Breite und Tiefe - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 11 / 89

CDU/CSU Breite und Tiefe

Franz Josef Strauß drückt sich davor, ein Schattenkabinett oder eine »Kernmannschaft« aufzustellen. Nur so kann er sich vor peinlichen Absagen prominenter CDU-Politiker schützen.
• aus DER SPIEGEL 22/1980
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Beim Abendessen im Hause Otto Wolff von Amerongen an Kölns Marienburger Straße erläuterte der Ehrengast den versammelten Größen der Industrie, warum er der Größte sei.

Eigentlich habe er ja gar nicht Kanzlerkandidat der Unionsparteien werden wollen, so Franz Josef Strauß am vorletzten Dienstag, zwei Tage nach der CDU-Niederlage in Nordrhein-Westfalen, an der Tafel des DIHT-Präsidenten, aber er habe es werden müssen. Denn er sei der einzige in der Union, der das Zeug dazu besitze.

Wer soviel von sich hält, handelt nur konsequent, wenn er es ablehnt, den Glanz von Größe mit einem kleinen Team prominenter CDU-Politiker teilen zu müssen. Bis zuletzt hatte der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg, unterstützt von CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, dem Bayern einzureden versucht, »eine Kernmannschaft von fünf, sechs, sieben führenden Persönlichkeiten« könne die Chancen der Union nur erhöhen. Hintergedanke der beiden: Die CDU/CSU soll zeigen, daß sie nicht nur Strauß zu bieten hat.

Am liebsten wäre Geißler mit der Truppe schon an die Rampe des Berliner CDU-Parteitages getreten. Doch der Kandidat blockte ab: »Orden und Posten werden nach dem Sieg verteilt.«

Statt dessen kehrte er die Idee vom kleinen schlagkräftigen Team ins Absurde: Er plane, eine Mannschaft aufzustellen, die in der Wahlkampagne »die ganze Breite und Tiefe der Politik der Union durch die persönliche Glaubwürdigkeit, durch Autorität und Kompetenz derer, die in dieser Mannschaft enthalten sind, auch der Öffentlichkeit gegenüber verständlich und überzeugungskräftig darstellen soll«. Ein CDU-Präside: »Jetzt kriegen wir statt einer Mannschaft den Volkssturm.«

Die weiten Ausmaße der Union will Strauß mit mindestens 15 Figuren aus Kommunal-, Landes- und Bundespolitik darstellen. Walter Wallmann, Frankfurter Oberbürgermeister, und sein Stuttgarter Kollege Manfred Rommel, so ließ der Bayer durchblicken, könnten dabeisein. Den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl und den CSU-Landesgruppenchef Friedrich Zimmermann möchte Strauß verpflichten, dazu die beiden Generalsekretäre Heiner Geißler und Edmund Stoiber.

Auch mit den fünf christdemokratischen Ministerpräsidenten will er sich schmücken. Einer von denen, Saarlands Werner Zeyer, machte freilich nur einen Tag nach dem gemeinsamen Aufbruch vom Berliner »Parteitag der Ermutigung« (Geißler) eine Bauchlandung: Zeyer, Chef der einzigen CDU/FDP-Koalition in einem Bundesland, verpaßte bei der Wahl zum Regierungschef die erforderliche Mehrheit -- wohl deswegen, weil er mit seiner Ministerliste postenhungrige Parteifreunde enttäuscht hatte.

Wer sonst noch alles in Straußens bunte Reihe kommt, darüber darf die Union seit Monaten rätseln. Manch einer hält ein Lob schon für Berufung; guter Hoffnung sind jetzt jene, deren Namen der Kandidat in seiner fast zweistündigen Parteitagsansprache fallenließ: der hessische Landesvorsitzende Alfred Dregger, der Wahlverlierer Kurt Biedenkopf aus NRW, der Finanzexperte der Bundestagsfraktion, sein »Freund« Hansjörg Häfele.

Walther Leisler Kiep, niedersächsischer Finanzminister mit Neigung zur Außenpolitik, glaubt ein noch diskreteres Signal empfangen zu haben: Der CSU-Vorsitzende soll bei einem Hintergrundgespräch mit Leuten des Burda-Verlags seinen Namen erwähnt haben.

In stiller Zuversicht, aber noch ohne Wink aus Bayern bauen auf ihre Fachkompetenz: Verteidigungsexperte Manfred Wörner, Wohnungsbauspezialist Oscar Schneider, Straußens Kultusminister Hans Maier. Und weil eine Frau nicht fehlen darf, ist auch Hanna-Renate Laurien, Kultusministerin in Rheinland-Pfalz, in freudiger Erwartung.

Der Wähler freilich wird nicht erfahren, wer ihn regieren würde, wenn Strauß an die Macht käme: wer Außen-, Wirtschafts-, Finanzminister wäre.

Ein »Schattenkabinett«, so wiederholte Strauß in Berlin, soll es nicht geben. Und wer dann endlich zur Funktionärskonferenz der beiden C-Parteien am 6. Juni in Mannheim dem Publikum als Mitglied der Mannschaft (Parteikürzel: »MdM") vorgestellt wird, hat noch keinen Kabinettsplatz gebucht.

Jeder müßte bereit sein, so Strauß großspurig in Berlin, »sich austauschen zu lassen, wenn es Bessere gibt«. Schließlich sei die Union in der glücklichen Lage, »für jede zu besetzende Position mindestens zwei, zum Teil drei bis vier geeignete Spitzenpersönlichkeiten« zu haben.

Kohl und seine Mitarbeiter haben jedoch schon seit langem den Verdacht, die Personenvielfalt komme dem Kandidaten auch deshalb so gelegen, weil er sich wieder mal um Entscheidungen drücken und niemanden verprellen wolle.

Einige Parteifreunde sind ohnedies heute schon entschlossen, nicht in ein Kabinett Strauß einzutreten, so Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht oder sein baden-württembergischer Amtsbruder Lothar Späth. Ihnen kommt durchaus zupaß, daß Strauß für die große, niemanden wirklich verpflichtende Mannschaft ist.

So bleibt ihnen die Verlegenheit erspart, sich allzu eng an den Bayern zu binden und damit ihre Chancen für die Zeit nach Strauß zu mindern. Sie halten es lieber mit Heiner Geißlers »Perspektive '84«.

Albrecht: Nur bei der großen Mannschaft mache er mit, da könne er sich nicht wehren. Spötter Späth: »Solange es weniger als 100 Mann sind, bin ich dabei.«

Zur Ausgabe
Artikel 11 / 89