Geschichte Brennend oder eisig
Der Ehrenwagen, auf dem der Kaiser nach Paris hineinrollte, war ein Superlativ an Scheußlichkeit: zehn Meter hoch und ebenso lang, 13 Tonnen schwer, von 16 Rappen gezogen.
Napoleon hatte nichts von dem ihm zugedachten Pomp - er war fast 20 Jahre vorher als britischer Gefangener auf dem Atlantik-Eiland St. Helena gestorben und dort beigesetzt worden. Aber seine Anbeter, einige Millionen, gerieten außer Rand und Band, als seine Leiche dank britischer Großzügigkeit hoch oben auf dem Prunkwagen nach Paris heimkehren durfte - am 15. Dezember 1840.
Derzeit begehen Napoleon-Fans das 150. Jubiläum der gloriosen Rückkunft - nach dem 200. Jubelfest der Großen Revolution 1989 und dem 100. Geburtstag des Generals de Gaulle 1990 schon wieder eine Gelegenheit für die Franzosen, angesichts der profanen Gegenwart tief in die Geschichte einzutauchen.
Bis zum 17. März können Napoleon-Anbeter die Ruhestätte des Kaisers im Pariser Invalidendom kaum noch ausmachen - die Riesenkirche ist mit Stellwänden, Plakatflächen, Vitrinen und audiovisuellen Automaten zu einer einzigen Gedenk-Orgie über Napoleons letzte Fahrt geworden.
Sie dokumentiert eines der merkwürdigsten Phänomene der französischen Geschichte im 19. Jahrhundert: die sogenannte napoleonische Legende, Voraussetzung für die triumphale Heimkehr.
Schon bald nach Napoleons Absetzung 1815 und erst recht nach seinem Tode 1821 auf St. Helena geriet in Vergessenheit, daß der »Blutsauger« seinem kriegerischen Ehrgeiz Hunderttausende seiner Landsleute geopfert hatte. In der Erinnerung haften blieben seine militärischen Großtaten, seine angebliche Volksnähe und sein fälschlich gepriesener Sinn für Gerechtigkeit.
Tausende Gedichte, Lieder und Anekdoten verklärten den Kaiser zu einer Heldengestalt, die um so mehr Mitgefühl erregte, als bekannt geworden war, wie rachsüchtig Englands Gouverneur auf St. Helena den leidenden, heimwehkranken Ex-Kaiser gequält hatte. Ließ er ihn vielleicht gar vergiften? Oder war, umgekehrt, der Heros nie gestorben, um einstmals wiederzukehren? Die Franzosen glaubten beides.
Bizarrer Auswuchs des Napoleon-Kults: Am 27. Juli 1830 ritt, o Wunder, Napoleon auf einem Schimmel über die Pariser Place de l'Odeon. Eine alte Frau fiel auf die Knie und murmelte: »Ich sterbe also doch nicht, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben.« Leider war's nur ein kostümierter Pariser Möchtegern-Napoleon.
Die Intellektuellen halfen mit, die Legende zu spinnen. Der bereits berühmte Honore de Balzac jauchzte: »Was er mit dem Degen nicht vollbringen konnte, werde ich mit der Feder tun.« Und Victor Hugo erschauderte: »Immerzu er, überall er, brennend oder eisig - sein Bild erschüttert mich unentwegt.«
Die Legende wurde schließlich so mächtig, daß in der Pariser Deputiertenkammer während der dreißiger Jahre fast drei Dutzend Anträge auf Heimholung der hehren Leiche gestellt wurden, jeweils verbunden mit dem Verlangen, die gegen alle Mitglieder des Hauses Bonaparte verhängte Verbannung aus Frankreich aufzuheben.
Eine neue bonapartistische Welle überrollte das Land 1832, als Napoleons einziger Sohn, der in Österreich aufgewachsene Herzog von Reichstadt, mit 21 Jahren starb - unerwartet, wie es schien, also nach Volksmeinung vergiftet. Der deutsche Emigrant Heinrich Heine berichtete von einer Reise in die Normandie: »In jeder Hütte hängt ein Bild des Kaisersohns.«
Als die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten des 1830 an die Macht gekommenen »Bürgerkönigs« Louis Philippe aus dem Hause Orleans wuchsen, hatte dessen Minister Adolphe Thiers den Einfall, die napoleonische Legende zur Stützung des Königtums einzusetzen und damit den mächtig agitierenden Bonapartisten den Wind aus den Segeln zu nehmen.
