BRIEFE
ENTEN-JAGD (Nr. 20/53, Internationales)
Daß DER SPIEGEL ein Meister der Ironie ist, wissen Freund und Feind. Freund freut sich, Feind ärgert sich darüber. Diesmal aber kann Feind lachen. Denn DER SPIEGEL ist - welche Ironie des Schicksals - ein Opfer seiner eigenen Ironie geworden. Er ging auf Entenjagd und saß selbst einer Ente auf. Ja, ja, diese Tierchen sind, man sollte es nicht glauben, oft recht wendig und schlagen auch dem geübtesten Jäger ein Schnippchen, indem sie dem wohlgezielten Schuß in schönstem Zickzackflug entweichen. Nämlich: Den Sie da im Zusammenhang mit Ihrer Geschichte »Militärberater - Remer am Nil« abgebildet haben, ist so wenig Dr. Hans Egidi vom Bundesinnenministerium wie Remer - nach Ihrem Bericht - Militärberater am Nil. Sie haben das Konterfei des ehemaligen Generals und Polizeimajors a. D. Grasser gezeigt, seines Zeichens jetzt Bundesinspekteur der Bereitschaftspolizei. Da Sie nun
sinnigerweise unter dieses falsche Bild geschrieben haben: »Einer Ente aufgesessen«, kann man nur sagen: Enten über Enten.
Köln
Fritz Tonsdorff
Das Photo, auf dem Grasser und Egidi gemeinsam abgebildet sind, wurde von Associated Press übernommen. AP hatte es falsch betextet, d. h. links und rechts vertauscht. - Red.
WAHLKAMPF (Nr. 16/53, Briefe)
Sie haben das CDU-Flugblatt veröffentlicht, in dem zu lesen war: »In Deutschland kann jeder wieder sein Gärtchen bestellen ...« - Ich habe unseren »Rosen«-Kanzler Dr. h. c. Adenauer zu fragen: »Wissen die Herausgeber dieses Flugblattes nicht, daß es auch jetzt noch abertausende Besatzungsvertriebene in der Bundesrepublik gibt, die ihrer Gärten und Heime beraubt sind?«
Heuchelheim/Gießen
Hans Fischer
MAI-PAROLEN (Nr. 20/53, Internationales)
Zu Ihrer Tabelle der Moskauer Mai-Parolen kann ich Ihnen einen Bildbeitrag liefern, der nach meiner Ansicht Ihrem großen Leserkreis zugänglich gemacht werden sollte. Der Photo-Schnappschuß gelang mir während meines diesjährigen Besuches der Brüsseler Messe (Foire de Bruxelles 25. April - 10. Mai 1953), und folgender Sachverhalt liegt ihm zugrunde:
Während sich auf der gut besuchten Brüsseler Messe an die 700 Aussteller aus der Bundesrepublik bemühen, den belgischen Markt für deutsche Waren zugänglich zu machen, andererseits die belgischen Aussteller mit viel Charme und guten Erzeugnissen versuchen, die Käufer aus aller Welt (und dabei nicht zuletzt aus Westdeutschland) für belgische Waren zu erschließen, geht in einigen Hauptstraßen Brüssels die alljährliche Maifeier der Sozialisten und Kommunisten über die (politische) Bühne. Die an sich zahlreichen Passanten verfolgen mehr beiläufig, meist ohne viel Aufhebens, die fahnenumflatterte Veranstaltung. Doch mit einem Schlage ändert sich das Bild. Erregte Rufe werden laut, Menschen stürzen ans Fenster, und mancher Arm eines Zuschauers zeigt in Richtung eines langsam herannahenden, drohenden SS-(Papp-)Panzers, an dessen Turmrückwand die Hakenkreuzfahne flattert. Hinter dem Heck sind zwei trauerumflorte Särge aufgebahrt. »A bas l'armée europienne« zeigt die Inschrift der Seitenfront, und beim Passieren des »Hotel Canterbury« (Ort der Aufnahme) hört man den Ruf »Schweinehund«.
Mettmann (Rhld.)
Hans Wagner
DEUTSCHE PARTEI
(Nr. 15/53, Briefe)
Wenn man den an die sachliche Darstellung des Generalsekretärs der DP, Herrn Schneider, angeschlossenen Leserbrief des aus der nationalsozialistischen Ära einer vergangenen Zeit als politisch sehr fragwürdig bekannten Herrn Münchow im SPIEGEL Nr. 15/53 liest, fragt man sich, was in diesen Zeilen dominiert: die Unkenntnis über wirkliche Zusammenhänge, die Torheit oder die Bosheit. Bekanntlich ist Heinrich Hellwege der Begründer der Deutschen Partei, aus der Herr Münchow ihn hinausbefördert wissen will. Ferner ist es bekanntlich Heinrich Hellwege gewesen, der schon 1945 als erster mutig für Wahrheit und Recht auch gegenüber sauber gebliebenen »Ehemaligen« eingetreten ist. Diesem Eintreten Hellweges mit verdanken es Figuren wie Herr Münchow überhaupt erst, daß sie heute wieder den Mund auftun und sich unbehelligt »Führer« einer »Reichs"jugend nennen können. Auf den weiteren Inhalt des Münchowschen Briefes einzugehen, erübrigt sich, da die wirklichen Ursachen der Entwicklung der DP in Schleswig-Holstein und auch der Auflösung und Neubegründung des Landesverbandes der DP in Nordrhein-Westfalen bekannt sind.
