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FRAUEN Brosche am Kittel

Tausende von Frauen verweigern für den Kriegsfall ihre Mitarbeit im Zivilschutz - und die Welle wächst.
• aus DER SPIEGEL 50/1981
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Die Emmas drängelten sich in die Amtsstube und machten den starken Mann. Eine halbe Stunde lang setzten sie dem Beamten vom Amt für Zivilschutz in Hannover zu, bis der schließlich, gegen Quittung, eine lange Liste entgegennahm. 232 Frauen hatten bekundet: »Ich verweigere den Kriegsdienst.«

In der Püttstadt Recklinghausen besetzten 34 Frauen und drei Kinder das Kreiswehrersatzamt so lange, bis der Chef versprach, ihre Liste auf dem Dienstweg nach Bonn weiterzuleiten. In Bremen setzten sich solche Damen gleich selber in Bewegung und strampelten mit dem Fahrrad ("Aktion Gegenwind") zum Wehrminister Hans Apel an den Rhein.

Westdeutsche Frauen machen mobil, seit sie sich nicht länger in der Nachkriegs-, sondern in einer Vorkriegszeit fühlen. Rund 5000 haben bereits, meist angeregt von kirchlichen oder weltlichen Friedensorganisationen, ihre Verweigerung bei den Behörden schriftlich kundgetan; in 200 Städten sollen am 8. März 1982, dem internationalen Frauentag, weitere Aktionen gegen die Einberufung im V-Fall stattfinden. »Wir wollen«, sagt Christina Thomas, Vorstandsmitglied der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner, »den Krieg nicht noch planbarer machen.«

Keine blanke Theorie. Denn seit den Tagen der Notstandsgesetzgebung, als der damalige Bundesinnenminister Paul Lücke proklamierte, »die Stunde der Not ist die Stunde des ganzen Volkes«, ist der Artikel 12a (Dienstleistungspflicht) des Grundgesetzes um einen Absatz erweitert worden.

Der Passus verpflichtet im Verteidigungsfalle »Frauen vom vollendeten achtzehnten bis zum vollendeten fünfundfünfzigsten Lebensjahr« zu Dienstleistungen im »zivilen Sanitäts- und Heilwesen sowie in der ortsfesten militärischen Lazarettorganisation, wenn der Bedarf nicht auf freiwilliger Grundlage gedeckt werden kann«. UK-gestellt wird nur, wer schwanger ist, Alte oder Behinderte pflegen oder für Kinder (bis 15 Jahre) sorgen muß.

Fürs erste, so Schätzungen des Militärs, reicht eine Million Frauen - Mädchen für alles in Hilfskrankenhäusern oder Feldlazaretten, Atombunkern oder Großküchen. »Töten kann man aus Gewissensgründen ablehnen«, sagt der Wehrwissenschaftler Franz Seidler von der Münchner Bundeswehrhochschule, »den Leidenden zu helfen, nicht.«

Hilfe für Kriegsversehrte stellten allerdings auch schon Männer in Frage. Auf einem Kongreß »Ärzte gegen Atomkrieg« in Hamburg hatten kürzlich 1400 Mediziner ihre Kollegen aufgefordert, die Teilnahme an Fortbildungskursen, in denen ärztliche Hilfsmaßnahmen für den Atomkrieg gelehrt werden sollen, zu verweigern. Für Ärzte-Funktionäre wie Professor Vollrad Deneke, Geschäftsführer der Bundesärztekammer, ist das »unmenschlich und unmoralisch«. Aber so wollen es offenbar weder die protestierenden Mediziner noch die demonstrierenden Frauen sehen.

Sie trauen dem Frieden nicht und fühlen sich bestätigt, wenn Männer wie der Bonner Innenminister Gerhart Baum erklären: »Erst durch den Hinzutritt der zivilen Verteidigung ist gewährleistet, daß die Abschreckung ihre volle Wirkung erzielen kann.«

Auf die Wundpflege im Kriegsfall, die dem Münchner Seidler »als die gebotene besondere Pflicht der Frau« erscheint, werden Frauen seit langem intensiv vorbereitet; wer immer beim Roten Kreuz, den Maltesern oder beim Johanniterorden zur Schwesternhelferin ausgebildet werden will, muß vorher ein Revers für den Ernstfall unterschreiben: Er hat die Wahl, ob er im örtlichen oder überörtlichen, im zivilen oder militärischen Bereich eingesetzt werden möchte.

