USA / RASSENKRAWALLE Bobby greift ein
Die Rassentrennung in diesem Land muß endlich ein Ende haben«, wetterte der salopp gekleidete junge Mann am Rednerpult. »Ich versichere Ihnen: Das Justizministerium wird energisch durchgreifen. Wir werden nicht still zuschauen, wir werden handeln.«
Prasselnder Beifall der über 1600 Studenten im US-Südstaat Georgia dankte dem Redner, Amerikas 35jährigem Justizminister und Präsidenten-Bruder Robert ("Bobby") Kennedy.
Der ehemalige Rechtsanwalt und Marinesoldat Robert Kennedy, 1954 zu einem der »zehn hervorragenden jungen Männer der USA« gewählt, 1957 populär geworden durch die Aufdekkung verbrecherischer Einflüsse in Amerikas Gewerkschaften, seit Monaten mächtigster Minister im Kabinett seines Bruders John F., hatte damit eine
innenpolitische Kraftprobe heraufbeschworen, die ihm Gelegenheit gab, sich als starker Mann zu bewähren.
Endlich hatte er nun die Chance, einem Übel zu Leibe zu rücken, das geeignet ist, Amerikas Prestige in Asien und Afrika zu zerstören: der zwar durch Bundesgesetz verbotenen, in einzelnen Südstaaten aber noch immer praktizierten Rassentrennung.
Bobbys heftige Worte in Georgia, denen bereits massive Eingriffe in die rassentrennerische Schulpolitik Virginias vorausgegangen waren, ermutigten eine Gruppe weißer und schwarzer US-Bürger zu einer gemeinsamen Test-Tour durch die Staaten.
Die »Freiheitsfahrer« ("Freedom riders"), wie sie sich nennen, sind Mitglieder der New Yorker Organisation für Rassengleichheit ("Congress of
Racial Equality"). Sie wollten feststellen, ob die Entscheidung des amerikanischen Bundesgerichts in allen US -Staaten respektiert wird, wonach Schwarz und Weiß, in einem Bus vereint, Überlandreisen machen dürfen.
Ihre Tour wurde zu einem Fanal. Und Bobby Kennedy bekam hinreichend Gelegenheit, seine Stärke zu demonstrieren: Der weiße Mob des Südstaates Alabama, vom eigenen Gouverneur unterstützt, hatte kein Verständnis für den Test der Freiheitsfahrer. In Anniston, Birmingham und der Alabama-Hauptstadt Montgomery kam es zu blutigen Schlägereien.
Zwei Gruppen, beide etwa 15 Mann stark, meist Studenten beider Rassen, waren als Testfahrer in Washington gestartet, geführt von dem 46jährigen Weißen James Peck, der im Zweiten Weltkrieg wegen Wehrdienstverweigerung drei Jahre im Gefängnis gesessen hatte und den es bei den Krawallen am schlimmsten traf: Der Pöbel von Birmingham verprügelte ihn dermaßen, daß 53 Nadelstiche der Chirurgen vonnöten waren, ihn wieder zusammenzuflicken.
Sieben Kilometer außerhalb Annistons, auf dem Alabama Highway 202, kam
es zur ersten Rauferei. Eine Reifenpanne hatte den Bus zum Halten gezwungen. Im Nu war der Wagen von einer Schar wilder Weißer umgeben.
Scheiben zersplitterten. Hysterische Frauen feuerten ihre Männer an, den Bus umzuwerfen. Unmittelbar vor dem Eintreffen der Polizei loderte im Wageninnern sogar eine Brandbombe auf, die einer der Fanatiker durch ein Fenster geschleudert hatte. Sechs Freiheitsfahrer kamen ins Krankenhaus, der Bus verbrannte.
An Bobby Kennedy war es nun, den mutigen Worten, die er in Georgia gesprochen hatte, jene Taten folgen zu lassen, die Amerikas ramponiertes Prestige wiederherstellen könnten.
Herrisch wies er den Alabama-Gouverneur John Patterson, einen als Rassentrenner verschrieenen Demokraten,
am Telephon an, für die Sicherheit der Freiheitsfahrer zu sorgen. Dabei ließ er sich photographieren, die Füße auf dem Schreibtisch.
Patterson brüllte zurück: »Für die Sicherheit dieses Pöbels, der hierhergekommen ist, um Unruhe zu stiften, kann ich keine Garantie übernehmen.« Und die »New York Herald Tribune« kommentierte: »Einfach skandalös.«
Bobby schickte nun seinen persönlichen Assistenten John Seigenthaler zu Verhandlungen mit dem obstinaten Patterson nach Montgomery.
Seigenthaler kam gerade zeitig genug, um eine junge weiße Freiheitsfahrerin vor dem aufgebrachten Mob zu retten. Dabei ging er selbst über die Zeit zu Boden. Einige Demonstranten hatten ihn hinterrücks niedergeschlagen.
Gouverneur Patterson verhängte das Standrecht über seinen brodelnden Staat, vermochte jedoch auch auf diese Weise nicht für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Da setzte Justizminister Kennedy 300 Bundesbeamte nach Alabama in Marsch, die zunächst auf dem Luftwaffenstützpunkt Maxwell nahe Montgomery Stellung bezogen.
Patterson, auf seine bundesstaatliche Unabhängigkeit bedacht, verkündete lauthals, er dulde die Einmischung der Bundesbehörden nicht und werde die Beamten notfalls verhaften.
Bobbys Antwort: weitere 200 Bundesbeamte nach Alabama. Und der große Bruder John F. drohte mit dem Einsatz bewaffneter Streitkräfte.
Das weckte Bürgerkriegsstimmung. Die Gouverneure von Arkansas und Mississippi erklärten sich mit dem bedrängten Patterson solidarisch.
Mississippi-Chef Barnett kabelte: »Wir werden unseren Nachbarstaaten helfen, die sich mit Recht gegen die Unterdrückung durch die Bundesbehörden wehren.« Tags darauf ließ er 27 Freiheitsfahrer verhaften.
Bei den Einwohnern Alabamas jedoch hatte die militante Entschlossenheit der Brüder Kennedy ihre Wirkung nicht verfehlt. Mitte vergangener Woche gingen sie wieder ihrer gewohnten Arbeit nach.
Robert Kennedy hatte seine Kraftprobe bestanden. Aus der vermeintlichen Schlappe der um die Freundschaft der jungen afrikanischen Staaten bemühten US-Regierung - »New York Times": »Eine nationale Tragödie« - war eine Demonstration des guten Willens geworden.
Neger-Freund Robert Kennedy: Wir werden handeln ...