Boom im Bad - DER SPIEGEL
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GESUNDHEIT Boom im Bad

Trotz steigender Arbeitslosigkeit erreichten die Anträge für Heilkuren ebenso wie der Krankenstand neue Rekordmarken.
• aus DER SPIEGEL 29/1981
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Mit Freude und Genugtuung registriert der Deutsche Bäderverband, unter dessen Dach sich 255 Kurverwaltungen mit nahezu 650 000 Betten vereinigt haben, die Symptome der Genesung. Nach Jahren finanzieller Atemnot kriegen Deutschlands Kurkliniken und -bäder wieder Luft. Der Andrang der Bundesbürger zu Heilverfahren ist stärker denn je.

Bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA), der Arbeiterrentenversicherung und der Knappschaftlichen Rentenversicherung, die zusammen den weitaus größten Anteil von Heilbehandlungen und Maßnahmen zur Rehabilitation finanzieren, gingen im vergangenen Jahr mehr Kuranträge ein als je zuvor: rund 970 000, das sind 9,5 Prozent mehr als 1979. Bei der Angestelltenversicherung (380 000 Anträge) betrug der Zuwachs sogar 10,6 Prozent.

Sozialpolitiker und Experten der Rentenversicherungen rätseln unterdes, wie es zu diesem Kurboom kommen konnte. Denn bislang galt es als eherne Regel, daß die Nachfrage nach Heilbehandlungen mit der allgemeinen Beschäftigungslage stark korrelierte: Je ungünstiger die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, desto niedriger die Zahl der Kuranträge. 1973 beispielsweise, als im Jahresdurchschnitt nur 273 000 Bundesbürger arbeitslos gemeldet waren, gingen bei den Rentenversicherungen 914 000 Einzelanträge auf Heilbehandlung ein, die bis dahin höchste Zahl.

In den folgenden Jahren schrumpften mit steigender Erwerbslosigkeit auch die Kuranmeldungen. 1976 begehrten nur 800 000 Bundesbürger eine Heilbehandlung, gut eine Million Arbeitnehmer war ohne Job. Erst Mitte 1978, als Konjunktur und Beschäftigung sich wieder stabilisiert hatten, stiegen auch die Anträge bei den Rentenversicherungen wieder an -- 1979 um 9,8 Prozent auf 885 000. Freilich wurde die Rekordmarke des Jahres 1973 immer noch nicht erreicht.

Dies änderte sich erst 1980, obwohl die Zahl der Arbeitslosen wieder kräftig stieg. Im Januar meldete allein die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte ein Antragsplus gegenüber dem Vorjahresmonat um 34 Prozent, im Februar drängten 21 Prozent mehr in Bäder und Kurkliniken als im Vergleichsmonat 1979.

»Durchaus zufriedenstellend«, »erfreulich«, »positive Bilanz« lauten die Urteile im jüngsten Geschäftsbericht des Bäderverbandes. Niemals zuvor hatten die Bäder und Sanatorien trotz Konjunkturflaute, steigender Arbeitslosigkeit und allgemein trüber Zukunftserwartungen so viel Zulauf wie derzeit. Insgesamt suchten fast 6,5 Millionen S.64 Bundesbürger -- mehr als zehn Prozent der Bevölkerung -- 1980 irgendeinen der 255 anerkannten Kurorte auf.

Ähnliche Tendenzen stellen die gesetzlichen Krankenversicherungen bei den Krankmeldungen fest. Auch hier bestand ehedem ein auffälliger Zusammenhang zwischen der Zahl der Arbeitslosen und der Krankgemeldeten. 1973 -- damals herrschte Vollbeschäftigung -- ermittelten die Ortskrankenkassen einen Krankenstand bei den pflichtversicherten Männern von 6,06 Prozent, den bis dahin höchsten Wert. Zwei Jahre später, auf dem Höhepunkt der Rezession, war der Krankenstand auf 5,37 Prozent gesunken.

Seither nahmen die Krankmeldungen in jedem Jahr zu, und 1980 waren nach Erhebung des Bundesverbandes der AOK wiederum 6,06 Prozent der Pflichtversicherten krank geschrieben, obwohl die Zahl der Arbeitslosen wieder stark anzog.

In Wahrheit dürfte der Krankenstand noch höher sein als von den Kassen ermittelt. Denn ein Patient erscheint oft erst dann in der Kassenstatistik, wenn am dritten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung des Arztes erforderlich ist. Fehlzeiten von weniger als drei Tagen werden den Kassen häufig nicht bekannt. Bei den Betriebskrankenkassen, die ihre Mitglieder besser im Blick haben als die AOK, betrug der Krankenstand rund sieben Prozent.

Beim Krankenstand halten sich die Bundesbürger seit langem in der Spitze der Industrieländer, bei den Kuren sind sie unerreicht, denn Heil-, Rehabilitations- und Vorbeugekuren wie hier gibt es in diesem Umfang nirgendwo sonst. Laut Gesetz dient das Heilverfahren der Erhaltung, wesentlichen Besserung oder Wiederherstellung der durch Krankheit gefährdeten oder geminderten Erwerbsfähigkeit. Diese Kuren werden durchweg von den Rentenversicherungen voll finanziert. Darüber hinaus gewähren die Krankenkassen Genesungskuren bei Übernahme der Kosten sowie Vorbeugekuren, bei denen der Patient im allgemeinen nur einen Zuschuß zu den Kosten erhält. Schließlich zahlen die Krankenkassen für jene kurenden Familienmitglieder, die nicht Mitglieder der Rentenversicherung sind.