Berglage (Diepholz)
Anni Hackstedt
VOLKSWAGEN-WERKE
(Nr. 17/53, Hohlspiegel)
Ich beziehe mich auf Ihre Notiz, die meinen im »Daily Telegraph« veröffentlichten Brief bezüglich des Volkswagenwerkes betrifft.
Was mich persönlich angeht, so möchte ich alle Mißverständnisse aus dem Wege räumen. Wie mein später im »Daily Telegraph« erschienener Brief aussagte, bin ich nicht der Ansicht, daß das VW hätte beschlagnahmt werden sollen. Vielmehr wollte ich folgendes ausdrücken: Die britischen Auto-Fabrikanten, die sich heute über die Konkurrenz des Volkswagenwerkes beklagen, hätten in den Jahren 1945/47 vielleicht Gelegenheit gehabt, gegen die Politik der britischen Regierung zu protestieren, als nämlich eine einzelne deutsche Autofabrik auf Kosten anderer begünstigt und somit die Grundlage dafür geschaffen wurde, daß das Volkswagenwerk ausgezeichnete Startbedingungen für die Konkurrenz auf dem Weltmarkt bekam. Ich stehe zu meiner Meinung, daß die britische Regierung in ihrer Begünstigung des Volkswagenwerkes kurzsichtig gewesen ist - und gleichermaßen die britischen Autofabrikanten - , indem beide nichts dagegen unternahmen, da letztere nämlich annahmen, daß sich die günstigen Verkaufsbedingungen der Jahre 1949/50 nie ändern würden.
Da ich viele gute Freunde in Deutschland habe und kein Deutschenhasser bin, hoffe ich, daß Sie die Freundlichkeit besitzen, meine obige Erklärung zu veröffentlichen.
Little Hockenden
Frederick T. Neal
TONJÄGER (Nr. 19/53, Hobby)
Ihr Artikel »Tonaufnahme - Jagd auf Geräusche« erinnert abermals an das bisher in Bundesdeutschland ungelöste Problem des Ton-Urheberrechts. In Ihrem Artikel »Klassiker zu Vorzugspreisen« (SPIEGEL 6/53, Seite 26 ff.) hatten Sie es bereits
angeschnitten, und SPIEGEL-Leser Brasch hatte sich zu der rechtlichen Seite der Angelegenheit in der Nummer 9/53 unter »Briefe« ausführlich geäußert. Es ist nun wirklich an der Zeit, daß hier etwas geschieht und die »Tabus«, von denen, wie Sie berichteten, Herr Schorsch-Oberhausen spricht, wirksam geschützt werden. Neben das Recht auf das eigene Gesicht (Bild) muß das Recht auf den eigenen Ton treten.
Gießen
Ursula Reinike
Das neue technische Phänomen »Magnettongerät« hat das Literarische Urhebergesetz von 1901 nicht restlos zur Kapitulation gezwungen. Die Grundgedanken der Gesetzgeber von 1901 ermöglichen es, auch seine Stellung als urheberrechtlich geschützter Werke rechtlich zu umreißen, wie eine von der GEMA herausgegebene Sammlung von Rechtsgutachten zeigt ("Magnettongeräte und Urheberrecht« bei C. H. Beck, München und Berlin).
So hat sich z. B. weiterhin die AEG bezüglich der von ihr produzierten Magnettongeräte als Sachwalterin der Interessen ihrer Kunden nicht auf das Recht der Vervielfältigung zum persönlichen Gebrauch berufen, sondern mit der GEMA eine Vereinbarung dahingehend getroffen, daß sie der GEMA für jedes in den Verkehr gebrachte Gerät eine Pauschalvergütung zahlt.
Trotz dieser Bemühungen von Wissenschaft und Praxis ist es aber doch wünschenswert, daß die aktuellen Zweifelsfragen mit der Autorität des Gesetzgebers gelöst werden. Den Auftakt bildet hier der im Bundestag eingebrachte Antrag, in Entsprechung zum Briefgeheimnis, die unbefugte Aufnahme und Wiedergabe von Gesprächen auf Tonband zu bestrafen.
Karlsruhe
Manfred Skibbe Gerichtsreferendar
BLUES (Nr. 17/53, Jazz)
... Mir ist nun nicht klar (vielleicht kann mir das in einer Nachhilfestunde von Ihrem Herrn Berichterstatter einmal erläutert werden), wie Jazz einerseits »als eine Art erlösende Notwendigkeit empfunden« und andererseits »mehr Schwarze und Weiße beiderlei Geschlechts arm oder krank gemacht, als jede andere Kunstform.« ... leuchtet mir nicht ein, wie ein erlösendes Moment krank machen kann. Oder meinten Sie nervenkrank?
Hamburg
Heinz Agst
Laß mich noch etwas zu Deinem ausgezeichneten Jazz-Artikel im Zusammenhang mit Ella Fitzgerald sagen:
... Man sagt dem Jazz fälschlich nach, er verkrampfe die Menschen. Ich halte das Gegenteil für richtig: er entkrampft sie. Nämlich von jenen Blut- und Bodenfanatikern, die nichts anerkennen als ihre Hirngespinste, von jenen materiell denkenden Dogmatikern, die nur noch die größtmögliche Energieausnutzung die vollständige Rationalisierung und Schematisierung erstreben ... Das Fernstehen vieler Zeitgenossen dem Jazz gegenüber beruht vor allem auf Unkenntnis. Hier aufklärend zu wirken, ist eine der vielfältigen Aufgaben des SPIEGEL - er hat sich dieser Arbeit bislang in mustergültiger Form gewidmet.
Neumünster
Wolfgang Junker