Böck oder klock - DER SPIEGEL
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BORDELLE Böck oder klock

In Frankreich explodierte das Boot eines Berliner Bordellbesitzers. Er war ein Spitzel der Polizei. *
• aus DER SPIEGEL 36/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kaffeekränzchen am Ufer der Saone, die Crew besucht Landsleute auf der Nachbar-Yacht. Keiner bleibt an Bord des deutschen Kajüt-Boots, als der Besitzer wegen latenten Benzingeruchs die Maschine überprüft.

Sekunden später gibt es eine Detonation. Frankreich-Skipper Dieter Jürgen Harbecke, 44, wird von brennendem Treibstoff erfaßt. Als Christine Köke de Phras, eine von Harbeckes Begleiterinnen, den Schreienden erreicht, hält sie »plötzlich seine Haut in Händen«.

Ein Rettungs-Jet bringt den Schwerverletzten in eine Klinik nach Deutschland. Kurze Zeit später meldet sich die Mordkommission aus West-Berlin und will von den französischen Kollegen Einzelheiten über die Bootsexplosion wissen. Das Brandunglück vor der Rhone-Schleuse bei Lyon, vermuten die Berliner, könnte auf Sabotage oder einen Racheakt zurückzuführen sein.

Harbecke gilt in der Berliner Bordellszene seit gut zwei Jahrzehnten als schillernde Größe »mit breitbändiger krimineller Vita« (ein hoher Polizeiführer). Sein Vater verbreitet angebliche Kripo-Erkenntnisse, wonach der Halbwelt-Unternehmer mit 4,5 Millionen Mark angesammelten Vermögens den Ausstieg aus dem Gewerbe plane.

Harbecke selber hatte, ehe er losschipperte, einem Journalisten noch vieldeutig ins Mikrophon gesprochen, was er künftig wolle: »Leben, vor allem leben«.

Der Mann, der seine durch Armut und Kriminalität geprägte Jugendzeit ("Ich komme aus dem Müllcontainer") im Kiez durch weltmännisches Gehabe kompensiert, meinte es durchaus wörtlich. Zu viele Ganoven aus Harbeckes Umfeld haben Grund, ihm nach dem Leben zu trachten: *___Er war in ein Mordkomplott zwischen Berliner ____Unterweltlern und Exilgegnern des libyschen Staatschefs ____Gaddafi verwickelt. *___Einstige Mitläufer des zeitweiligen Fremdenlegionärs ____Harbecke beklagen die krude Raffgier des Bordelliers, ____mit der er sie »balbiert« habe. *___Nicht wenige Ganoven, die er, so der Jargon der Szene, ____"vermint« hatte, wanderten nach Harbecke-Kooperationen ____mit Ermittlern in den Knast, wo er selbst - wegen zwölf ____verschiedener Delikte - zehn Jahre saß.

Das Spektrum der Verurteilungen reicht von Körperverletzung, gemeinschaftlichem Diebstahl, Zuhälterei, schwerer Kuppelei, Anstiftung zur falschen Anschuldigung bis zu Betrug, Freiheitsberaubung, Urkundenfälschung, Bestechung und Waffenschieberei. In einem gerade laufenden Mordprozeß könnte der »vielgefragte Zeuge« (SFB) womöglich auch noch zum Mitbeschuldigten werden.

Der Fall hatte über Berlin hinaus Aufsehen erregt. Nach Todesschüssen auf das vermögende jüdische Ehepaar Gerhard, 82, und Ernestina Krüger, 81, hatte »Dieter, der Boss« der Kripo den mutmaßlichen Täter mit Hilfe einer verdeckten Bandaufnahme frei Haus geliefert - den Krüger-Sohn Ronald, einen Heilpraktiker und verschuldeten Gastwirt. Auszüge im Wortlaut: _____« War er erstaunt? Hat sie gekreischt, die Sau? Oder » _____« war se sprachlos? » _____« Das letztere. » _____« Wenn ich das gesehen hätte, ich wäre wichsend durchs » _____« Fenster gesprungen. Als du sie von hinten in die Köppe » _____« jeschossen hast, wie hat es gemacht? Böck oder klock? » _____« Ne, ne, det hat jemacht leiser als 'n Zündplättchen. »

Die Dialogfetzen brachten den Harbecke-Spezi »Ronny« auf die Anklagebank. Hilfsbereit verhielt sich Harbecke ("Ich finde, Mörder gehören an den Fliegenfänger") schon öfter gegenüber der Polizei. Einmal lieferte er den Fahndern einen dreifachen Mörder aus - es war der Schwiegersohn seiner Lebensgefährtin. Ein andermal schickte er einen gesuchten Mordverdächtigen offenbar mit dessen Einverständnis zur Polizei.

Der Bordellmann habe, rühmte sein früherer Anwalt Gerd Stübing vor Jahren in einer Eingabe an den Justizsenator, sich mit seinen Hinweisen und Fahndungstips »unter persönlichen Opfern«

um die »Gesellschaft« verdient gemacht.

Allerdings nicht zum Nulltarif. Als Gegenleistung für seine hilfreichen Hinweise forderte er von der Justiz »die Gnade der Aussetzung« (Stübing) einer Reststrafe. Der Strafnachlaß in eigener Sache wurde prompt gewährt. Ehemalige Harbecke-Gefährten behaupten deshalb, der Polizeihelfer habe sich »durch gezielte oder willkürlich gehandhabte Denunziation von gegen ihn selbst gerichteten Strafverfolgungen« ganz oder teilweise freikaufen können. Bei Berliner Anwälten kursiert zudem der Verdacht, der Puff-Aufseher sei ein »regelrechter V-Mann«, die kriminelle Legende die sichere Tarnung.

