Cake mit Sahne - DER SPIEGEL
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ÖSTERREICH Cake mit Sahne

Im Arabischen Meer versank der Frachter »Lucona« mit geheimnisvoller Ladung. Folge: ein Versicherungsstreit um 32 Millionen Mark und um den Chef der Wiener »k. u. k. Hofkonditorei Ch. Demels Söhne«.
• aus DER SPIEGEL 17/1978
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Gegen 13.30 Uhr« -- so die handschriftliche Erklärung des Kapitäns eines Frachters namens »Lucona«, Jacob Puister -- »begab ich mich in die Kabine, plötzlich stellte ich fest, daß ich im Salon war! Natürlich mußte zuvor etwas geschehen sein.«

Richtig. Der keineswegs betrunkene Puister fand gerade noch Zeit, in den Steuerraum seines Motorschiffes zu stürzen und den Schalthebel von »äußerste Kraft voraus« auf »langsam voraus« umzustellen.

Er hörte das Geräusch »eines sich drehenden Baggers« und sah ein »wenig gelblichen sowie auch weißen Rauch«. Dann begann das 75 Meter lange Motorschiff bugüber abzusacken.

Nach knapp zwei Minuten war alles vorbei. Sechs der zwölf Personen an Bord ertranken. Die übrigen sechs, darunter der Kapitän, hatten sich in zwei Rettungsboote abgeseilt. Sie überlebten, weil der Frachter, wie sie sagen, ohne den üblichen Sogtrichter absoff.

Ebenso seltsam wie der Untergang des 1200-BRT-Kahns, Baujahr 1966, am 23. Januar 1977 bei der Minicoy-Insel im Arabischen Meer waren seine Ladung sowie deren Bestimmungsort.

Der Schiffer fuhr unter panamaischer Flagge im Auftrag der Schweizer Firma Zapata AG. Er sollte 700 Tonnen aus Österreich stammender Fracht vom italienischen Hafen Chioggia nach Hongkong transportieren. Das Unternehmen lief unter Code »Project UPP 101 XB19T75 CHIH-MA«. Deklarierter Lieferwert: 31 650 635 Schweizer Franken.

Die Versicherungspapiere sprachen von »Maschinen für die Verarbeitung von nicht eisenhaltigen Materialien«.

Im Klartext handelte es sich um

* wesentliche Teile einer Industrieanlage für die Verarbeitung von Uranerz zu »Yellow Cake"*, darunter Brechrollen, zwei Kugelmühlen, zwei Schwingsiebe, 66 Pumpen und 17 Fördereinheiten.

* ein Extruder-System für die Einbettung radioaktiven Abfalls in Bitumen;

* die maschinelle Ausrüstung für eine

Ionen-Implantationsanlage;

* Veilow Cake ist ein aufbereitetes Uranerz, nämlich Urandioxid (UO2). Es läßt sich für die verschiedensten Zwecke weiterverarbeiten -- auch für Atomkraftwerke und Atombomben.

* das entsprechende Know-how in Form von Handbüchern, Skizzen und Instruktionen.

Ihren Ursprung hatte die heiße Ware in verschiedenen Staaten, darunter osteuropäischen wie CSSR und UdSSR. Bestellt wurde sie von der North Pacific Trading H. K. in Kaulun/ Hongkong, einer chinesisch-australischen Allround-Firma, die mit T-Shirts ebenso handelt wie mit Astronautenanzügen, Krokogürteln und Baggern.

Wem die Lieferung letztlich Zugedacht war, hält die North Pacific geheim. Kenner des Marktes tippen auf China oder Taiwan, jedenfalls auf einen Staat mit atomarem Ehrgeiz, der legal gekauftes und daher international kontrolliertes Spaltmaterial nicht wünscht oder nicht bekommt.

Daß die »Lucona« infolge einer Explosion sank, kann trotz der merkwürdigen Ladung mit einiger Sicherheit verneint werden -- Waffen oder Sprengstoff waren wohl nicht an Bord, für Sabotage gibt es keine Anhaltspunkte, eine Explosion durch Mine oder Torpedo scheint ausgeschlossen.

Der Sachverständige Mario Giugovaz, ein venezianischer Kapitän, glaubt eher an einen Zusammenstoß mit einem unter Wasser treibenden Wrack. So wäre auch das Ausbleiben des Sogtrichters zu erklären.

Giugovaz in seiner Expertise: »Es muß hervorgehoben werden, daß sich ein umgekehrter Schiffskörper einige Meter unter der Wasseroberfläche in schwimmender Stellung erhalten kann dank einer sogenannten Luftglocke, die sich leicht in den Hohlräumen des Schiffskörpers bildet.«

Dennoch zeigt sich die zuständige »Versicherungsanstalt der österreichischen Bundesländer«, die für die Risikendeckung bei der »Lucona«-Fracht immerhin 280 000 Mark Prämie kassiert hat, zahlungsunwillig. Sie bekämpft die Forderungen der Zapata vor einem Wiener Gericht.

