Budget des Todes - DER SPIEGEL
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Polen Budget des Todes

Die Polen erwarten einen harten Winter. Viele stehen vor der Alternative: Lebensmittel kaufen oder Miete bezahlen.
• aus DER SPIEGEL 50/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Anna Knefa an vergangene Zeiten unter den Kommunisten denkt, wird sie wehmütig. Die Versorgung war damals zwar nicht besonders üppig, aber durch Lebensmittelkarten immerhin gesichert.

Heute, sagt die Mutter zweier Kinder, »kann ich mir im Geschäft die Sachen nur noch anschauen, aber nicht kaufen«. Denn »Kartki« existieren nicht mehr, und ihr Monatslohn von knapp 1,2 Millionen Zloty (rund 170 Mark) »reicht eigentlich nur die erste Woche des Monats«.

160 000 Zloty muß die 32jährige Köchin der Warschauer Grundschule Nr.15 für die Einzimmerwohnung zahlen, die sie und ihre Kinder mit Schwager, Schwester, Neffe und Mutter teilen. 100 000 Zloty fordert die Schule an Gebühren, der Englischlehrer von Tochter Aneta verlangt zu seinem Gehalt pro Kind auch noch 60 000 Zloty.

Sonst werde er sich, hatte er verkündet, eine besser dotierte Stelle suchen. Weil Fremdsprachen-Lehrer in Polen knapp sind, akzeptierten die Eltern die Bedingung.

Den Rest ihrer Einkünfte gibt Anna Knefa für Lebensmittel und Kleidung aus - die bei einer Inflationsrate von rund 60 Prozent immer teurer werden. Ein Kilo Wurst kostet jetzt statt 35 000 Zloty 39 000 (rund 5,60 Mark), der Preis für ein halbes Pfund Butter stieg auf umgerechnet 1,10 Mark.

Für zwei Paar Kinder-Winterstiefel mußte die Warschauerin in einem Billig-Laden jüngst über 40 Mark, fast ein Viertel ihres Lohnes, aufbringen. »Ich sehe für uns keine Zukunft«, sagt Anna Knefa verzweifelt.

Wenn die Lage auch nicht immer so dramatisch wie bei den Knefas ist - viele polnische Familien fragen sich in diesen Wochen, wie sie finanziell über die Runden kommen sollen. Nicht selten heißt die Alternative: Lebensmittel anschaffen oder Miete überweisen.

Warschauer Winter 1991: Die Wende hat den Bürgern zwar politische Freiheiten sowie die Möglichkeit gebracht, in schicken Boutiquen und Geschäften zu erwerben, was es einst bloß im Westen gab. Doch leisten kann sich die schönen Dinge nur eine Minderheit.

Bei einem Durchschnittseinkommen von 270 Mark ist ein Kilo Schweinekotelett (knapp 7 Mark) ein teures Vergnügen. Für einen sowjetischen Kühlschrank der Marke »Minsk« muß ein Pole knapp eineinhalb Monate, für einen deutschen rund vier Monate schaffen.

80 Prozent der Bürger sind laut offizieller Statistik gezwungen, sich beim Kauf von Brot, Butter, Fleisch, Obst und Gemüse einzuschränken. Zwei Drittel aller Haushalte können sich Urlaub nicht mehr leisten. Nur noch jede zehnte polnische Familie ist finanziell sorgenfrei.

»Der kommende Winter«, prophezeite die Zeitung der Postkommunisten, Trybuna, »wird eine Überlebensschule für eine große Menge von Familien.«

Zu den Kunden der vom früheren Sozialminister Jacek Kuron eingerichteten Suppenküchen, die den Armen wenigstens zu einem warmen Gratis-Essen am Tag verhelfen sollen, gehören nicht mehr nur die Gescheiterten und Kranken. Auch pensionierte Akademiker zum Beispiel, sagt Suppenküchen-Chefin Danuta Sawicka am Warschauer Invalidenplatz, löffeln bei ihr eine Mahlzeit, weil ihre Renten nicht ausreichen.

Über Geldmangel klagen vor allem Studenten und Alte. Genehmigt das Verfassungsgericht das neue Rentengesetz, müssen gar 1,4 von insgesamt 6 Millionen Senioren mit geringeren Einkünften als vorher leben. Der Mindestsatz darf allerdings nicht unter 87 Mark rutschen.

