatur verschwunden sind. Einige Übermütige wollen auf die Straße ziehen, doch die Veranstalter mahnen zur Besonnenheit.
Die Rechten lassen ihrer Wut dagegen freien Lauf. Ehemalige Agenten des berüchtigten Geheimdienstes Dina und ergraute Altoffiziere halten Schmähreden gegen die Sozialisten. Düster wird Rache geschworen: »Wir haben verloren, weil wir nicht den Mumm hatten, alle Kommunisten umzubringen. Das holen wir jetzt nach, Blut wird fließen.«
Auf dem Bildschirm flimmern historische Aufnahmen vom Sturm auf den Regierungspalast La Moneda 1973, aus den Lautsprechern dringt die hohe Stimme des Diktators. Zwischen den Filmvorführungen schmettert vom Band eine Militärkapelle den »Radetzkymarsch« und »Alte Kameraden«. Pinochet liebt deutsche Marschmusik - es fehlt nur noch »Lili Marleen«.
Vor 25 Jahren haben Damen der besseren Gesellschaft mit den Töpfen geklappert, um gegen den sozialistischen Präsidenten Allende und seine ruinöse Wirtschaftspolitik zu protestieren. Heute verbrennen sie und ihre Töchter spanische und britische Flaggen, gegen die Wasserwerfer haben sie sich mit Regenmänteln gewappnet, sogar Tränengas kann sie nicht abschrecken. Als die Polizei randalierende Pinochet-Anhänger festnimmt, recken die anderen die Fäuste: »Die Demokratie ist unser Untergang.«
Der Urteilsspruch aus London hat die Spaltung Chiles in zwei feindliche Lager noch vertieft. Doch die chilenische Demokratie steht nicht auf dem Spiel, wie die Rechte weismachen will. Die Streitkräfte grollen zwar, aber die Offiziere wissen, daß die Regierung des christdemokratischen Präsidenten Eduardo Frei ihrem alten Heereschef besser helfen kann, als sie es mit ihrem Säbelrasseln vermöchten. Frei berief sogleich den Nationalen Sicherheitsrat ein und entsandte seinen Außenminister, einen Sozialisten, nach London, um Pinochets Freilassung zu erwirken.
Aber Auseinandersetzungen um Chiles Vergangenheit, die längst überwunden schienen, werden jetzt erneut geführt; das nie verheilte Trauma bringt Täter und Opfer wieder gegeneinander auf. Die Sieger können nicht mehr allein die Geschichte schreiben. Die Verhaftung Pinochets hat vielen, die unter der Diktatur gelitten haben, ihre Angst genommen.
Auch politisch gemäßigte Chilenen rufen jetzt nach Sühne und Gerechtigkeit. Die Regierungsparteien überlegen, wie sich Möglichkeiten finden lassen, Pinochet doch noch daheim zur Rechenschaft zu ziehen.
Gegen den Ex-Diktator wird in elf Fällen ermittelt, in denen Personen umkamen oder verschwanden. Die Vorgänge werden als Entführungen behandelt und fallen daher nicht unter die von den Militärs verordnete Amnestie. Sogar einige Anhänger wollen Pinochet dazu bewegen, sein Amt als Senator auf Lebenszeit niederzulegen. Dazu wäre eine Verfassungsänderung nötig.
Bislang haben die Militärs die Reihen immer geschlossen, wenn es um die Aufklärung des Schicksals von über 3000 Toten und Verschwundenen ging, aber immerhin: In London haben Pinochets Verteidiger jetzt öffentlich eingeräumt, daß unter seiner Herrschaft Menschen gefoltert und ermordet wurden.
Eine versöhnliche Geste des Ex-Diktators würde die Aufarbeitung der Vergangenheit erleichtern. Doch 25 Jahre nach seinem Staatsstreich ist dem starrsinnigen Greis jedes Unrechtsbewußtsein fremd. Er sieht sich als Retter vor dem Kommunismus. »Ich vergebe meinen Gegnern«, verkündete der Unbelehrbare.
Wie zu seinen besten Zeiten hält der Alt-Diktator die Regierung in politischer Geiselhaft, wenn auch diesmal ungewollt. Sein weiteres Schicksal könnte die Koalition aus Christdemokraten und Linksparteien noch in eine Zerreißprobe stürzen, mit womöglich bösen Folgen für die »transición«, den jahrelangen Demokratisierungsprozeß. Niemand mag sich ausmalen, welche Emotionen im Präsidentschaftswahlkampf nächstes Jahr hochschlagen würden, wenn Pinochet dann noch in England oder Spanien in Haft säße.
Wird der düstere Greis versuchen, aus der Ferne mitzuregieren, wie einst Perón in Argentinien? Wenn den alten Mann in London oder Madrid der Tod ereilte, würden seine Anhänger ihn wohl endgültig zum Märtyrer verklären.
Auch einige seiner Gegner wünschen sich den Alten daher schnell zurück. Andrés Palma Irarrázaval, ein Abgeordneter der Christdemokraten: »Mit dem Urteil in London ist er genug gestraft. Jetzt sollten
die Engländer ihn mit Schimpf und Schande nach Hause jagen.« JENS GLÜSING