GROSSBRITANNIEN Bushs Pudel
Als Tony Blair in der letzten Fragestunde des Premierministers vor den Osterferien ans Rednerpult des Unterhauses trat, kochten - ganz unenglisch - die Emotionen hoch. »Kriegsverbrecher! Stellt ihn vor Gericht«, brüllte ein Mann von der Zuschauergalerie.
Blass und sichtlich angestrengt verteidigte Blair die überraschende, auf amerikanischen Wunsch erfolgte Entsendung von 1700 britischen Soldaten in die afghanischen Berge. Als die Abgeordneten wenig später - in der ersten Sondersitzung seit neun Jahren - die Risiken der Afghanistan-Mission und einen möglichen Angriff auf den Irak diskutierten, war der angeschlagene Premier schon wieder weg.
So ersparte es sich Blair mitanzuhören, wie Abgeordnete der eigenen Labour Party seine Vasallentreue zu George W. Bush ins Visier nahmen. Vor einem »neuen Vietnam« in Afghanistan warnte ein Ex-Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Zustimmung zu Blairs Bellizismus kam von der konservativen Opposition. Seit sich der Premier dem Krieg gegen den Terrorismus verschrieben hat, war die Heimatfront noch nie so wacklig.
Immer mehr Zweifel wurden laut an der Weitsicht des Premiers, der in den vergangenen Monaten wegen ausgedehnter Auslandstourneen nur an drei Prozent aller Abstimmungen im Unterhaus teilnahm. Im November noch hatte Blair vollmundig erklärt: »Der Feind ist vollkommen geschlagen.« Doch jetzt entschied er ohne Rücksprache mit seinem Kabinett, Spezialtruppen nach Afghanistan zu entsenden, weil die amerikanischen Waffenbrüder mit den al-Qaida-Kämpfern nicht fertig werden. Dabei weht auch schon an einer anderen Front heftiger Gegenwind. Nachdem bereits 131 Labour-Abgeordnete einen Angriff auf den Irak verurteilt hatten, gärt jetzt selbst im Kabinett der Widerstand. Etliche Ressortchefs lehnen einen Schlag gegen Bagdad ohne neues Uno-Mandat ab. Clare Short, Ministerin für Entwicklungshilfe, drohte ihren Rücktritt für den Fall an, dass Blair mit Bush gegen den Despoten Saddam Hussein losschlägt.
Die prominente Linke vertritt dabei eine populäre Position: In einer Meinungsumfrage sprachen sich lediglich 35 Prozent der Befragten für eine britische Beteiligung an einer Neuauflage des Golfkriegs aus.
Blair droht aber auch in Europa die Isolation. Auf dem letzten EU-Gipfel in Barcelona versuchte der Brite vergebens, europäische Amtskollegen für einen Feldzug gegen Saddam zu rekrutieren.
Gleichzeitig brachte er die Gewerkschaften daheim nachhaltig gegen sich auf, indem er mit Silvio Berlusconi eine Allianz gegen Frankreich und Deutschland begründete, um die Arbeitnehmerrechte in der EU zu schwächen.
So schlecht stand es noch nie um den einstigen Star der europäischen Sozialdemokraten. Vieles deutet darauf hin, dass Blair nach knapp fünf Jahren in 10 Downing Street und zwei glänzenden Wahlsiegen den Zenit seiner Politkarriere überschritten hat.
Bei der Reform des Gesundheitswesens blieben die versprochenen Erfolge ebenso aus wie bei der Sanierung der Eisenbahnen. Anrüchige Parteispenden und Nepotismus am Hof des Premiers, der wie ein amerikanischer Präsident regiert, haben das Vertrauen zermürbt. Innerhalb eines Monats schrumpfte der Vorsprung, den Labour in Umfragen vor den drögen Konservativen hat, von 17 auf 7 Prozent.
Im Teeraum und an der »Strangers' Bar« des Unterhauses denken Labour-Abgeordnete schon an das bislang Undenkbare: Sie spekulieren über einen möglichen Sturz des Chefs. An diesen Planspielen beteiligen sich nicht nur die rund 30 bekannten Blair-Kritiker der Fraktion, sondern auch bisher loyale Gefolgsleute von New Labour.
Das linke Labour-Blatt »Tribune« warnt, Blair riskiere mit der bedingungslosen Unterstützung von Bush, »dass Labour in Stücke gerissen wird«. Selbst die »Times« karikiert Blair mittlerweile als Pudel mit der US-Flagge als Fell.
Vorgehalten wird dem Premier, dass die seit Churchills Zeiten mit Washington gepflegte »Sonderbeziehung« mittlerweile eine höchst einseitige Angelegenheit ist. So wird Blair zwar in Amerika als der treueste Verbündete gepriesen, wenn er den Kreuzzug gegen das Böse predigt. Doch seine Appelle gegen die Stahl-Schutzzölle werden von Bush einfach ignoriert.
Wenn der Premier am Wochenende nach Ostern Freund George W. in Texas besucht, so fürchten selbst Gefolgsleute, könnte er sich wieder ohne Gegenleistung vor den amerikanischen Karren spannen lassen. »Herr Blair«, rät Hugo Young, Chefkommentator des »Guardian«, »muss aus der Tasche von Präsident Bush klettern.«
Blairs Position ist auch deshalb ungemütlich, weil ihm mit Schatzkanzler Gordon Brown ein fähiger Nachfolgekandidat im Nacken sitzt. Brown ist in der Partei beliebt und hat bis heute nicht verwunden, dass er 1994 beim Kampf um den Labour-Vorsitz gegen Blair den Kürzeren zog.
In England sind zudem ausufernde Amtszeiten wie die eines Helmut Kohl unüblich. Margaret Thatcher war mit gut elf Jahren die große Ausnahme, doch sie wurde schließlich mitten in der Legislaturperiode von der eigenen Partei abserviert.
Noch gut an ihren tränenreichen Abschied erinnert sich Tam Dalyell, 69, dienstältester Abgeordneter des Unterhauses. Der Labour-Mann aus Schottland räumt zwar ein, dass die Wahrscheinlichkeit eines Misstrauensantrags gegen Blair gering ist. Aber er weiß auch: »Es ist keine gute Sache für einen Premier, länger zu bleiben als erwünscht.« MICHAEL SONTHEIMER