NAHER OSTEN / SCHUKEIRI Böser Geist
Im Sitzungssaal der Arabischen Liga in Kairo, in dessen Edelholzwand in goldenen Lettern der Koranspruch »Bauet auf die Lehre Allahs und einiget euch« graviert ist, einigten sich Mitte dieses Monats die Delegierten von zwölf arabischen Ländern.
Weil Jordaniens 40 000-Mann-Armee zwar »ausgezeichnet ist, aber die 530 Kilometer lange Grenze mit Israel nicht überall gleichzeitig verteidigen kann« (so die Londoner »Times"), beschlossen die Araber, Hilfstruppen ins haschemitische Königreich zu entsenden.
Der wahre Grund für ihre Waffenhilfe: Sie wollen den Haschemiten-König Hussein durch die Stationierung von Araber-Truppen in Jordanien zwingen, seine gemäßigte Haltung gegenüber Israel aufzugeben und sich den militanten Israel-Gegnern anzuschließen.
Husseins Delegationschef in Kairo: Außenminister Akram Zuaiter, durchschaute die Absicht der Araber. Schützen -Hilfe, so erklärte er seinen Kollegen, sei willkommen - aber nur von regulären Truppen befreundeter arabischer Staaten und nicht von Soldaten der sogenannten Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO).
Denn hinter dieser Organisation steht der erbittertste Gegner des Jordanien -Königs: Ahmed Schukeiri, vor dem sich Hussein mehr fürchtet als vor den Israelis.
Der in Kairo residierende PLO-Präsident fordert die Wiederherstellung des 1948 - nach dem Abzug der Briten in Jordanien und Israel aufgeteilten Mandatsgebiets Palästina. Und das bedeutet: Nicht nur Israel soll aufhören zu bestehen, auch Jordanien soll in dem neuen Staat aufgehen, als dessen Chef Schukeiri sich heute schon fühlt.
Schukeiri: »König Hussein muß das Schicksal der Israelis teilen. Seine Monarchie muß ebenso von der Bildfläche verschwinden wie der Staat Israel.«
Die Pläne des Hussein-Gegners sind keine nebulose Fata Morgana: Der in der alten Kreuzfahrerstadt Akkon am Mittelmeer geborene Schukeiri, der sich selbst gern als »Talleyrand des Nahen Ostens« bezeichnet, ist heute einer der mächtigsten Männer zwischen Euphrat und Nil.
Ägyptens Präsident Nasser stützt ihn, Arabiens Könige hassen ihn, über eine Million Palästina-Flüchtlinge, die seit 1948 aus dem neuen Staat Israel in arabische Länder (vor allem nach Jordanien) flüchteten, vergöttert ihn.
Schukeiri, 58, Sohn eines tiefreligiösen Scheichs, der noch Abgeordneter im Reich des türkischen Sultans war, gesellte sich schon als Jugendlicher zu den arabischen Ultra-Nationalisten, wetterte gegen die Briten und wurde vom Studium ausgeschlossen.
Nach dem Krieg und der Teilung Palästinas wechselte Schukeiri die Staatsbürgerschaft wie sein Hemd: Als Uno -Delegierter Syriens überwarf er sich mit den Politikern in Damaskus - und wurde entlassen. Als Uno-Delegierter Saudiarabiens schmähte er die Zionisten als »Nazis des Nahen Ostens«, die Amerikaner als »imperialistische Totengräber«, verärgerte König Saud - und wurde entlassen. Sofort wechselte er in das Lager des Ägypters Nasser und bot ihm seine Dienste im Kampf gegen Israel an. Mit Nassers Billigung gründete der Völkerwanderer im Mai 1964 in einem Kinosaal der Jerusalemer Altstadt in Anwesenheit von 350 Palästina -Flüchtlingen die »Palästinensische Befreiungsorganisation«.
Von Schukeiri-Freund Nasser bedrängt, beschloß die Gipfelkonferenz der Arabischen Liga noch im selben Jahr, jedes arabische Land solle
- die PLO durch eine »Palästina -Steuer« von drei bis fünf Prozent des Brutto-Einkommens seiner Bürger finanzieren,
- Ausbildungslager für PLO-Einheiten
errichten und
- der PLO seine gesamten Kommunikationsmittel zur Verfügung stellen.
Die Arabische Liga selbst - zahlte Schukeiri für den Anfang 70 Millionen Mark. Dafür stellte Schukeiri - der sich »Feldmarschall der Palästina-Befreiungsarmee« nennt, von seinen Gegnern indessen »Berufspalästinenser« genannt wird - in den Flüchtlingslagern im Gaza-Streifen eine 3000-Mann-Brigade auf. Sie trägt ägyptische Uniformen und ist nur durch die Schulterklappen-Aufschrift »Felestin« (Palästina) von regulären Nasser-Truppen zu unterscheiden.
In Syrien steht in dem Städtchen Dera nahe der jordanischen Grenze ein etwa 800 Mann starkes PLO-Regiment, das sich ebenfalls nur durch die »Felestin« -Schulterklappe von syrischen Soldaten unterscheidet.