London war bereit, den Toten herauszugeben, und Louis Philippe schickte einen seiner Söhne auf dem Kriegsschiff mit dem unkriegerischen Namen »La Belle-Poule« (Das schöne Huhn) nach St. Helena. Mit an Bord: einige jener Napoleon-Getreuen, die 1821 bei seinem Tode anwesend waren, an ihrer Spitze der Ex-Hofmarschall General Bertrand, der die dreimonatige Schiffsreise trotz seiner 67 Jahre nicht scheute.
Am 15. Oktober 1840 wurde auf St. Helena in Gegenwart zahlreicher britischer und französischer Zeugen die Abdeckung von der Napoleon-Grabstätte genommen, danach öffnete man die drei Särge (aus Mahagoni, Blei und Eisen) - nach den Berichten der Anwesenden wuchs die Spannung ins Unerträgliche.
Gerüchten zufolge hatten die Briten ungelöschten Kalk auf den Leichnam gestreut, weshalb die Grabkommission darauf gefaßt war, nur noch einen unkenntlichen Körper zu finden, den man allenfalls an Uniformresten würde identifizieren können.
Doch zur Überraschung aller sah der 19 Jahre zuvor gestorbene Napoleon dem Lebenden nun ähnlicher als der Tote von 1821 - vor Rührung kamen etlichen der Zeugen die Tränen. Auch Napoleons berühmte weißgrüne Uniform des Obersten der Garde-Jäger zu Pferde war fast völlig erhalten, nur aus einem Stiefel schauten die Zehen, und das Silber der Orden war schwarz oxidiert.
Nach zwei Minuten wurden die Särge wieder verschlossen, »und der Kaiser verschwand für die Ewigkeit aus den Augen der Lebenden«, so der Historiker Gilbert Martineau in seiner zum Jubiläum erschienenen Untersuchung »Die Heimkehr der sterblichen Reste«.
An Bord des »Schönen Huhns« segelte die Delegation mit ihrer Fracht bis Cherbourg, von dort ging es per Dampfboot nach Le Havre und dann die Seine aufwärts bis Paris. Überall grüßten Triumphbögen, Glockengeläut und Menschenmassen den Toten, umtoste der alte, seit 1815 geächtete Ruf »Vive l'Empereur« den Kondukt.
Frankreich bot alles an Pomp auf, was der gräßliche Zeitgeschmack forderte: 18 riesige Siegesstatuen prangten an den Champs-Elysees, auf der Esplanade des Invalidendoms warteten weitere 32 Gipsfiguren, jede sieben Meter hoch, darunter so unterschiedliche Größen wie Frankenkönig Chlodwig, die Jungfrau von Orleans und Napoleons Marschälle.
Der Ausstellungskatalog vermerkt die damals schon geäußerte Kritik an dem Leichenprunk: »Fast alle Statuen sind schlecht, manche lächerlich«, mäkelte etwa Victor Hugo. Binnen drei Tagen begannen etliche der bemalten Gips-Ungetüme bereits zu zerbröckeln.
Noch schauriger die Projekte, für den Korsen ein angemessenes Mausoleum herzurichten, etwa auf dem Chaillot-Hügel gegenüber dem heutigen Eiffelturm. Das endgültige Grabmal im Invalidendom ist dagegen ein Muster an Schlichtheit.
Schöner Schein war den Regisseuren das Wichtigste: Der im Leichenzug mitgeführte reiterlose Schimmel, vom Volk natürlich als »Napoleons Kriegsroß« identifiziert, war laut Katalog ein »Komparsen-Pferd«, das bei allen militärischen Beerdigungen auftrat. Napoleons »Kriegsroß« war längst mausetot.
Da die Regierung bonapartistischen Freudentaumel befürchtete, hatte sie die Beisetzung eigens nicht auf einen Sonntag gelegt. Und obschon England den Toten ja großzügig hergegeben hatte, war die Erbitterung der Pariser über die angeblichen Henker des Kaisers immer noch so groß, daß die Regierung alle in Paris lebenden Briten warnte, sie möchten am Tag der feierlichen Grablegung in ihren Häusern bleiben.
Entgegen der Rechnung des »Bürgerkönigs« gewann der Bonapartismus durch die feierliche Grablegung seines Erfinders erst recht an Kraft: Acht Jahre später hatte erneut ein Bonaparte, Prinz Louis Napoleon, später Napoleon III., die Franzosen verführt.