ISRAEL Camp Shultz
Schierer Blödsinn«, fauchte Israels Außenminister Jizchak Schamir. Sein Land, so hatte Ronald Reagans Sonderbotschafter Philip Habib in Jerusalem gefordert, solle genaue Termine für einen Rückzug der israelischen Truppen aus dem Libanon nennen.
Premier Begin erläuterte dem Amerikaner die Wut seines Ministers. Syriens Regierungschef, sagte er, wolle ja »nicht mal einen Fußbreit Boden aufgeben. Glauben Sie ernstlich, nach einer israelischen Total-Evakuierung wäre er eher zum Abzug bereit«?
Reagans Nahost-Diplomat Habib gab sich nicht geschlagen: »Und falls sich Damaskus zum späteren Abzug verpflichtet?« Diesmal meldete Israels Verteidigungsminister Arens Zweifel an: »Seit wann halten die Syrer ihre Zusagen?« Habib schwieg.
Abziehen wollten die Israelis gleichwohl aus dem Libanon, freilich nur aus einem kleinen Teil des Landes. Exakte Termine und neue Verteidigungslinien wollen sie aber nicht nennen.
Israels vorgesehene Truppenbewegungen weisen jedoch auf die Absicht hin, den Südlibanon zu behalten - nach der »Westbank« nun die »Nordbank«. Syrien könnte dann die Bekaa-Ebene vollends vereinnahmen. Übrig bliebe vom einst blühenden levantinischen Musterland eine halbautonome palästinensische Enklave um das nördliche Tripoli, Libanon-Präsident Gemayel hätte sich als »Herzog von Beirut« mit der Hauptstadt und ihrer Umgebung zu begnügen.
Ursprünglich hatte Israel - nach Zerschlagung der PLO - den alten, souveränen Libanon wiederherstellen wollen und deshalb als Bedingung für den eigenen Rückzug auch den Abmarsch der Syrer und der PLO verlangt: Nur dann sollte das Waffenstillstandsabkommen mit Beirut, Jerusalems zweiter Vertrag mit einem Araberland, in Kraft treten. Jetzt hat Begin es sich offenbar anders überlegt.
Ein territorial aufgeteilter Libanon könnte sehr wohl im höheren Interesse Syriens und Israels liegen. Denn die Israel-Feinde in Damaskus sind eher in der Lage, die Ordnung im Libanon vor der israelischen Front zu sichern als die schwache libanesische Armee.
Daß auch Syrien den Libanon so schnell nicht preisgeben möchte, mußte Amerikas Außenminister Shultz während seiner jüngsten Regionaltour zur Kenntnis nehmen. Syriens Außenminister Chaddam: »Der Libanon bleibt Bestandteil unseres Landes.«
In der Tat hat Syrien die vor 41 Jahren proklamierte Unabhängigkeit des Libanon nie anerkannt; Damaskus betrachtet das Land als Teil von »Groß-Syrien«, das von der Türkei bis nach Ägypten reicht. Libanesische Belange unterstehen bis heute in Damaskus dem Innenministerium.
Um den zwei Monate alten Vertrag zwischen Beirut und Jerusalem zu diskreditieren, verhöhnen ihn die Syrer unter Anspielung auf Camp David als »Camp Shultz": »Dieser verräterische Vertrag«, hofft der syrische Staatsfunk, »wird bald wie ein Kartenhaus zusammenfallen.«
Entgegen ihrer immerzu wiederholten Bedingung, nur mit den Syrern gleichzeitig abzuziehen, wollen Begins Generale ihre etwa 120 Kilometer lange Frontlinie im Libanon jetzt einseitig um 20 Kilometer verkürzen - das besetzte Gebiet würde von knapp 3000 auf 2400 Quadratkilometer schrumpfen. Ein Drittel der Besatzungstruppen könnte eingespart werden.
Israel plant, seine Armee im Westsektor der jetzigen Front zunächst südwärts auf eine Linie zurückzuziehen, die von Damur an der Küste den Safa-Fluß entlang verläuft. Die wochenlang umkämpften Gebiete bei Beirut, Alej und Bhandun würden dann freigegeben.
Südlich von Sidon, inmitten einer Bevölkerung von 600 000 Libanesen und Palästinensern, wollen sich die Israelis ab Mitte November fest einquartieren. »Und dort«, glaubt der Militärgouverneur von Hasbaija, Oberst Kabalan, »werden wir dann mindestens fünf Jahre lang bleiben.«
Diese geplante neue Frontlinie (siehe Karte) verläuft entlang der Schlucht des Awwali-Flusses, über die nur vier Brücken führen - abwehrgünstiges Gelände. Ein dichtes, asphaltiertes Straßennetz, Späh- und Kontrollposten, ein Grenzzaun und Minenfelder wie an der Jordan-Senke sollen den Südlibanon gegen Überfälle aus dem Norden abschirmen.