Viele Polen sind schon jetzt auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Die ehemalige Buchhalterin Malgorzata Czarnecki, 74, erhält 98 Mark Rente, von denen allein Miete, Strom, Gas und TV-Gebühren über 28 Mark verschlingen.

Auf die Rentnerin Czarnecki kommen künftig noch mehr Belastungen zu. Ihre Medikamente, etwa gegen Bluthochdruck und Augenentzündung, muß sie, so will es die Regierung, fortan selbst bezahlen.

Von einer Mieterhöhung ist die alte Dame bislang verschont geblieben - im Gegensatz zu den meisten polnischen Bürgern. Die Mieten der halbprivaten und der staatlichen Baugenossenschaften stiegen in den letzten sechs Monaten gegenüber dem Vorjahr fast um das Doppelte.

Ein hauptstädtisches Wohnungsunternehmen in Warschau klagt, fast jeder dritte Mieter zahle nichts mehr. Da der Staat keine Kündigung erlaubt, drehen die Vermieter den Säumigen kurzerhand den Strom ab. In Warschau sitzen deshalb jeden Abend weitere 280 Haushalte mehr im Dunkeln.

Die Wohnungsgesellschaften, die mit 470 Milliarden Zloty (67 Millionen Mark) bei den hauptstädtischen Heizwerken verschuldet sind, können sich nicht genügend Kohle beschaffen. Sie haben deshalb ihre Kapazität heruntergefahren: In vielen Wohnungen frieren die Mieter - die Heizkörper bleiben lauwarm.

Die Polen bekommen in diesen Wochen die bitteren Folgen der ökonomischen Schieflage zu spüren: Über ein Drittel aller Unternehmen macht Verluste, denn sie setzen ihre Waren wegen westlicher Konkurrenz und wegen des zusammengebrochenen Export-Markts Sowjetunion nicht mehr ab. Hinzu kommt die rigorose anti-inflationäre Sparpolitik der Regierung, die Arbeitgebern zum Beispiel Strafsteuern auferlegt, wenn sie die Löhne über eine vom Finanzministerium festgelegte Quote hinaus erhöhen wollen.

Besserung ist für die gebeutelten Polen vorerst nicht in Sicht. Das Heer der Arbeitslosen droht bis zum Ende des Jahres um 200 000 auf 2,3 Millionen zu wachsen.

Viele Betriebe zahlen keine Steuern mehr und behalten sogar, wie die Krakauer Eisenhütte »Sendzimir« oder die Werft »Stettin«, auch die Sozialabgaben ein. Das Loch im Staatsbudget dürfte deshalb von 24 auf über 30 Billionen Zloty wachsen.

Ehemals finanziell gut abgepolsterte Institutionen müssen nun knapsen. Um Geld zu sparen, schließen manche Theater einige Tage in der Woche oder vermieten Räume an private Firmen. Die Polizei hat Pläne zur Modernisierung ihrer veralteten Streifenwagen und zur Anschaffung neuer Funkgeräte vorerst aufgegeben.

Das staatliche Warschauer Krankenhaus Bielany kann Löhne und Medikamente nicht mehr finanzieren. Es nimmt nur noch Notfälle auf - es sei denn, der Patient verpflichtet sich schriftlich, die täglichen Behandlungskosten von 30 Mark zu bezahlen.

Das Hämatologische Institut Warschaus, weniger radikal, bat die Belegschaft, einen Gehaltsaufschub um einen Monat zu akzeptieren. Die Ärztin und Senatorin Zofia Kuratowska von der linksliberalen Demokratischen Union nennt den staatlichen Gesundheits-Etat von kaum zehn Billionen Zloty ein »Budget des Todes«.

Dies scheint nicht übertrieben: Die Menge der Tbc-Kranken, hauptsächlich unter Rentnern und Studenten, wächst. Da es an modernen Diagnoseapparaten fehlt, fürchtet die Senatorin, daß in diesem Winter zudem mehr Menschen als sonst an Krebs sterben werden.

Jerzy Eysymontt, der Chef des zentralen Planungsamts, warnt: »Es kommen dunkle Zeiten.« o

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