»Personen, bei denen erkennbar ist, daß sie für eine Beschäftigung im Spannungs- und im V-Fall nicht in Betracht kommen«, so eine Anweisung des Bundesgesundheitsministeriums, »sind zur Ausbildung nicht zuzulassen.«

Der Helferinnen-Kursus hat auch in Friedenszeiten sein Gutes. Absolventinnen können daheim Erste Hilfe leisten und sind mitunter für Nachtwachen im Hospital gefragt. Bezahlt wird die Unterweisung vom Bund, rund 500 Mark pro Frau und Vier-Wochen-Kurs, und eine Brosche für den Kittel (2,60 Mark) gibt es auch. In zwei Jahrzehnten sind bislang über 200 000 Frauen ausgebildet worden. Allein im letzten Jahr zahlte der Bund 8,1 Millionen Mark. »Entsprechend den Wünschen der Bundesregierung« (Johanniterorden) wird damit »im Rahmen einer organisierten Personalvorhaltung« (Malteser-Hilfsdienst) für hinreichend »geschultes Pflegehilfspersonal« (Rotes Kreuz) gesorgt.

Beim Arbeitsamt werden die Helferinnen, jederzeit abrufbar, mit Personalkennziffern S.79 in Karteien geführt; sie werden, wenn Bundestag und Bundesrat entscheiden, daß der Krieg ausgebrochen ist, unverzüglich alarmiert. Erwünscht ist Fortbildung, wie auf einer Bunkerübung letztes Jahr in Hamburg, als Schwesternhelferinnen im Lazarett unter der Erde den Ernstfall studierten.

Nur beim Arbeiter-Samariterbund (ASB) gab es aus alter sozialdemokratischer Tradition von Anfang an Widerstände. »Mit Schwesternhelferinnenausbildung für einen neuen Krieg«, sagt ASB-Bundesgeschäftsführer Wilhelm Müller, »wollten wir nichts zu tun haben.« Im vorigen Krieg hatten viele Helferinnen sterben müssen. Sie standen oft in vorderster Front - in Breslau ist einer Schwesternhelferin gar vom Festungskommandanten 1945 das Eiserne Kreuz an die Brust geheftet worden.

Manchen Frauen ist die Erinnerung an damals mit der Vorstellung der Apokalypse von morgen gekommen. Die Bremer Pastoren-Frau Ingeburg Bertbach beispielsweise hat ihren Kurs schon vor Jahrzehnten gemacht, überlegt aber jetzt, ob sie widerrufen soll. Andere, wie die Hannoveranerin Barbara Riehn, stehen in der ersten Kurs-Stunde auf und wollen entweder nicht unterschreiben oder den Verteidigungspassus streichen.

Frauen wie Karin Bitter aus dem badischen Heiligkreuzsteinach wiederum modifizieren ihren Rückzug: »Der Widerruf meiner Unterschrift«, schrieb sie ihrem Zivilschutzamt, »bezieht sich nicht auf Naturkatastrophen oder Unfälle, sondern ausdrücklich auf den Kriegsfall.«

Berufssamariter sind bestürzt über diese Verweigerungswelle. »Die kommen hierher«, sagt eine altgediente Schwester, »und tun so, als wären wir die Kriegstreiber.« Wenn »Teilnehmerinnen widerrufen«, so der Malteser-Referent Günter Hupperich, »passiert ihnen nichts, wir sind dann nur sehr enttäuscht«.

Der Leitende Regierungsmedizinaldirektor Heinzkarl Pfannkuch vom Staatlichen Gesundheitsamt Karlsruhe gab der Verweigerin Claudia Schneider-Berndts auf den Lebensweg, sie sei eine »hartherzige Person«, und »wenn es lauter Claudia Schneiders gäbe«, sei es schlecht »um die Menschheit und die Menschlichkeit« bestellt.

Von der Bonner Hardthöhe erfuhr die Hamburgerin Eva Bühler, wie die Verteidiger über solche Verweigerer denken: »Ihr Vorsatz, unglücklichen Opfern von Kriegshandlungen keine Hilfe leisten zu wollen, berührt nicht nur das Verfassungsgebot sozialen Verhaltens, sondern auch Ihr eigenes Gewissen.«

S.77Bei der Besetzung des Kreiswehrersatzamtes Recklinghausen.*

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