Bolzen mit Risiko - DER SPIEGEL
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BOSNIEN Bolzen mit Risiko

Erstmals seit dem Krieg spielen 20 Fußballteams wieder in einer gemeinsamen bosnischen Liga. Nationalisten suchen die sportliche Eintracht zu torpedieren.
Von Marion Kraske
• aus DER SPIEGEL 36/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fußball ist Kampf. Auf dem Rasen wie am Verhandlungstisch. Deshalb ist Vincent Monnier geschafft, jahrelang stritt und zerrte der Fifa-Emissär. »Es war ein nervenaufreibender Prozess«, schildert er den erbitterten Widerstand, den es zu überwinden galt. Nach drei Jahren war der Deal perfekt: In dieser Saison kickt Bosnien-Herzegowina, seit dem Dayton-Friedensabkommen in ein serbisches und muslimisch-kroatisches Gebiet geteilt, in einer einheitlichen Liga.

Sieben Jahre nach dem Ende des jugoslawischen Erbfolgekriegs hintertreiben serbische Nationalisten noch immer den gemeinsamen Staat, sähen sich lieber vereint mit den serbischen Brüdern in Rumpf-Jugoslawien. So weigerten sich Politiker und Sportfunktionäre aus der Republika Srpska, dem gesamt-bosnischen Fußballverband beizutreten. Erst nach der Auslieferung des Ex-Präsidenten Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, Symbolfigur für ein Großserbien, an das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag »wurden die Verhandlungen nicht einfach«, resümiert Monnier, »aber immerhin leichter«. Ohne Entgegenkommen, so die Warnung, keine Teilnahme an internationalen Turnieren. Als Lockmittel winkte die Fifa zusätzlich mit einer Million Dollar.

Erfolgreich: Seit August jagen 20 Mannschaften, einige von ihnen rein serbisch, unter zuweil illustren Namen wie »Buducnost« (Zukunft) oder »Slobodna« (Freiheit) nach dem gesamtbosnischen Titel. Den besten Start erwischte »Siroki Brijeg«, der Hohe Hügel. Das vereinte Bolzen bringe »ein Stück Normalität«, heißt es im Umfeld des Hohen Repräsentanten Paddy Ashdown. Illusionen macht man sich gleichwohl nicht: Dass damit etwa auch die Widerstände gegen die geplante gemeinsame Armee, eines der wichtigsten Projekte der internationalen Gemeinschaft, schwinden, wird allgemein bezweifelt.

Schon die ersten Begegnungen in der neuen Liga, in der Profis und Amateure spielen, sorgten für Aufregung. Nach dem Match zwischen den Mannschaften Çelik (Stahl) und Borac (Kämpfer) ging es ebenso kämpferisch weiter: Aufgebrachte muslimische Çelik-Anhänger attackierten den Bus der gegnerischen Fans mit Steinen. Die Polizei am Austragungsort in Zenica hatte Mühe, die Meute zu trennen. Zuvor hatten serbische Fans ihren Schlachtruf gebrüllt: »Karadzic Karadzic! Wir werden Zenica zu Grunde richten.« Der untergetauchte Serbenführer steht ganz oben auf der Fahndungsliste der Sfor-Friedenstruppe. Nicht als Maskottchen, sondern als Kriegsverbrecher.

»Jedes Spiel birgt zurzeit ein Risiko«, sagt Mehmed Spaho vom bosnischen Fußballverband. Auch kämen nicht in allen Vereinen die besten Spieler zum Zuge, sondern die der richtigen ethnischen Gruppe.

Noch immer erschwert Misstrauen zwischen Muslimen, Kroaten und Serben den Weg in eine gemeinsame Zukunft. Selbst führende Politiker tun sich schwer, die Vorurteile auszuräumen. Jugoslawiens Präsident Vojislav Kostunica etwa unterließ es bei seinem Besuch in Sarajevo Mitte Juli, sich für serbische Kriegsverbrechen im Bosnien-Krieg zu entschuldigen. In der bosnischen Presse hagelte es dafür harsche Kritik.

Was in der Politik nicht überwunden ist, kocht beim Fußball hoch: Ernüchternd war die Bilanz der ersten Partie der Nationalmannschaften Jugoslawiens und Bosniens seit Kriegsende. Es gab 44 Verletzte. Während des Spiels in Sarajevo grölten die Jugo-Anhänger, darunter zahlreiche Fans aus der Serben-Republik: »Hier ist Großserbien.« Die Bosnier, mit 0:2 unterlegen, konterten: »Allahu Akbar«, Allah ist groß. MARION KRASKE

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