Im Irak und in Kuwait sind einige Hundertschaften von Palästina-Flüchtlingen in je einem Regiment zusammengefaßt. In Rotchina studierten aufgrund einer Vereinbarung zwischen Schukeiri und Mao Tse-tung drei Dutzend PLO Männer chinesische Guerilla-Taktiken. Jeder Schukeiri-Soldat brachte aus dem Fernen Osten ein Chinesisches Gewehr in den Nahen Osten zurück.
Einige arabische Staaten, darunter vor allem Jordanien, lehnten jedoch von Anfang an das Konzept einer PLO Armee ab, weil sie eine direkte Einmischung des Schukeiri-Protektors Nasser in ihre Innenpolitik befürchteten.
Für Schukeiri aber ist Jordanien in seinem Feldzug gegen Israel und für ein neues Palästina der wichtigste Staat: Von der jordanisch-israelischen Grenze aus hat er fast alle wichtigen israelischen Städte in Schußbereich.
Ende Mai dieses Jahres begann der Berufspalästinenser einen erbitterten Guerilla-Krieg - nicht gegen die Israelis, sondern gegen Hussein: Der jordanische Geheimdienst deckte einen Attentatsplan gegen den König auf. 45 Palästinenser, darunter zwölf PLO Mitglieder, wurden verhaftet und des Mordversuchs angeklagt.
Vier Tage später tönte Schukeiri vor 400 Gefolgsleuten Im Nasr-Kino im Gaza-Streifen: »Bevor wir Israel bekämpfen, müssen wir die Feinde im eigenen Lager niederringen.«
»Radio Felestin«, ein der PLO vom ägyptischen Rundfunk zur Verfügung gestellter Sender, forderte den Rücktritt des jordanischen Kabinetts. »Radio Damaskus« schloß seine Appelle gegen Hussein mit der Aufforderung: »Araber, marschiert auf den Basman-Palast (Husseins Amtssitz). Das ist der Beginn des Weges nach Tel Aviv.«
König Hussein konterte: »Ich werde die Hand abhacken, welche die Einheit Jordaniens zerstört. Ich werde jedes Auge ausstechen, das uns mit dem Blick des bösen Geistes betrachtet.«
Als die Israelis am 13. November in ihrer größten Militär-Aktion seit dem Suez-Krieg mit 3000 Mann, 15 Patton -Panzern und 80 Truppenfahrzeugen, unterstützt von vier Mirage-Düsenjägern, das Jordan-Dorf Samua überfielen, blies Schukeiri zum Frontalangriff gegen Hussein: »Der König überließ die Bewohner von Samua ihrem Schicksal. Er konspirierte mit den Israelis und hielt seine Soldaten vom Gegenangriff ab. Jetzt gilt es, diesen König aus dem Wege zu räumen.«
Und: »Hussein wird bald das Schicksal seines ermordeten Großvaters teilen
- seine Tage sind gezählt.«
Radio Felestin verkündete: »Die Stunde ist gekommen, sich gegen den verräterischen König zu erheben.«
Daraufhin begann in den vorwiegend von Palästina-Flüchtlingen bewohnten Städten Hebron, Nablus, Ramallah, aber auch in Jerusalem, die größte Demonstration, die Hussein seit dem Beginn seiner Regentschaft erlebt hatte. Schukeiri-Anhänger trugen Schukeiri -Bilder forderten die Abdankung des Königs, der beim Überfall auf Samua nicht eingegriffen habe, verlangten die Verlegung der PLO-Armee nach Jordanien, die Bewaffnung der Palästinenser und die Befestigung der Dörfer entlang der israelischen Grenze.
Schukeiris syrische Freunde schleusten Sabotage-Trupps nach Jordanien, die öffentliche Gebäude, Brücken und militärische Nachrichtenanlagen angriffen. Syriens Staatschef kündigte an, er werde die Palästinenser-Rebellen gegen Hussein bewaffnen.
Schukeiris erster öffentlicher Aufstand gegen Hussein endete nur mit einem Teilerfolg.
Hussein ordnete zwar die allgemeine Wehrpflicht (also auch die Bewaffnung der Palästinenser) und die Befestigung der Grenzdörfer an. Aber nach einem mehrtägigen Ausnahmezustand - die Bevölkerung hatte nur zwei Stunden am Tag Zeit zum Einkaufen, die Zeitungen stellten ihr Erscheinen wegen »Nachrichtenmangels« ein - schlug der König mit Hilfe der ihm treuen Beduinen-Regimenter den Aufstand der Palästinenser nieder, die in Hebron auf öffentlichen Gebäuden die Flagge von Groß-Palästina gehißt hatten.
Und als die Israelis ihn durch Vertrauensleute wissen liegen, daß sie den Überfall auf Samua bedauerten, widersetzte sich Hussein mit allem Nachdruck der Verlegung einer PLO-Schutztruppe in sein Land.
Statt dessen bestellte er - zum Schutz gegen PLO und Schukeiri - in den USA 36 Starfighter und in England einen Karate-Meister, der ihm in einem Dreimonatskurs die Kunst der Selbstverteidigung beibringen soll.
Palästinenser-Chef Schukeiri
»Der König wird sterben ...
... wie sein Großvater": Israelischer Kibbuz nach Angriff von Schukeiri-Partisanen