CÄSARISIERT - DER SPIEGEL
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Briefe

CÄSARISIERT
• aus DER SPIEGEL 6/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

CÄSARISIERT

(Nr. 4/1910, Fernsehen)

Mit Bestürzung habe ich Ihren Artikel über Springers geglücktes Husarenstück, mit dem er es endlich geschafft hat, ins Fernsehen einzusteigen, gelesen. Bange Fragen tun sich auf: Werden wir nun künftig auch von der ARD ein ähnlich konservatives Programm dank Springer und seiner »Mitstreiter« wie das des ZDF bekommen? Wird das westdeutsche Publikum, das ohnehin elf Millionen »Bild«-Leser unter sich hat, nun »cäsarisiert«? Wie lange wird es wohl dauern, bis die letzte maßgebende Bastion der in Artikel 5 GG garantierten Informationsfreiheit, nämlich das Deutsche Fernsehen, gleichgeschaltet wird und jenes Grundrecht damit tot ist? Merseburger & Co. wird man wohl künftighin vermissen müssen.

Buxtehude (Nieders.) TILMAN SCHWARZ

Wenn er erst einmal anfängt, am Fernsehkuchen zu säbeln, dauert es nicht mehr lange, bis William 5. Schlamm »Panorama« moderiert. Man kennt ja die Ausdauer von Leuten, die glauben, mit ihren Heilslehren das Universum beglücken zu müssen. Und wenn Axel Cäsar dann im Fernsehkanal plätschert, traut sich erst recht keiner mehr, etwas gegen ihn zu unternehmen, keine Regierung und kein Parlament. Der Justiz tanzt er ja heute schon auf der Nase herum. Er ließ mitteilen, daß er nicht beabsichtige, am 2. 2., dem Termin, zu dem er geladen ist, vor der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin in Sachen Mahler auszusagen, da sein Terminkalender für den Februar schon voll sei. Mahlers Verteidiger wies darauf hin, daß private Verrichtungen nur dann einer Zeugenaussage vorgingen, wenn sie im Interesse der Allgemeinheit lägen. Das Protokoll verzeichnet an dieser Stelle schallendes Gelächter im Zuschauerraum. Wohl zu Recht.

Berlin THOMAS E. SAMBUC

stud. jur.

Wer »feuert« nun den Intendanten Schröder?

Berlin HELMUT RISSEL Es ist bedauerlich, daß der SPIEGEL die vielzitierte »Flucht nach vorn« antritt, offensichtlich, um von eigenen Beteiligungen des Verlagshauses Gruner + Jahr abzulenken. Die Interessen, die der SPIEGEL hinsichtlich eines eigenen bzw. gesteuerten Privatrundfunks hat, sind in diesem Zusammenhang ja auch unbedeutend und nicht für das Wohl aller Deutschen so gefährlich wie gleiche Unternehmen des SPIEGEL-Buhmanns Springer.

Hiltrup (Nrdrh.-Westf.)

BERND FARWICK

Die armen Springer-Redakteure mögen sich trösten. Ihre Kollegen des zweiten deutschen Staates müssen dort ebenso die Planwirtschaft (Sozialismus) bejahen, wie man hier die soziale Marktwirtschaft (Kapitalismus)

bzw. die persönliche Philosophie des Herrn Springer befolgen muß.

Hamburg H. DEHDASHTY

Wer vom Fernsehen spricht, sollte drei Dinge unterscheiden: Das Veranstalten von Sendungen, die Produktion von Sendungen und die zusätzliche Nutzung des Fernsehgerätes zum Abspielen von Fernseh-Kassetten.

1. Das Veranstalten von Sendungen ist in der Bundesrepublik aus einer Reihe von technischen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Gründen Sache öffentlich-rechtlicher Anstalten. Nach übereinstimmender Meinung von ARD und ZDF soll das auch für die Zukunft so bleiben. Kommerzielle Hörfunk- und Fernsehsender würden -- so steht zu befürchten -- die bestehenden Programme schonungslos nach unten konkurrieren.

2. Die Produktion von Sendungen liegt in der Bundesrepublik nur teilweise bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Erhebliche Programmteile werden bereits jetzt von privaten Produzenten (zum Beispiel Stern-TV, Windrose-Du Mont-Time) geliefert. Entscheidend bei alldem ist, daß die Auftragsvergabe, die redaktionelle Betreuung und die Verantwortung für die gesendeten Programme bei den öffentlich-rechtlieben Anstalten liegt und von den Aufsichtsorganen dieser Anstalten wirksam kontrolliert wird.

3. Die zusätzliche Nutzung des Fernsehgerätes zum Abspielen von Fernseh-Kassetten ist dagegen ein Gebiet, auf dem jedermann frei sein muß, seinen Ideen und seinen Interessen folgend zu produzieren und zu konsumieren. So, wie die Existenz von Langspielplatten und Musik-Kassetten dem Hörfunk nicht im geringsten geschadet hat, wird auch das Produzieren, Verkaufen, Verleihen und Abspielen von Fernseh-Kassetten die Programme der Rundfunkanstalten nicht berühren.

Erlauben Sie mir eine Schlußbemerkung: Abgesehen von zahlreichen Fehlern und Irrtümern hat der SPIEGEL übersehen, daß es nur aufgrund der hier kurz zusammengefaßten Überlegungen zulässig erschien, das Angebot des Hauses Springer auf Beteiligung am Studio Hamburg in Erwägung zu ziehen. Eine Beteiligung von Privatleuten an Atelierbetrieben ist keineswegs »in dieser Kommunikationsbranche einmalig": Auch an der Münchner Bavaria und an der Wiesbadener Taunus-Film sind neben den Werbefernsehgesellschaften privatwirtschaftliche Anteilseigner beteiligt.

Hamburg MANFRED JENKE

NDR

Elf Millionen »Bild«-Leser freuen sich. Vaterfigur Axel Cäsar Springer als Ben Cartwright, und Peter Boenisch zitiert »lustige Prosa aus »Bild am Sonntag'-Kommentaren für Wirtschafts- und Ostpolitik«. Krimi in Kassetten: »Wer ist der Verlagsauto-Brandstifter?« Schröder und Schwartzkopf als Max und Moritz, und Trebitsch kocht aus der ungarischen Gemüseküche das 24-Millionen-Menü. Die Tele-Volksverdummung kommt von Studio Hamburg! Hätten Sie's gedacht?

Friedberg (Hessen) ULI MEHLER stud. med.

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