Kambodscha »Braten oder Kochen«
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, warum wurde Sary amnestiert? Er stand schließlich in der Hierarchie der mörderischen Roten Khmer ganz oben.
Hun Sen: Nur so konnten wir den Roten Khmer den Weg zu uns öffnen. Wir wollen den Krieg so schnell wie möglich beenden. Das königliche Amnestie-Dekret verbietet übrigens nicht, ihn vor Gericht zu stellen.
SPIEGEL: Kritiker werfen Ihnen vor, mit der Begnadigung Moral und Gerechtigkeit beiseite gewischt zu haben.
Hun Sen: Moral und Gerechtigkeit? Sary hatte dreimal Gelegenheit, in New York vor der Uno-Vollversammlung zu sprechen. Warum haben ihn Interpol oder die New Yorker Polizei damals nicht verhaftet und an uns ausgeliefert? Mit der politischen Situation scheint sich auch die Wahrnehmung der Realität zu verändern.
SPIEGEL: Bekommt er womöglich wieder einen hohen Posten in der Hauptstadt Pnom Penh?
Hun Sen: Nein. Funktionäre der Roten Khmer dürfen keine Ämter mehr bekleiden, auch nicht in der Zivilverwaltung. Die abtrünnigen Soldaten können ihre Ränge behalten. Der Generalstab und die Polizei bleiben ihnen allerdings verschlossen.
SPIEGEL: Ieng Sary beteuert seine Unschuld. Glauben Sie ihm?
Hun Sen: Er und der schreckliche Rote-Khmer-Führer Pol Pot haben seit den sechziger Jahren zusammengearbeitet. Wenn Ieng Sary mit der Politik der Roten Khmer nicht einverstanden gewesen wäre, hätte er sich früher von Pol Pot trennen müssen. Er muß von den Massenmorden gewußt haben.
SPIEGEL: Falls Pol Pot mit Ihnen verhandeln will: Würden Sie auch für ihn und seine Genossen eine Amnestie befürworten?
Hun Sen: Ein Sprichwort sagt: Wenn ein Fisch noch im Wasser schwimmt, sollte man sich keine Gedanken darüber machen, ob man ihn brät oder kocht.