Broedertwis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 43 / 78

SÜDAFRIKA Broedertwis

Über den Skandal um dunkle Geschäfte mit Steuermillionen ist es zum tiefen Konflikt im Burenlager gekommen.
• aus DER SPIEGEL 52/1978
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die silberverzierte Kalaschnikow in den Händen des Generals funkelte furchterregend: »Diese Untersuchungskommission ist eine Farce«, zürnte er vor verdatterten Journalisten, »es gibt überhaupt keine Beweise.«

Diese Worte von »Langhendrik« van den Bergh, bis vor kurzem Chef der Staatssicherheitspolizei (Boss), werden ihn wohl vor Gericht bringen. Denn Beweise gibt es eben doch.

Etwa hundert Seiten lang hatte Richter Erasmus auf Geheiß des neuen Burenpremiers Pieter Willem Botha ("Ich verspreche eine saubere Verwaltung") den nun schon Monate währenden Skandal um das frühere Informationsministerium untersucht. Das Anfang Dezember veröffentlichte Ergebnis war belastend für den General und seine Hauptkomplicen, den früheren Minister Cornelius (Connie) Mulder und Staatssekretär Eschel Rhoodie, belastend aber auch für die Regierung, die einer bis dahin nie erlebten Welle von Kritik -- selbst aus dem eigenen Burenlager -- ausgesetzt ist.

Von Betrug ist die Rede, von Unterschlagung. Es geht um Steuergelder in Höhe von mehr als 70 Millionen Rand (rund 150 Millionen Mark), die angeblich bei luxuriösen Jet-set-Reisen der Staatsdiener verschwendet wurden, die zum Teil bei komplizierten Transaktionen, etwa in der Schweiz, spurlos verschwanden oder die -- unter strenger Geheimhaltung -- in die Gründung einer regierungstreuen, aber verlustreichen englischsprachigen Propaganda-Zeitung »The Citizen« gesteckt wurden (SPIEGEL 46/1978).

In allen Fällen soll General van den Bergh Mittler zwischen den vergnügungssüchtigen Staatsbeamten und dem schon seit Jahren kränkelnden obersten Dienstherrn, Baltbazar Johannes Vorster, gewesen sein.

Überhaupt konnte es zu der Affäre erst kommen, weil der frühere Premier Vorster seinem alten Freund van den Bergh blind vertraute. Die beiden Männer hatten während des Zweiten Weltkriegs wegen ihrer Deutschfreundlichkeit zusammen mit anderen Buren im Internierungslager gesessen. Das Gerücht von der »Grauen Eminenz« Südafrikas, das seit Jahren in Washington und London, Bonn und Paris umging, weil Vorster nie ohne den General auftrat, bestätigte jetzt Richter Erasmus: »Er betrachtete sich als Macht hinter dem Thron.«

So gefürchtet war van den Bergh, daß einige Leute um ihr Leben bangten, wenn sie sich sein Mißfallen zugezogen hatten. Weinend brach etwa der Rechnungsprüfer Reynders vor der Erasmus-Kommission zusammen und gestand, daß er monatelang »aus Angst um mein Lehen« gelogen habe, nachdem er mit der Untersuchung des Informationsskandals beauftragt worden war.

Doch wohl nicht den General und seine Komplicen allein trifft die Schuld an den Vorfällen. Die englischsprachige Oppositionspresse. die wesentlich zur Aufhellung des Skandals beitrug, fragt jetzt, ob nicht auch der heutige Premier Botha als Mitwisser, vor allen Dingen aber der heutige Präsident Vorster als damals direkt Verantwortlicher mitschuldig seien.

Das fragen sich auch viele Buren -- und kommen zu negativen Antworten. Die afrikaanssprachige Sonntagszeitung »Rapport« ermittelte, daß die regierende burische Nationale Partei (NP) seit Oktober 13,3 Prozent ihrer Anhänger verlor.

Schlimmer noch für die selbstgerechte Regierung, die nur allzugern mit anklagendem Finger auf Mißstände in schwarzafrikanischen Staaten wies: Linken wie rechten Kritikern aus den eigenen Reihen bot der Skandal Anlaß, die Ursachen der innenpolitischen Krise zu untersuchen. Sie fanden fortgeschrittene Fäulnis im Burenvolk.

Einer der einflußreichsten afrikaanssprachigen Journalisten, Willerm de Klerk, stellte Betrug an den ursprünglichen »sozio-politischen Idealen« des *Bei der Amtseinführung Vorsters am 10. Oktober.

Afrikaanervolks fest, wie sich die Buren nennen, und meinte damit dies:

Bei der Machtübernahme 1948 hatte die NP gelobt, die weißen Afrikaaner aus ihrer »hoffnungslosen Armut, materiell, moralisch und geistig mit Gottes Hilfe« zu erlösen ein Zustand, der den damals noch politisch und wirtschaftlich allmächtigen Briten angelastet wurde. Heute jedoch, schildert Willern de Klerk, sei die Anhäufung von Reichtum ein absolutes Ziel geworden, das auch mit unlauteren Methoden, wie beim lnformationsskandal, angesteuert werde.

Rechte Puristen der herrschenden Buren-Elite sahen die Ursache allen Übels ganz woanders: in der Lockerung des Apartheid-Dogmas. Sie befürworten die rigorose Rückkehr zur reinen Apartheid« des Vorster-Vorgängers Hendrik Verwoerd.

Sprecher dieser nationalen Rassisten ist der Stellvertretende Minister für Bantu-Angelegenheiten, Andries Treurnicht. Er übernahm die Nachfolge seines geschaßten Freundes Mulder als NP-Führer in Transvaal.

Wo immer sieh »verkrampte« (konservative) und »verligte (fortschrittliche) Nationalisten in diesen Tagen in die Quere kommen -- in den überaus wichtigen Kirchenräten, den Universitäten. der Geheimorganisation »Broederbond« und selbst in der Regierung -, fallen harte Worte. Man beschuldigte sich der ..Hinterlist« und des »Verrats«; Cäsars Ausspruch »auch du, mein Sohn Brutus« sei zum geflügelten Wort geworden, berichtet Johannesburgs Zeitung »Die Transvaler.

»Broedertwis« (Bruderzwist ist für die dickköpfigen Buren durchaus nichts Neues. Schon als sie im letzten Jahrhundert unter unsäglichen Mühen mit ihren Ochsenkarren aus der britischen Kapprovinz gen Norden treckten, gab es ständig Streit zwischen den »Vortrekker«-Führern.

Obwohl zu blinder Regierungsgläubigkeit erzogen, sinnieren viele weiße Südafrikaner heute doch über die möglicherweise doppelsinnigen Worte des früheren Ministers Connie Mulder, der behauptet hatte: Wenn das Überleben Südafrikas auf dem Spiel steht, gelten keine Regeln mehr. Dann kämpfen wir mit allem, was wir haben .«

Kampflos aufgegeben, so scheint's, hat bereits Mulders Ex-Staatssekretär Eschel Rhoodie: Seit Wochen ist er spurlos verschwunden, mal wähnt man ihn in Israel, mal in London oder Chile. Zwar wurde ihm der südafrikanische Paß längst per Dekret entzogen, doch soll er, Reisender von Welt, über einige weitere Pässe verfügen sowie über die Nummern von Schweizer Geheim konten seines früheren Ministeriums.

»Vielleicht«, empfahl jetzt ein burischer Biedermann in einem Leserbrief, »sollte ihn die Regierung samt Geld im Ausland lassen, damit wir endlich wieder Ruhe haben.«

Zur Ausgabe
Artikel 43 / 78

Mehr lesen über