Brüder im Ungeist - DER SPIEGEL
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STRAUSS Brüder im Ungeist

Zwischen dem CSU-Vorsitzenden Strauß und dem stets parteifrommen »Münchner Merkur« ist unversehens eine heftige Fehde ausgebrochen.
• aus DER SPIEGEL 1/1981
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Immer wenn Bayerns Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender Franz Josef Strauß festlich wird, müssen die Freunde des Meisters die Köpfe einziehen. Auf der Weihnachtsfeier 1979 im Münchner Maximilianeum kanzelte er seine Fraktionskollegen ab, sie seien nur »fett, faul und auf Feuerwehrfesten«. Diesmal knöpfte er sich einen »Pseudo-Chefredakteur« und dessen Team vor: »Ihr habt mich nicht zu kritisieren!«

Gemeint war Paul Pucher, 46, Redaktionsleiter des »Münchner Merkur«, den der Parteichef stets als »eine unverzichtbare Säule in der Presselandschaft der Bundesrepublik« eingeschätzt hatte -- aus seiner Sicht sicher mit Recht. Denn für das konservative Blatt galt der Ober-Bayer seit eh und je als der »bedeutendste Kopf des bürgerlichen Lagers«, und für Chefredakteur Pucher war es »keineswegs ehrenrührig, in die Nähe der CSU oder ihres Vorsitzenden gerückt zu werden«.

Wie selbstverständlich favorisierten Blatt und Blattmacher denn auch den Kanzlerkandidaten aus Bayern: »Strauß, wer sonst?«

Doch je polternder der Matador in der Wahlarena auftrat und je mehr dadurch seine Siegeschancen schwanden, um so deutlicher ging der »Merkur« auf Distanz zum Favoriten. Der smarte Chefredakteur bemäkelte die unvorteilhafte Linie des übergewichtigen Kandidaten, aber auch die »strategische Linie« seines Wahlkampfmanagers und Generalsekretärs Edmund Stoiber: »Was wir sehen, ist eher mühsam und notdürftig improvisiert.«

Auf den »hitzigen Generalsekretär« ließ der in Paris, Freiburg und Tübingen gebildete Akademiker nun das Vokabular los, mit dem er bislang die »denkfaulen, charakterschwachen Opportunisten« der linken Szene und ihre »viertelgebildeten Nachbeter in den Massenmedien« bedacht hatte. Stoiber, so Pucher unnachsichtig, »möchte immer ein bißchen schlauer sein, als er von Haus aus ist«.

Bei einem betont mageren Mittagessen in der Privatwohnung von Strauß versuchten der Parteichef und sein Generalsekretär vergeblich, den unbotmäßigen Leitartikler wieder auf Kurs zu bringen. Danach erörterte Jurist Stoiber unter Parteifreunden, »wie man den Pucher zu Fall bringt« ("Süddeutsche Zeitung").

Der unheimliche Wandel in der »Merkur«-Chefetage geriet mehr und mehr zur »Geschichte einer enttäuschten Liebe« ("Süddeutsche Zeitung"). Denn in der Frühzeit des Freistaats Bayern war der aufkommende Parteiführer Strauß immerhin für 250 Mark monatlich festbesoldeter »Berater« des konservativen Blatts gewesen. Er konnte darauf pochen, daß der aus einem guten Dutzend Lokalausgaben in Oberbayern bestehende »Merkur« in seiner alpenländischen Wahl-Heimat zwei Provinz-Gazetten sich hatte einverleiben können: das »Weilheimer Tagblatt« und das »Garmisch Partenkirchner Tagblatt«. Die Kooperation zwischen S.28 Zeitung und CSU funktionierte über Jahre hin derart reibungslos, daß sich der »Münchner Merkur« richtiggehend zu einem Personalreservoir für Partei und Freistaatsregierung entwickelte.

Der leitende »Merkur«-Redakteur Wolfgang Horlacher beglückte später jahrelang die »Bayernkurier«-Leser mit Stilblüten ("Bismarck, lebte er noch, er würde sich im Grabe umdrehen"). Der heutige CSU-Sprecher Godel Rosenberg wechselte von der politischen Redaktion des »Merkur« in die Parteizentrale. Der Pucher-Stellvertreter Hans Tross avancierte zum Pressesprecher des Ministerpräsidenten Strauß.

