Busse
Durch welche Zufälle und auf welchen Umwegen »DER SPIEGEL« vom 20. Juli 1950 schon bis Neuruppin gelangte, sollte besser nicht geschrieben werden. Denn ich weiß zu genau, wie sehr Ihr Blatt in den Ministerien der DDR gelesen und ausgeschlachtet wird. Aber ich muß Ihnen zu Ihrer ausgezeichneten Informiertheit doch gratulieren. In dem Artikel »Gerupft
wie die Hühner« schrieben Sie am letzten Donnerstag, daß Ernst Busse, Organisationsleiter des östlichen Genossenschaftswesens, gehen wird. Heute ist er bereits gegangen. Denn einen Tag nach Erscheinen des »SPIEGEL« wurde der Ministerialdirektor im Landwirtschaftsministerium der Deutschen Demokratischen Republik, Ernst Busse, vom Staatssicherheitsdienst verhaftet.
Ich selber kenne den dicken Ernst Busse noch aus dem KZ Buchenwald. Als Kapo in der Lazarettbaracke hat er das Leben vieler Kameraden auf dem Gewissen. Später wurde Busse dann aber Landesvorsitzender der SED und stellvertretender Ministerpräsident in Thüringen. Unser aller Versuche, den plötzlich so einflußreichen kommunistischen Funktionär wegen seiner Kameraden-Mißhandlungen im KZ zur Rechenschaft zu ziehen, scheiterten bisher am Widerstand der SED und der VVN. Jetzt ist Ernst Busse über die Genossenschaften gestolpert.
Neuruppin
H. S.