KIRCHEN Brüderliche Stöße
Vierfach versiegelt kam das Verdikt, per Boten, morgens um neun am Montag vergangener Woche.
Dem Empfänger, dem Hamburger Hauptpastor Doctor theologiae Paul Schulz, sprach der Bann-Brief die Fähigkeit ab, »eine amtliche Tätigkeit im kirchlichen Dienst auszuüben«.
Die Bulle, unterschrieben vom gesamten Spruchkollegium der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), das seit zweieinhalb Jahren über den abtrünnigen Theologen zu Gericht saß, war das Schlußwort in dem kirchlichen »Feststellungsverfahren« gegen Schulz. Ein seltener Vorgang in (ler Geschichte der Bundesrepublik; 1953 verfuhr die evangelische Kirche zum letzten Male so mit einem Geistlichen.
Schulz, so befanden die sieben Spruch-Kollegen unter Vorsitz des hannoverschen Landesbischofs Eduard Lohse, widerspreche »öffentlich durch Wort und Schrift« dem Bekenntnis der evangelisch-lutherischen Kirche, die ihn vor rund 13 Jahren ordiniert hat -- und das »in entscheidenden Punkten«. Sonst »ziemlich großzügig im Ertragen von Unsinn« (Lohse), glaubten die VELKD-Glaubensrichter, die Thesen des publizitätsfreudigen Dissidenten gingen denn doch zu weit.
Schulz, Verfasser von zwei gut verkauften Büchern und zahlreichen Zeitungsbeiträgen, hatte die christliche Geduld seiner Kirchenbrüder mit gewagten Thesen überstrapaziert. Die Existenz eines personalen Gottes leugnet er schlichtweg ("Eine tröstliche Erfindung von Menschen"). Jesus Christus war nach Schulzens Meinung »ein ganz normaler Mensch«, und der Glaube an ein Leben nach dem Tode, Dogma für jeden Christen, ist für den protestantischen Dissidenten lediglich »der Wunsch danach«. Schulz: »Der Tod ist das natürliche Ende, der Mensch löst sich auf.«
In seiner Gemeinde, der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi, riefen die Schulz-Thesen rasch Unmut und Widerstand hervor -- nicht nur bei Kirchenvorstehern und Gemeindeältesten. Andere fanden ganz schick, was der rhetorisch begabte Kirchenmann zu bieten hatte. Und bald schon reiste Publikum an aus Blankenese und Pöseldorf, um die pastoralen Anwürfe gegen Gott und Kirche original zu hören.
Die Kirche setzte sich gegen ihren abdriftenden Diener zur Wehr. Zunächst in seelsorgerlichen Unterredungen, dann in einem offiziellen »Lehrgespräch«. Schließlich sollte Schulz durch einen einjährigen Studienurlaub wieder auf den rechten Theologenpfad gebracht werden -- alles war vergebens.
Als dann die »äußerste Maßnahme« (Lohse), das Feststellungsverfahren, gegen den hanseatischen Dissidenten anlief, war dieser schon auf dem besten Wege, der Märtyrer des bundesdeutschen Protestantismus zu werden. Ebensooft wie falsch von Zeitungen als »Ketzer« gepriesen, von seinem Buchverlag als »Hamburger Kirchenrebell« verkauft, ging der selbstbewußte Geistliche in die vier mündlichen Verhandlungen, die, zwischen November 1977 und Januar dieses Jahres, im Gemeindesaal der Michaelis-Gemeinde zu Hannover-Ricklingen Klarheit über seine Theologie bringen sollten.
Die Art, wie der inzwischen vom Kirchendienst suspendierte Pfarrer in den Anhörungen auftrat, verschreckte auch wohlwollende Beobachter. Schulz mußte sich Anmaßung und Eitelkeit vorhalten lassen, und der auf Antrag von Schulz zum Gutachter bestellte Philosoph und Naturwissenschaftler Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker
der gleichwohl wünschte, »die Hamburger Kirche hätte es vermocht, diesen Bruder zu ertragen« -- bescheinigte dem theologischen Problemfall ein »etwas zu billiges Niveau«.
Welches Niveau auch immer -- der Krach um Schulz offenbart vor allem ein innerkirchliches Defizit, legt christliches Versäumnis bloß, biblische Offenbarung und die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften in Einklang zu bringen.
Schulz-Fragen nach einem Gottesbild im Atomzeitalter empfinden auch seine evangelisch-lutherischen Kontrahenten als legitim. Für den VELKD-Sprecher und hannoverschen Oberkirchenrat Jürgen Jeziorowski etwa hätte das Spruch-Kollegium den anstößigen Hauptpastor »ruhig ein Stück mehr begleiten und schützen, seinen guten Willen etwas mehr honorieren können«.
Die Kluft zwischen der Kirche und dem verlorenen Bruder im Herrn war jedoch schon zu tief, als daß etwas mehr Verständnis auf der einen und etwas weniger Selbstdarstellung auf der anderen Seite noch etwas zu retten vermocht hätten. Denn darauf, daß ihre Pfarrer an Gott glauben, besteht die Kirche nun einmal. »Kein Fußballverein«, meint Bischof Lohse, »beschäftigt ja wohl einen Trainer, der den Leuten sagt: »Fußball ist Unsinn, ihr müßt alle Handball spielen.«
Daß als Folge des Schulz-Verfahrens allzu viele den Verein verlassen, an Kirchenaustritte, glaubt man in der Lutherkirche nicht. Eher befürchtet Bischof Lohse »Beifall aus einer falschen Ecke«.
Der kam prompt. Die »Konferenz Bekennender Gemeinschaften«, theologisch wie politisch äußerst konservativ, rief zum Kahlschlag gegen allzu rebellische Pastoren auf und verlangte, die Kirche möge sich doch »auch von ähnlichen Irrlehrern« trennen.
Während Bischof Lohse für die Zukunft zweifelnden Theologen gegenüber auf »einige brüderliche, freundschaftliche« Rückenstöße setzt, stößt Hauptpastor Schulz weiterhin nach vorn, Die nordelbische Kirchenleitung, sein Arbeitgeber, dürfte Anfang dieser Woche seine formale Kündigung beschließen; einem bereits angekündigten Unterhaltszuschuß sieht der Theologe, der sich dann nicht mehr Pastor nennen darf, skeptisch entgegen, könnte der doch jederzeit widerrufen werden.
Schulz, der möglicherweise vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Spruch klagen wird, denkt da eher an einen neuen Geldgeber. Für das Hamburger Kommunikationszentrum »Markthalle«, in dem er früher schon »vor 'ner überfüllten Halle« auftrat, wird er wohl künftig den Programmdirektor machen.
Seine Zukunft sieht er nicht als theologischer Entertainer, sondern bedeutsamer: »Ich will geistiger Katalysator sein für Menschen, die in meine Richtung denken.«