Eine handfeste ökonomische Stärkung dieser Symbiose mißlang allerdings vor vier Jahren. Der »Münchner Merkur«, der damals bedrohlich in die roten Zahlen geraten war (Geschäftsbericht 1974: »Wir müssen jede Mark zweimal umdrehen"), bemühte sich vergeblich, den Druckauftrag für die wöchentlich 200 000 Exemplare des »Bayernkurier« an Land zu ziehen. Dafür sprang dem Münchner Pressehaus der Hamburger Großverleger Axel Springer mit dem Kauf eines Viertelanteils bei.

Nach dem Eindruck des Branchendienstes »Kress Report« hatten sich auch da »zwei Brüder im Geiste die Hand zum Bunde gereicht«. Denn: »Die Verehrung von Franz Josef Strauß wird im 'Münchner Merkur' gleichsam mit geöffneter Hemdbrust dargebracht und in der 'Welt' mit Schlips und Kragen.«

Aus den Krisenjahren datieren freilich auch Animositäten der »Merkur«-Verleger gegen ihren langjährigen, oft allzu rauhbeinigen Berater Strauß. Verleger Felix Buttersack gab sich reserviert, seit er den potenzstrotzenden Politiker wegen allzu aufdringlichen Treibens während einer Faschingsfete des Hauses verweisen mußte. Und Mitverleger Ludwig Vogl, der als privates Hobby Pferde im Oberland züchtet, sah sich vom Pferde-Laien Strauß als »Lord Reitham« veräppelt.

Von daher scheint auch verständlich, daß Chefredakteur Paul Pucher in seiner Fehde gegen Strauß und Stoiber so erstaunlich lange Leine bekommt.

Unmittelbar nach der für Strauß verlorenen Bundestagswahl hatte Pucher die Schlappe in der Hauptsache noch einer linksliberalen Schickeria angelastet, die er offenbar gut kennt: »Wohlstandsbürger, halb intellektuell, geschmäcklerisch, mit Trimm-dich und Zweitwagen, nouvelle cuisine, mit sexuellen Problemen belastet.«

Damals hatte er noch sorgfältig zwischen dem Meister als dem nach wie vor »vielleicht begabtesten Politiker dieser Republik« und dessen »pfuschenden Hilfstruppen« unterschieden. Pucher am Montag nach der Wahl drohend: »Davon wird noch die Rede sein.«

Zwei Monate später war's dann so weit. Unter der Überschrift »Beschönigungsversuch« zerzauste Pucher in seinem Leitartikel Stoibers »von Selbstgerechtigkeit triefende Wahlanalyse«. Dem Generalsekretär hielt der Leitartikler nun »berserkerhaften Wahlkampfstil«, »Espakaden und Donquichoterien« vor. Pucher: »Zu untersuchen wäre vor allem, welche zusätzlichen Widerstände gegen den Kandidaten Strauß auf das Konto Stoibers gehen.«

Strauß, Patenonkel der Stoiber-Familie, blieb seinem gebeutelten Manager indes treu und machte Front gegen den aufmüpfigen »Pseudo-Chefredakteur«. »Täuscht euch nicht über mein Schweigen in den letzten Wochen«, dräute Strauß, »das ist kein resignierendes Hinnehmen dessen, was ihr tut.«

Pucher ging nun auch aufs Ganze; in einer bis dahin unerhörten Tonlage nahm er den Parteiführer selber an. Er lasse sich nicht »einschüchtern, nur weil die Herren gelegentlich vergessen, daß sie Gewählte und nicht Erwählte sind«. Und: »Unentwegtes Weihrauchkessel-Schwingen -- ad maiorem gloriam Bavariae Imperatoris mag als Programm für den 'Bayernkurier' taugen, nicht jedoch für eine unabhängige Tageszeitung.«

Beflissen wie immer sah Generalsekretär Stoiber nun »das Tischtuch völlig zerschnitten«. In einer trauten Runde mit »Welt«-Redakteuren unter Chefredakteur Peter Boenisch erläuterte Strauß, wozu der Schnitt führen könnte: Man möge, riet Strauß, endlich seinem Vorschlag folgen und eine Münchner Ausgabe der »Welt« gründen.

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