Die Versicherung, eine bislang mehr auf Einbruch und Pkw-Haftpflicht spezialisierte Anstalt mit Sitz in Wien, erhoffte sich vom Zapata-Auftrag zunächst den Einstieg ins große internationale Geschäft. Begeistert griff sie zu, als ihr die Handelsfirma aus dem luzernischen Geuensee im Juni 1976 diesen Happen bot.

Die Zapata wiederum war auf den Wiener Versicherungspartner verfallen, weil sie in Niederösterreich eine Tochterfirma namens Pinosa besitzt -- jenes Werk, das die verschiedenen Zulieferungen für die »Lucona«-Fracht sammelte und nach Chioggia schickte.

Als dann aber das erhoffte Supergeschäft in der fernen Araber-See zur Superpleite umschlug, verlor die Versicherung die Nerven. Sie tat, was in der Branche als unfein gilt: Statt die amtliche Untersuchung über den Hergang des Schiffsunglücks abzuwarten, begann sie sofort mit privaten Einvernahmen der Überlebenden. Mehr noch, sie heuerte Privatdetektive zur Überwachung aller Aktivitäten am Pinosa-Gelände an.

Sie zielt wohl darauf ab, den Vorwurf eines Versicherungsbetrugs anzudeuten -- wenngleich nicht klar auszusprechen -- und damit um die Deckung des Schadens in Höhe von etwa 32 Millionen Mark herumzukommen.

So verlangte die Versicherung auch einen detaillierten Wertnachweis inklusive der Rechnungen selbst solcher Zulieferfirmen, denen die Zapata Geheimhaltung zusichern mußte. Ferner fand sie heraus, daß die schweizerische Zulieferfirma Decobul S. A. in Bulle gemäß einer alten Handelsregister-Eintragung vorwiegend Drehautomaten und Scharniere für Schmuckkästchen erzeugt. Daß die Firma inzwischen längst mit Industrie-Anlagen handelt und weltweit über gute Kontakte verfügt, fand sie nicht heraus.

Das Bestreben der Versicherungsanstalt geht eindeutig dahin, die fachliche Eignung ihrer Kundin für die Durchführung des 32-Millionen-Mark-Auftrags im nachhinein in Frage zu stellen. Dabei kam ihr gelegen, daß der Zapata-Repräsentant in Österreich ausgerechnet Udo Proksch heißt.

Von diesem Proksch alias Serge Kirchhofer wissen nur wenige, daß er als agiler Geschäftsmann Rohstoffe, Fabriken und sogar ganze Flugplatz-Projekte gegen Provision vermittelt.

Vordergründig spielt er gern den Bürgerschreck und ein Allerwelts-Genie (SPIEGEL 27/1972). Der gelernte Schweinezüchter entwarf nebst vielem anderen auch das Leichentuch Erster Klasse der Wiener Städtischen Bestattung.

Ferner erfand er das »Senkrecht-Grab zur Lösung des letzten Parkplatzproblems«. Sein raumsparender Vorschlag: Der Verblichene soll vertikal in der Erde versenkt werden, etwa in einer grauen Plastikröhre mit eingebautem Fenster, das den Blick aufs einbalsamierte Haupt freigibt.

Als vollends unglaubwürdiger Yellow-Cake-Experte erscheint Proksch dem Versicherungsinstitut, weil er sich hauptberuflich mit Kuchen anderer Art abgibt -- mit Apfelstrudel, Sachertorte und Mohn-Guglhupf: Proksch führt die k.u.k. Hofkonditorei Ch. Demels Söhne, fraglos Europas feinsten Café-Salon.

»Dieser Konditoreibetrieb«, informierte die »Bundesländer« das Handelsgericht Wien, »ist Eigentümer des Areals' das die Pinosa-Ges. m. b. H. benützt«. Die Pinosa-Angestellten seien »zum Teil auch bei Demel beschäftigt« und wohl gar nicht in der Lage gewesen, das brisante Transportgut fachgerecht zu behandeln.

Die Kampagne der zahlungsunwilligen Versicherer zeitigte Erfolg. In der ersten Instanz obsiegte die »Bundesländer«. Sie braucht, so das Urteil des Handelsgerichts Wien, vorerst keinen Pfennig der 32 Millionen Mark zu zahlen. Vielmehr soll die Zapata zunächst alle verlangten Unterlagen nachliefern.

Für ganz so suspekt freilich, wie sie nun darlegt, kann die Versicherungsanstalt den Vielberufler Proksch nicht schon immer angesehen haben. Denn er selbst hatte den Vertrag Zapata"Bundesländer« zustande gebracht.

»Der Vertrag wurde in den Demel-. Räumen abgeschlossen«, erinnert sich Proksch: »Die Herren der Versicherung zeigten sich damals sehr erfreut, als wir ihnen gleichsam Yellow Cake mit Sahne servierten.«

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