Die Nachrichtenbörse, wo sich alle Beteiligten trafen, war Harbeckes Klub »Pension Regina« im Stadtteil Wilmersdorf, ein für allerhand Vergnügungen präpariertes Etablissement mit Bordellbetrieb.

Das strenge Harbecke-Regiment über gut ein Dutzend Frauen erlebten zivile Fahnder zeitweise hautnah mit. Dienstliche Erkenntnisse, wissen Insider, hätten die Polizisten über eine hausseitig installierte Wanze gewinnen können.

Vor Jahren schon, nach einem mit Buttersäure und Schlagwerkzeugen ausgetragenen Bandenkrieg konkurrierender Unternehmen, kamen den Ermittlern immer mal detaillierte anonyme Strafanzeigen auf den Tisch. Tenor: »Spitzenpolitiker« und »andere zahlreiche hochgestellte Persönlichkeiten« könnten im »Regina« erpreßbar gemacht worden sein - mit Hilfe von »Spezialvorrichtungen«, die es ermöglichten, eine »eindeutige Situation für die Nachwelt zu erhalten«.

Bislang gab es für diesen Verdacht öffentlich aber nur einen Beleg: Ein Tegeler Justiz-Oberinspektor, der gegen die Zusage späterer Vollzugsvergünstigungen von Häftlingen, so auch von Harbecke, größere Geldsummen gefordert hatte, kassierte 1976 erstinstanzlich zwei Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe und Spott obendrein: Eindeutige Bilder mit einer Sonja im »Regina« machten die Runde.

Wie stimmig in diesem Milieu Zeugenaussagen geraten, mußten Harbecke-Opfer wie der frühere Berliner CDU-Parlamentarier Jürgen Matthes oder ein beteiligungswilliger Geschäftspartner namens Peterson erfahren. Der Politiker hatte sich am Rande einer von Harbecke und Co. inszenierten Betrugsgeschichte »als Lockvogel mißbrauchen« (Matthes) und sich eine größere Parteispende andienen lassen, die aufs Privatkonto gezahlt werden sollte. Er verlor sein Mandat.

Peterson, der ursprünglich bei Harbecke als 50-Prozent-Teilhaber einsteigen wollte, versucht derzeit auf dem Klagewege die restlichen vier Fünftel einer quittungslos gegebenen Einlage von 250 000 Mark einzutreiben. Vor Gericht scheint selbst die Zahlung strittig. Im Rahmen einer Gegenklage wiesen Harbecke-Anwälte bereits per Schriftsatz darauf hin, »daß dieser Betrag nicht den Streitgegenstand bildet«.

Auch im Berliner Doppelmord-Verfahren, das vergangene Woche nach einem geplatzten ersten Prozeßanlauf neu aufgerollt wurde, bleibt Harbeckes Rolle strittig. Krüger will nach jüngster Einlassung die zwei zur Tat benutzten Pistolen zuvor von dem Klub-Unternehmer »zur Aufbewahrung« erhalten haben. Stunden nach den Todesschüssen sei ihm Harbecke bei der Verwüstung des Tatorts, mit der eine falsche Fährte gelegt werden sollte, behilflich gewesen.

Einzelne Passagen auf der vom Bordellchef der Kripo überlassenen Kassette mit dem Mitschnitt der Krüger-Selbstbeschuldigung vermitteln zudem den Eindruck, als ob beide gemeinsam die Tat geplant hätten, ehe Krüger schließlich - laut Anklage aus Angst vor drohender Enterbung - zur Selbsthilfe griff. Originalton Krüger: _____« Ich hatte ehrlich gesagt kein Vertrauen mehr zu euch, » _____« und, äh, ähm ... da habe ich mir gesagt, denn muß es » _____« ebend, äh, anders ablaufen. »

In Tischgesprächen, »zwischen Essen, Schwatzen und Lachen«, bestätigt eine frühere Harbecke-Freundin, sei zwischen den beiden immer mal wieder ("Für mich war das ein Scherz") ventiliert worden, wie der Sohn seine verhaßten Eltern loswerden könne, etwa bei »einer gemeinsamen Bootsfahrt«.

Die Bootsexplosion in Lyon ist womöglich eine makabre Parallele zu jenen Mordvisionen, zumal Harbecke selbst ein Attentat vermutet. Die Spur könnte weit über das Kapitalverbrechen im Familienkreis hinausführen.

Im Prozeß gegen den Berliner Gerüstbau-Unternehmer Hilmar Hein (SPIEGEL 8/1987) und die mit ihm kungelnde Anti-Gaddafi-Fronde hatte Harbecke für die Lieferungen diverser Waffen eine vergleichsweise milde Bewährungsstrafe von zwei Jahren und 12 000 Mark Geldbuße erhalten.

Mit einer von Harbecke vermittelten Pistole - einer Walther PPK, Nummer 176979 - war zwischen dem 17. und 20. August 1984 der Londoner Gaddafi-Repräsentant Ali el-Dschahur erschossen worden. Die Täter blieben ebenso unbekannt wie Monate zuvor nach dem Mord am Chef des libyschen Volksbüros in Rom, zu dem sich - wie in London - eine angeblich von US-Diensten tolerierte Geheimloge namens »Al Burkan« bekannte.

Harbecke, der Kontakt zu einem Repräsentanten der Exil-Libyer nicht abstreitet und sich auch der Nähe zum Geheimdienst rühmt, war laut Angaben von Zeugen aus dem Hein-Verfahren zum Tatzeitpunkt in Rom und hat zumindest keine ideologischen Hemmnisse gegen solche Aufträge: »Das ist wie Stühlerücken.«

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