SÜDOSTASIEN Böser Wind
Sonntagmorgen um drei klingelte es an den Wohnungstüren von drei leitenden Redakteuren der »Nanyang Siang Pau«, einer angesehenen chinesischen Tageszeitung in Singapur. Die Journalisten wurden verhaftet. Drei andere Zeitungen des Stadtstaats am Äquator mußten ihr Erscheinen einstellen. Die Publikationen hatten Bande zu Peking; sie »verherrlichten kommunistische Lebensform« -- so die Regierung -- oder bekamen Geld aus China.
Singapur-Premier Lee Kuan Yew, selbst Chinese, duldet Mao-Lobpreisungen in seinem Inselstaat mit einer zu 80 Prozent chinesischen Bevölkerung nicht. Eine Annäherung an Peking -- so befürchtet Lee -- könnte aus Singapur, einer selbständigen und wohlhabenden Republik, ein »Drittes China« als willenlosen Satelliten Pekings und aus ihm selbst einen ohnmächtigen Statthalter machen. Daher sind in Singapur politische Peking-Kontakte tabu.
Singapurs südostasiatische Nachbarn verhalten sich neuerdings anders. Der amerikanische Rückzug aus Indochina stürzt sie ins Dilemma. Thailand, Burma, Malaysia, Indonesien und die Philippinen können das Machtvakuum nicht auffüllen. Sie, die bisher auf die Amerikaner bauten, sehen Südostasien dem Zugriff der wirtschaftlich übermächtigen Japaner, der machtpolitisch interessierten Russen und der revolutionär-militanten Chinesen ausgesetzt.
Die Nachbarn der Chinesen mußten erkennen, daß ein südostasiatischer Zusammenschluß -- wie etwa von den Philippinen vorgeschlagen -- oder der von den Russen propagierte asiatische Verteidigungspakt nicht zustande kommen wird, zumal die Asiaten argwöhnen, die -- weißen -- Russen verfolgten damit nur neokoloniale Ziele.
Wirtschaftliche Schwierigkeiten Indonesiens, Rassengegensätze in Malaysia, soziale Mißstände auf den Philippinen, kommunistische Guerillas in Thailand und Burma schaffen unterschiedliche nationale Zielsetzungen. Territorialdispute zwischen den Philippinen und Malaysia, Singapur und Malaysia, Indonesien und Malaysia verhindern eine echte Zusammenarbeit. Eine südostasiatische Gemeinschaft bleibt illusionär.
Wie stets in seiner Geschichte ist Südostasien wieder dem Hegemoniespiel der beiden großen ostasiatischen Mächte China und Japan ausgeliefert. Die Alternative ist historisch belastet -- und problematisch.
Das Mißtrauen gegenüber einem möglichen japanischen Bündnispartner sitzt noch zu tief. Die Erinnerungen an das großjapanische Reich der dreißiger Jahre und seinen aggressiven Nationalismus sind noch zu frisch. In Nippons wirtschaftlichem Imperium sehen die Japan-Geschädigten des letzten Kriegs eine modernisierte Neuauflage des japanischen Militarismus und fürchten, daß Japan allzugern die Rolle Amerikas als Schutzmacht erben würde.
So suchen die Südostasiaten den wirtschaftlichen und politischen Expansionsdrang der Japaner zu bremsen, indem sie mit den Chinesen flirten. Sie beugen sich dem »bösen Wind« -- wie der nationalchinesische Botschafter in Washington, James Schen, Rotchinas diplomatische Offensive nannte.
Auch erzkonservative Staaten wie die Philippinen und Malaysia schickten offizielle Handelsdelegationen nach Peking. Chinas Premier Tschou En-lai honorierte die Geste mit der Zusage, daß China diplomatische Kontakte zu beiden Staaten wünsche.
Über eine europäische Weiche, Rumänien, versucht das Inselreich Indonesien, sich vorsichtig wieder an Peking heranzupirschen. Die beiden großen Staaten haben eine drückende Hypothek aus jüngster Vergangenheit abzutragen: Vor sechs Jahren hatten die Chinesen einen kommunistischen Putsch in Indonesien angestachelt; die Insel-Militärs hatten dafür Hunderttausende Parteigänger Pekings massakriert. Heute handeln die beiden Länder -- über Hongkong -- wieder miteinander.
Auch Thailand setzt auf Vermittler in seiner Peking-Partie. Noch vor dem Rückzug der US-Truppen wurden aus den bisher ebenso antikommunistischen wie Amerika-hörigen Thai-Falken plötzlich flexible Tauben. Die Thais kehren damit zurück zu ihrer traditionell zwischen starken Nachbarn schaukelnden Außenpolitik, die ihnen aber all die Jahrhunderte ihre Freiheit erhielt und sie als einzige Südostasiaten vor kolonialem Joch bewahrte. Sie betonen nach wie vor Amerikas strategisches Eigeninteresse in Thailand. ermutigen die Japaner. sich zu ihrer militärischen Rolle in Asien zu bekennen, boten aber auch den Chinesen jüngst eine erste Versöhnungsgeste: Der nationale Sicherheitsrat in Bangkok beschloß, die antichinesische Propaganda in den regierungskontrollierten Rundfunksendern einzuschränken. Die offizielle Sprachregelung nennt die von Peking unterstützten Meo-Rebellen nur noch -- unpolitisch -- »kriminelle Banden«.
Thailand hofft, daß ein Furt mit Peking den Elan der Meos bremst. Denn Peking unterstützt die roten Thai-Rebellen erst, seit Thailand an amerikanischer Seite in Vietnam engagiert ist.
Das traditionell neutralistische Burma, das 1949 als erstes Land Asiens Peking anerkannte, stellte die seit 1967 unterbrochenen diplomatischen Beziehungen wieder her -- um seine politische Neutralität zu bewahren und sich vor Mao-Rebellen zu schätzen. Regierungschef Ne Win unterschrieb alle Bedingungen, die Peking dafür stellte. Selbst Mao-Plaketten dürfen in der Mönchs-Metropole Rangun wieder getragen werden,
Der ceylonesischen Regierung unter Sirimavo Bandaranaike, die seit zwei Monaten Mao-Rebellen massakrieren läßt. spendete Peking sogar 90 Millionen Mark als Wirtschaftskredit.
Trotz der diplomatischen Freundschaftskampagne gegenüber ihren Nachbarn wahrten die Chinesen verbal freilich revolutionäres Alibi. In einem in allen chinesischen Zeitungen veröffentlichten Artikel rief Peking zum
* Mit Gastgeber Tschou En-lai
Sturz der »reaktionären Regime« Burmas. Malaysias, der Philippinen, Thailands und Indonesiens auf -- jener Regierungen also. mit denen es diplomatische Beziehungen schon unterhält oder gerade sucht.