Bonjour, Tristesse - DER SPIEGEL
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Juli 1998 Bonjour, Tristesse

Der ehemalige Nationalspieler, Meistertrainer und Champions-League-Gewinner JUPP HEYNCKES über die Fußball-Weltmeisterschaft 1998 und das enttäuschende Abschneiden der deutschen Mannschaft
• aus SPIEGEL Chronik 54/1998
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Das blamable Ausscheiden der Deutschen im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Lyon ist nicht mit dem Platzverweis von Christian Wörns, mit Pech oder schlechter Tagesform zu entschuldigen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, das haben alle ihre Spiele in Frankreich gezeigt, kann einfach nicht mehr mit den Weltbesten mithalten. Auch unter dem neuen Teamchef Erich Ribbeck wird sich daran so rasch nichts ändern. Die Rückkehr der Deutschen in die Weltspitze ist nicht von heute auf morgen möglich.

»Während sich die anderen weiterentwickelt haben, ist der deutsche Fußball irgendwie stillgestanden«, hat ein neutraler Beobachter, der Schweizer Fifa-Präsident Joseph Blatter, festgestellt.

Genauso ist es. Der Rücktritt von Berti Vogts hat an den Verhältnissen
nichts geändert. Er war zwar unvermeidbar, weil ein Trainer, der öffentlich derartig attackiert wird wie Vogts, bei den Spielern an Glaubwürdigkeit verliert. Aber an der Ist-Situation hat Vogts keine Schuld.

In den beiden EM-Qualifikationsspielen im Oktober, dem o:1 gegen die Türkei und dem 3:1 gegen Moldawien, ist erneut deutlich geworden, was für Fachleute schon lange vor den kläglichen WM-Auftritten der Deutschen unverkennbar war: Selbst gegen zweit- oder drittklassige Gegner reicht die Qualität des deutschen Teams nicht aus, ein Spiel zu gestalten. Wir haben keinen Weltklassespieler, unsere Fußballprofis sind technisch unzureichend ausgebildet, und die Taktik ist nicht mehr zeitgemäß.

Bedrückender als die Niederlage gegen Kroatien war die Erkenntnis, daß uns Spieler mit Perspektiven fehlen. Auch Italien, Spanien und England sind früh gescheitert. Doch in diesen Teams stehen junge Spieler mit glänzenden Aussichten: Del Piero und Vieri bei den Italienern, Raúl und Morientes bei den Spaniern, Beckham und Owen bei den Engländern.

Von der Spielkultur der Halbfinalisten Frankreich, Brasilien und Holland sind wir ohnehin weit entfernt - und auch von der Leidenschaft, der taktischen Disziplin, mit der die Kroaten ihre qualitativen Defizite wettmachten. Große Mannschaften verbreiten Spielfreude und Enthusiasmus. Die positive Berufseinstellung habe ich bei den Deutschen vermißt. In dieser Elf war kein Leben.

Alle Mannschaften, die auf hohem internationalen Niveau mithalten wollen, müssen in der Lage sein, das Angriffsspiel aus der Defensive heraus zu gestalten. Dazu braucht man Verteidiger, die kreative, technisch gute Fußballer sind. Die haben wir nicht, und das ist ein wesentlicher Grund für die Misere.

Von allen großen Fußballnationen beherrschen die Deutschen derzeit das konstruktive Aufbauspiel aus der Abwehr am wenigsten - die Folge jahrelanger
Versäumnisse in der Ausbildung unserer Talente und eines antiquierten Spielsystems.

Renommierte ausländische Clubs sind uns um Längen voraus. Bei Ajax Amsterdam zum Beispiel wird von den Schülermannschaften bis zum Profiteam die gleiche, offensiv ausgerichtete Taktik gelehrt. Die Trainer werden danach ausgewählt, ob sie zur Fußball-Philosophie des Vereins passen.

Während die variable Vierer- oder Dreierkette längst internationaler Standard ist, spielen die deutschen Vereine immer noch mit einem Libero als freiem Mann in der Abwehr. Das führt zur personellen Unterlegenheit im Mittelfeld, wenn der Libero bei Ballbesitz der eigenen Mannschaft nicht permanent aufrückt. Matthias Sammer konnte das zu seinen Glanzzeiten, Olaf Thon in physisch bester Verfassung auch.

Lothar Matthäus kann es nicht mehr. Ihm fehlt die Kraft. In der Bundesliga ist das für die Bayern kaum ein Nachteil. Erstens praktizieren die anderen dasselbe System, und zweitens ist das Münchner Starensemble dank seiner individuellen Qualität zu dominant. In der Nationalelf jedoch oder in der Champions League werden die Defizite sichtbar.

Das ist kein negatives Werturteil über Lothar Matthäus. Er war der beste Fußballprofi, mit dem ich jemals zusammengearbeitet habe - trotz eines Redondo, Roberto Carlos, Seedorf oder Mijatovic bei Real Madrid. Matthäus konnte alles. Seine Dynamik, seine Zweikampfstärke, seine Sturmläufe waren einzigartig. Doch im internationalen Fußball von heute kann ein 37jähriger keine bedeutende Rolle mehr spielen.

Wir waren gewohnt, daß wie selbstverständlich eine neue Generation von Weltklassespielern nachrückte, wenn die alte abtrat. Ob Fritz Walter und Helmut Rahn in den fünfziger Jahren, danach Seeler, Haller, Schnellinger, dann Overath, Beckenbauer, Netzer und Gerd Müller, ob Rummenigge und Schuster, Matthäus und Völler oder zuletzt Sammer - stets reiften Talente zu großen Spielern, die gewissermaßen mit dem Ball auf der Straße aufgewachsen waren.

Die gesellschaftlichen Bedingungen haben sich geändert, wir müssen uns darauf einstellen. Ohne systematische Ausbildung in Nachwuchszentren, in denen Jugendlichen Raum zur Entfaltung ihrer Kreativität, ihrer Individualität und der Lust am Spiel gewährt wird, in denen ihre Ballfertigkeit geschult wird und sie modernes taktisches Verhalten lernen, werden sich Talente nicht entwickeln können. Das über Jahrzehnte hinweg funktionierende Zufallsprinzip hat ausgedient.

Jupp Heynkes
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