Den jüngsten Kurboom nähren vornehmlich die Beitragszahler der Rentenversicherung. Denn die Zahl der ihnen insgesamt verschriebenen Heilverfahren stieg im vergangenen Jahr um knapp acht Prozent, in den Kneippkurorten war die Zahl der Sozialversicherten um etwa neun Prozent, in Mineral- und Moorbädern sogar um knapp elf Prozent höher als im Vorjahr. Erfreut berichtete der Bäderverband, 1980 seien an Kneippkurorten 15,9 Prozent mehr Kurmittel abgegeben worden als in der Vorsaison. Und während die privaten Kurgäste durchschnittlich 11,9 Tage verweilten, blieben die Sozialversicherten 27,4 Tage.

Schon Anfang 1979 schrieb der Tübinger Medizin-Professor Johannes A. Laberke, Kuren seien bislang »nicht selten als soziale Selbstbedienungseinrichtungen mißverstanden, beansprucht und angeboten« worden. Mit griffigen Werbeformeln, immer höherem Komfort und opulenten Freizeiteinrichtungen locken die Kurorte die Patienten an, Bund und Länder fördern etwa den Bau von Kommunikationseinrichtungen aller Art mit dreistelligen Millionenbeträgen, um Beschäftigung in den oft strukturschwachen Erholungsgebieten zu schaffen. Arbeitsminister Herbert Ehrenberg betätigt sich seit längerem als Lobbyist für das Bäder- und Kurwesen.

Ehrenbergs Formel »Kur geht vor Rente« und die ins Kraut schießenden Angebote der Kurverwaltungen sind von den Versicherten offenbar verstanden worden. Dabei geht es nicht um die Frage, inwieweit etwa durch medizinische Gefälligkeitsdiagnosen der Urlaub sozialisiert wird. Tatsächlich werden alle ärztlichen Gutachten vom vertrauensärztlichen Prüfdienst der Träger überwacht.

Vielmehr ist es nach den gesetzlichen Anspruchsbegründungen gar nicht so leicht möglich, einen über vierzig Jahre alten Versicherten abzuweisen, denn sehr viele Angehörige dieser Altersgruppe haben gesundheitliche Einschränkungen, die irgendwann einmal die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigen könnten: rheumatische Beschwerden, degenerative Veränderungen der Wirbelsäule, psychosomatische Störungen, Bluthochdruck.

Derzeit werden jährlich etwa 22 000 Bundesbürger wegen Fettsucht verschickt, häufig zum wiederholten Mal. Seit das Bundessozialgericht Alkoholismus als Krankheit anerkannt hat, wächst die Zahl der Alkoholiker in den sogenannten Trockendocks der Sanatorien: Das Krankenhaus besorgt die Entgiftung, die Kurklinik ist um Entwöhnung bemüht, häufig mit sehr bescheidenem Erfolg.

Gegen die von Sozialpolitikern gern vertretene These, wachsendes Gesundheitsbewußtsein habe den Anstieg der Rehabilitationsverfahren besorgt, spricht der Umstand, daß Erkrankungen auf Grund von Genußmittel-Mißbrauch in besonderer Weise die Kurbilanz aufblähen. Zudem ist bemerkenswert, daß die gesetzlichen Krankenkassen bislang offenbar von der Kurwelle verschont geblieben sind. Der Versuch, die Kosten zu dämpfen -- etwa durch drastische Einschränkungen der Auslandskuren -- trug Früchte, freilich mit der unerwünschten Nebenwirkung, daß manche Versicherte den Antrag jetzt bei der Rentenversicherung stellen.

Die früher verbreitete Furcht der Versicherten, der Arbeitsplatz könne verlorengehen, wenn gesundheitliche Störungen eingestanden werden, fällt offenbar nicht mehr so stark ins Gewicht. Der Düsseldorfer Medizinsoziologe Professor Christian von Ferber etwa glaubt, daß angesichts verschlechterter Auftragslage viele Unternehmen es nicht ungern sehen, wenn Angehörige der Stammbelegschaft für eine Weile zur Kur gehen.

Der Tragfähigkeit des vielbesagten sozialen Netzes ist damit kaum gedient. Die erhöhte Inanspruchnahme der solidarischen Einrichtungen durch Patienten, Krankenhäuser, Arzneimittelhersteller und Ärzte bescherte beispielsweise den gesetzlichen Krankenversicherungen im ersten Quartal dieses Jahres einen Ausgabenanstieg je Mitglied von 6,84 Prozent, die Arzneimittelindustrie tat mit einem Umsatzplus von 9,1 Prozent den besten Griff. Die konzertierte Aktion für das Gesundheitswesen hatte einen Ausgabenanstieg von vier Prozent anvisiert.

Auch die Besorgnis der Kurverwaltungen, der Antragseingang könnte wegen der nachhaltigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten stocken, erfüllte sich nicht. In diesem Jahr ist der Andrang bei Moor-, Mineral-, Kneipp- und Seebädern ebensogut wie im vergangenen.

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