KONGO Blutendes Herz
Die zerlumpten Bewaffneten am zerschossenen Flughafen von Gbadolite begrüßen ihn mit »Exzellenz«. Denn der junge Mann, der hin und wieder mit einer Propellermaschine aus Europa einfliegt, kommt zu »Kabinettssitzungen« in die vom Bürgerkrieg verwüstete Stadt. Dominique Kanku, 36, ist »Außenminister« der »Bewegung für die Befreiung des Kongo« (MLC).
Zwar kontrollieren die MLC-Rebellen bislang nur einen dünn besiedelten Streifen Buschland im Norden des Kongo. Aber ihre Funktionäre haben schon die Ministerien des mineralreichen 49-Millionen-Einwohner-Staates untereinander verteilt. Den MLC-Vorsitzenden Jean-Pierre Bemba nennen sie »Präsident«.
Dabei träumt nicht nur Bembas MLC von der Machtübernahme am Kongo. In Goma und Bunia residieren die Rivalen der »Kongolesischen Sammlungsbewegung für Demokratie« (RCD), die sich in zwei Flügel gespalten hat. Nur ein Nahziel verbindet die zerstrittenen Rebellengruppen: Alle wollen den in der Hauptstadt Kinshasa herrschenden Präsidenten Laurent Kabila stürzen. Der kahlköpfige Guerrilla-Führer war 1997 als Sieger über den korrupten Despoten Mobutu Sese Seko gefeiert worden. Im Kongo sollte eine neue Zeit anbrechen. Aber sehr schnell erwies sich Kabila als »neuer Mobutu«. Ein Bürgerkrieg brach aus. Mittlerweile kontrolliert Kabila nur noch ein Drittel des Landes - und das mit Hilfe von Armee-Einheiten aus Simbabwe, Angola und Namibia.
Im Kongo scheint sich die Geschichte zu wiederholen: Wie einst die europäischen Kolonialisten, strömen nun afrikanische Staaten in das Riesenreich im Herzen des Kontinents. Denn auch die Rebellen haben Fremde ins Land gelockt: Truppen aus Ruanda und Uganda stehen ihnen bei und heizen den Konflikt an.
Ein Versuch, Frieden zu stiften, scheiterte in der vergangenen Woche: Auf einem Regionaltreffen afrikanischer Staatschefs weigerte sich Kabila, in seinem Herrschaftsbereich Uno-Blauhelme zuzulassen. Zudem lehnte er den ehemaligen botswanischen Präsidenten Masire als Vermittler von Gesprächen mit den Rebellen ab. Der Kongo-Chef fühlt sich stark, seit seine Streitkräfte in den vergangenen Wochen einigen Boden zurückgewinnen konnten.
In Zentralafrika tobt seit zwei Jahren ein Konflikt, dessen Dimensionen außerhalb des von Krisen geschüttelten Kontinents wenig Beachtung finden. Einen »Krieg im Verborgenen« nennt der britische »Economist« den Aufmarsch der Armeen am Kongo. US-Außenministerin Madeleine Albright spricht gar von »Afrikas Erstem Weltkrieg«.
Fast 80 Millionen Menschen sind von dem Konflikt direkt oder indirekt betroffen. Seit Ausbruch der Kämpfe starben nach Angaben von Hilfsorganisationen im Kongo 1,7 Millionen Afrikaner - die meisten an Krankheit und Hunger als Folge des Krieges. Trotzdem wurde die Katastrophe zeitweilig von anderen Ereignissen überschattet: etwa dem Grenzkrieg zwischen Äthiopien und Eritrea und der Jagd auf die weißen Farmer in Simbabwe.
Der Wahnsinn am Kongo rückte nur dann kurz ins Bewusstsein der Welt, als die Truppen der eigentlich verbündeten Rebellenhelfer Ruanda und Uganda übereinander herfielen und um die Macht in der strategisch wichtigen Provinzhauptstadt Kisangani kämpften. Hunderte von Kongolesen starben im Kreuzfeuer der fremden Truppen. Als Schande für Afrika geißelte Sambias Präsident Frederick Chiluba den ruandisch-ugandischen Krieg auf dem Boden eines Drittlandes.
Ruanda und Uganda kämpfen um die Reichtümer der ehemaligen belgischen Kolonie und beuten ihre Schätze rücksichtslos aus. So beziehen neue Niederlassungen von Gold- und Diamantenhändlern in Ruandas Hauptstadt Kigali ihre kostbare Ware aus dem Kongo. Uganda exportiert von dort Nutzhölzer und Kaffee. Zu den Kriegsgewinnlern in den Rebellengebieten gehören ein Halbbruder des ugandischen Präsidenten Museveni und mehrere Vertraute von Ruandas Staatschef Kagame.
Auf der anderen Seite der Front erkauft sich Kabila die Militärhilfe seiner Verbündeten mit wirtschaftlichen Zugeständnissen. Er offerierte Namibia als Dank eine Diamantenmine. Und einer von Simbabwe geführten Gesellschaft übertrug der Kongo-Präsident die Kontrolle des staatlichen Bergwerkkonzerns Gécamines.
Diesen Ausverkauf ihres Landes wollen die MLC-Rebellen beenden - dabei sind sie selbst noch auf Waffenlieferungen und Militärberater aus Uganda angewiesen. Aber selbst zu kämpfen ist Ehrensache: Nach den Kabinettssitzungen in Gbadolite schlüpft »Außenminister« Kanku in eine olivgrüne Uniform und geht für ein paar Tage an die Front.
Seine Militärausbildung erhielt der studierte Betriebswirt auf einer ehemaligen Milchfarm bei Gbadolite. Nach dem Plan des Diktators Mobutu sollte dort ein aus der Schweiz importierter Zuchtbulle, »Viktor«, Stammvater einer neuen Rasse von Kongo-Kühen werden. Nun ist Viktor längst verzehrt worden; und wo einst Rinder grasten, robben schwitzende MLC-Rekruten durch die Landschaft. HANS HIELSCHER