Branchenübliche Geschäfte - DER SPIEGEL
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SCHMIERGELDER Branchenübliche Geschäfte

• aus DER SPIEGEL 21/1954
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Von dem imposanten Kino-Kranz, der vor dem Kriege im Zeichen des Ufa-Rhombus die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und die Schlagader des feineren Berliner Amüsements - den Kurfürstendamm - umsäumte, hatte der Bombenkrieg so gut wie nichts übriggelassen.

Als aber in den Nachkriegsjahren der Kudamm zu einer (asthmatischen) Imitation seiner selbst hochgepäppelt wurde, konnte er schon bald wieder zwei stattliche Premieren-Kinos unter dem noch immer stolzen Ufa-Namen aufweisen: das »Marmorhaus« und die »Filmbühne Wien«.

Die zuerst von den Alliierten eingesetzten und später von dem Ufa-Treuhänder für den britischen Sektor Berlins, Dr. Carl Brauns, bestätigten Direktoren der beiden Kinos, Karl Jacob und Kurt Tuntsch, gehörten zu den Spitzen der nach der Blockade noch ärger zusammengeschlossenen Westberliner Vergnügungsprominenz.

Tuntsch machte sich den Insulanern durch seine Freilichtveranstaltungen in der Berliner Waldbühne (mit Sonderpreisen für Ostzonenbewohner) beliebt. Jacob trat bei den allsommerlichen »Internationalen Filmfestspielen« als einer der Hausherren und prominentesten Berliner Filmrepräsentanten auf. Beide schätzten den Lebensstil der sogenannten großen Welt.

Vergangene Woche aber saßen sie als Hauptpersonen eines Skandals in Untersuchungshaft. Sie sind angeklagt, »mindestens eine viertel Million Mark« (Ufa-Liquidator Dr. Elmendorff) veruntreut und unterschlagen zu haben. Es handelt sich um Gelder, die der Ufa-Treuhandverwaltung zustehen.

In der Darstellung des von Bonn berufenen Ufa-Liquidators Elmendorff bestehen diese Veruntreuungen »in der Vortäuschung von nicht erfolgten Lieferungen und Leistungen und anderen Manipulationen«.

Schlichter gesagt, haben die beiden Theaterdirektoren mindestens seit der Währungsreform mäßig, aber regelmäßig mit fingierten Rechnungen gearbeitet und Barzahlungen an Deckadressen abgebucht. Tuntsch erklärte die falschen Buchungen als »branchenübliche Geschäfte«.

Liquidator Elmendorff: »Die Unterschlagungen wurden von beiden etwa in der gleichen Höhe vorgenommen. So wurde eine falsche, aber übereinstimmende Aufwandshöhe vorgetäuscht. Daher entstand zunächst kein Verdacht. Es ist nicht bekannt, ob sie eine Absprache darüber getroffen hatten.«

Wer sich in den Berliner Verhältnissen auskannte, hätte allerdings frühzeitig auf die Idee kommen können, daß der von Jacob und Tuntsch gepflegte Lebensstil mit ihren durchaus maßvollen Angestellten-Gehältern allein kaum zu bewerkstelligen sei. In Berliner Filmverleiher-Kreisen war es lange ein offenes Geheimnis, daß in den beiden Theatern durch kleine finanzielle Gunstbezeugungen an ihre Leiter bessere Termine und längere Spielzeiten zu erzielen waren. So wurde denn von der Methode der Schmiergelder - »Termingelder« - im Falle »Marmorhaus« und »Filmbühne« reichlich Gebrauch gemacht. Für das treuhänderisch verwaltete Ufa-Vermögen entstand dadurch ein indirekter und schwer meßbarer, aber sicherlich beträchtlicher Schaden.

Obwohl Gerüchte über die Praktik der »Termingelder« in immer neuen Abarten

weiter gehechelt wurden, unternahm die Ufa-Zentralbuchhaltung unter Treuhänder Brauns nichts. Brauns blieb auch passiv, als das Moabiter Schöffengericht den »Waldbühnen-König« Tuntsch, der 1952 die Leitung der »Filmbühne Wien« niedergelegt hatte, da das Kino über Wiedergutmachungsparagraphen in private Hände

zurückkehrte, wegen Betruges im Zusammenhang mit seiner Waldbühnen-Tätigkeit zu sechs Monaten Gefängnis (mit Bewährungsfrist) verurteilte.

Im Oktober 1953 wurden alle Ufa-Kinos der unter Ufa-Treuhänder Arno Hauke zusammengefaßten westdeutschen Ufa-Theater-Verwaltung (42 Kinos) in Düsseldorf unterstellt. Als sich »Marmorhaus«-Jacob mit allen Mitteln gegen diese Maßnahme wehrte, kam den Düsseldorfern der erste schwache Verdacht.

Buchprüfungen bestätigten bald die schlimmsten Vermutungen. Ein handfester Skandal, den gerade die Liquidatoren unter allen Umständen vermeiden wollten, bahnte sich an. In Düsseldorf war man viel mehr an einer raschen und möglichst reibungslosen Abwicklung der Geschäfte interessiert - nach dem Gesetz muß die Ufa bis Anfang Juni 1955 reprivatisiert werden - als an einer »Affäre«.

Die Düsseldorfer Ufa-Verwaltung machte den Berliner Sündern ein generöses Angebot: »Ersetzt den Schaden, und wir schweigen.« Es kam jedoch zu keiner Einigung. Jacob und Tuntsch, der bereits eine »Differenz« von 40 000 Mark zugegeben hat, wurden inhaftiert.

Treuhänder Dr. Brauns wurde zunächst auf unbezahlten Urlaub geschickt, seine Ufa-Zentralbuchhaltung, ein Verwaltungswasserkopf mit 25 Leuten, aufgelöst. Sie soll in Düsseldorf, in Sicht- und Reichweite der Liquidatoren, neu aufgebaut werden.

Die Affäre Jacob-Tuntsch ist der erste Fall, der im Zuge der von Bonn und Düsseldorf gestarteten »Ordnungsvorgänge« ans Licht gekommen ist. Kenner der Filmwirtschaft halten jede Wette, daß er nicht der letzte sein wird.

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