BRIEFE
WAHLAUSGANG
Werter SPIEGEL-Verlag! (Hinter den Spiegel zu stecken!)
Herr Jens Daniel Ihr seid der Klügste hier aber Konrad Adenauer im Bundestag ist
tausendmal klüger als Ihr
Bremen
Fr. Granhold
... Mit seinem letzten Aufsatz »Gott schütze Sie, mein Kanzler« offenbart sich Jens Daniel als menschlich groß und Demokrat mit Zivilcourage und Charakter. Ein Dergearteter wächst und gedeiht sonst nur an den Ufern der Themse ...
Als einer der vielen, die bereit wären, auch drei Mark pro Exemplar zu bezahlen, damit DER SPIEGEL unabhängig bleiben kann, zeichne ich
Hamburg-Ohlsdorf
Wolf J. Werner
... Bitte, beachten Sie die letzte herrlich gesunde Willensäußerung des deutschen Volkes in seiner Mehrheit, die sich von aufoktroyierten kranken Ideologien aus innerer Erkenntnis lossagte und zur gesunden europäischen Demokratie bekannte! ...
Lörrach
K. Fritz
Herrn Willy von Brescius auf seinen in Nr. 38/1953 unter »Jens Daniel« erschienenen Brief zur Antwort:
Der Wahlsieg Adenauers ist noch kein Beweis, daß er gut ist. SPIEGEL-Leser von Brescius hätte uns lieber sagen sollen, wie eine Wiedervereinigung Deutschlands erreicht werden soll, wenn der Kanzler den EVG-Vertrag nicht opfern will. Moskau ist doch nicht so dumm, daß es Ostdeutschland ohne Gegenleistung herausgibt. Im Kriegsfalle kann uns das stärkste westliche Heer nicht davor schützen, daß wir Kriegsgebiet werden ...
Brunsbüttelkoog
Otto Richters
... Im Grunde hätte man den biederen Deutschen schließlich überfordert, wenn er die schwierigen und zum Teil nur intensivem Studium zugänglichen Fragen der entscheidenden Politik hätte erkennen sollen ...
Auf welchem Wege nun die Wiedervereinigung ohne Krieg vor sich gehen soll, das kann einem die herrschende Partei auch nicht sagen. Ein CDU-Politiker, den ich danach fragte, meinte etwa folgendes: Den Russen läge gar nicht so viel an der deutschen Ostzone. Wenn sie einen eisfreien Hafen bekämen, z. B. in Persien, dann wären sie zufrieden und würden aus Germanien abziehen.
Mölln (Lauenburg)
Dr. Heinrich Weber
Nach dem letzten Jens-Daniel-Erguß bin ich einfach platt.
Woher nimmt dieser unverschämte Patron sich das Recht, in einem solchen Ton Dr. Adenauer anzugreifen?
Ich für meine Person ziehe die Konsequenzen daraus und bestelle mit dem heutigen Tage den SPIEGEL ab.
Neuß a. Rh.
W. Schillings
... In Kiel z. B. war die CDU-Propaganda auf einer Entscheidung zwischen einem bürgerlichen und einem sozialistischen Abgeordneten aufgebaut, wobei der letztere - ein berühmter Universitätsprofessor - zwar nicht persönlich, wohl aber seine Partei als »atheistisch« und »marxistisch« gebrandmarkt wurde ...
Wenn schon auf Grund des tatsächlichen Wahlergebnisses nicht die Rede davon sein kann, daß sich »die Bevölkerung« für die EVG entschieden habe, dann erst recht nicht in Anbetracht des Umstandes, daß den meisten Adenauer-Wählern bestimmt nicht klar gewesen ist, welche Folgen für jeden von ihnen persönlich ihre Wahl haben wird. Sie haben eben »bürgerlich« gewählt. Dafür schulden wir der EVG aber noch lange nicht »loyale Anerkennung und Mitarbeit«.
Kiel
I. Struck
SPIEGEL-Leser von Brescius verfährt wohl nicht ganz logisch, wenn er den Ausgang der Wahl als Beweis für einen besseren Instinkt des Volkes wertet. Die Wahl beweist doch nur, daß die Mehrheit die Politik der Regierung billigt. Ob der Instinkt gut war, kann erst die Zukunft beweisen. Wir neigen zu
sehr dazu, Wahlsiege schon als wirkliche Erfolge zu bewerten und mit Fackelzügen zu feiern. Dazu ist meines Erachtens die Zeit erst gekommen, wenn wir die Wiedervereinigung in Freiheit erreicht haben.
Hannover
Graf Yorck von Wartenburg
... Nach der »Befreiung« 1945 ist ... nach dem Willen der Siegermächte ein österreichischer Staat geschaffen worden. Viele von uns »Ostmärkern« aber blieben zu Hause im Reich und fühlten sich nach wie vor zur deutschen Nation gehörig. 1953 wurden uns die deutsche Kennkarte und der deutsche Paß verweigert, wir wurden unbefragt wieder als Österreicher gestempelt ... Zur Bundestagswahl aber hat man uns eingeladen. Ich hatte zuerst an der Unfehlbarkeit der deutschen Bürokratie gezweifelt. Ein Einzelfall? Durch Herumfragen mußte ich feststellen, daß ich kein Einzelfall bin. Nicht würdig genug, eine deutsche Kennkarte zu bekommen - trotzdem brauchbar an dem Schicksal meiner Nation mitbestimmend zu wählen. Dazu hatte ich keine Kennkarte nötig. Mit meinem Gewissen konnte ich meine Wahl verantworten. Mit welchem Wissen aber die Schriftgelehrten die Wahlbeteiligung der »Ausländer« begründen, möchte ich gerne wissen.
München
Franz Weidl
KARL BARTH (Nr. 37/1953, Briefe)
Die in Nr. 37/1953 an dritter Stelle der Briefe unter dem Motto »Wahlabgesang« veröffentlichte Leserzuschrift offenbart in erschreckender Weise, welche Geistesverwirrung innerhalb der bekennenden evangelischen Kirche herrscht. Es ist eine glatte Blasphemie, wenn der Schweizer Theologe Karl Barth auf Grund theologischer (besser diabolischer) Erkenntnisse den Bolschewismus als konstruktive Idee bezeichnet, die nicht mit der Hitlerei zu vergleichen sei. Anstatt der ungarischen Kirche selbstmörderische Ratschläge zu geben, sollte dieser Theologe lieber seine beschauliche Ruhe in seiner wohlbehüteten Schweizer Klause aufgeben und hinter den Eisernen Vorhang gehen (jedoch nicht anläßlich eines Weltfriedenskongresses, wie es unser Herr Kirchenpräsident Niemöller zu tun pflegt), um die Leute dort zu fragen, ob es die konstruktive Idee des Bolschewismus war, der sie erlagen. Wenn sie könnten. würden diese gequälten Menschen diesem Theologen die gleiche eindeutige Antwort geben, wie es inzwischen die westdeutsche Bevölkerung anläßlich der Bundestagswahlen tat.
Wiesbaden
Rolf Hansen
Ich habe den Briefschreiber aus Brackwede, der so tapfer gegen Prof. D. Karl Barth vom Leder zieht, schwer im Verdacht, daß er die Bücher des großen evangelischen Theologen aus Basel nicht kennt ... Vielleicht hilft es dem Schreiber jener Zeilen ein wenig, wenn er den Artikel von Helmut Gollwitzer liest, der in der Monatsschrift »Evangelische Theologie« soeben in Heft 3 erschienen ist. Dort heißt es: »In ganz anderem Maße als beim Nationalsozialismus erfordert die Abwehr des Kommunismus die Ergänzung der negativen, also besonders der militärischen Maßnahmen durch positive, also durch ein Angreifen der sozialen und politischen Mißstände, das an Entschlußkraft, Phantasie und Opferbereitschaft sowie an Grundsatztreue dem Kommunismus nichts nachgeben dürfte; dazu der Ergänzung durch eine geistige Erneuerung, von der im Westen mehr zu spüren sein müßte und von der wir in Westdeutschland durch die unselige Idee einer verfrühten westdeutschen Wiederbewaffnung wieder erschreckend zurückgeworfen worden sind. Nicht in einer Vorbildlichkeit, wohl aber in dieser Notwendigkeit liegt. das wollte Barth sagen, die Frage, die uns der Kommunismus stellt, wenn er nicht eines Tages doch als die Quittung für unsere Versäumnisse über uns hereinbrechen soll. Es wäre gut, wenn man, statt Barth zu schmähen, im Lichte der heutigen Entwicklung seine damaligen Worte noch einmal aufmerksam nachläse.«
Bielefeld
Pastor Wilhelm Niemöller
Nicht zu verwechseln mit dem hessischen Kirchenpräsidenten Martin Niemöller. - Red