Israels Politiker hoffen, daß die libanesische Armee oder die multinationale Friedenstruppe eine Rückkehr palästinensischer Verbände in die geräumten Gebiete verhindern kann.
Ein israelischer Frontoffizier äußert indes seine Zweifel. »Die Libanesen muß man ja mit dem Löffel füttern«, sagt er. Die Krieger der libanesischen Armee seien »Pierre-Cardin-Soldaten, die um 18 Uhr pünktlich nach Hause gehen«. Als Puffertruppe dürften sie derzeit kaum taugen.
Die multinationale Friedenstruppe - 3500 Mann aus den USA, Frankreich,
Italien und England - könnte eine solche Funktion erst nach beträchtlicher Verstärkung übernehmen, die aber unwahrscheinlich ist. Henry Kissinger, auf Besuch in Jerusalem, fragte die Israelis: »Warum sollten wir unsere Marinesoldaten in Gebiete schicken, die den Israelis zu gefährlich erscheinen?«
In Israels libanesischem Zukunftsszenarium spielt die maronitische Miliz des separatistischen Majors Haddad eine wichtige Rolle als Ordnungskraft. Im Süden stehen Haddads Sherman-Panzer bereits am Awwali und in Sidon. Seine Soldaten gehen brutal vor, verhaften und vertreiben Palästinenser aus der Stadt, plündern, erheben willkürliche Steuern.
Die Israelis fürchten, daß ihr Satellit Haddad, den sie sich selbst gezogen haben, sie auf Dauer schwer diskreditiert. Deshalb fördert Jerusalem bereits den Aufbau einer schiitischen Alternativ-Miliz, die später, unabhängig von Haddads marodierenden Verbänden, für Ruhe und Ordnung im Südlibanon sorgen könnte.
Anders als im Westen des Libanon will Israel die Frontlinie gegenüber der syrischen Armee im Osten des Landes halten. Denn dort stehen die Israelis in strategisch günstigen Positionen, auf die sie ohne politische Garantien nicht verzichten wollen.
Damaskus, nur 23 Kilometer entfernt, liegt in Reichweite der israelischen Armee. Vom Dschebel Baruk (knapp 2000 Meter hoch) schaut israelisches Radar tief ins feindliche Hinterland.
Syrien wird »eine solche verwundbare Lage auf Dauer nicht dulden können«, drohte vergangenen Mittwoch Staatschef Assad gegenüber US-Außenminister Shultz. Und auch Israels ehemaliger Abwehrchef, General Aharon Jariv, fürchtet: »Das muß früher oder später zu einem Krieg mit Syrien führen.«
Noch ein Waffengang käme Israel auf jeden Fall ungelegen, denn der Libanonkrieg hat das Land demoralisiert - der einseitige Teilrückzug hat nicht nur strategische, sondern auch innenpolitische Gründe.
Begin wollte mit dem Einfall im Libanon die PLO zerstören und Syrien neutralisieren, um die seit 1967 besetzten Araber-Gebiete ungestört besiedeln zu können. Doch der Preis für derlei Pläne war höher als erwartet: 502 Israelis fielen bisher, 2760 wurden verletzt. Allein 146 israelische Todesopfer sind seit der Vertreibung der PLO aus Beirut zu beklagen - mehr als alle Opfer des PLO-Terrors im vergangenen Jahrzehnt. Und Israel sah sich mit dem Vorwurf belastet, den Tod von Tausenden Zivilisten verschuldet zu haben. Der nationale Konsens der Israelis, in Kriegszeiten bis dahin ungebrochen, wurde schwer beschädigt.
Obendrein treibt Israel immer näher an den Rand des Staatsbankrotts. Die Auslandsverschuldung von 22 Milliarden Dollar ist, pro Kopf der Bevölkerung gerechnet, die höchste der Welt. Die Inflationsrate von über 150 Prozent spiegelt die aberwitzigen Kriegskosten wider. Sie wird von der Bevölkerung nicht mehr ohne Protest getragen.
Und den harten Menachem Begin hat die anhaltende Libanon-Krise »physisch und seelisch fertig gemacht«, so die Zeitung »Haaretz«. Der einst feurige Polemiker, der als Stifter eines Groß-Israel in die Geschichte eingehen wollte, ist inzwischen so matt, daß er die Regierungsgeschäfte schleifen läßt und das Land nicht mehr führt.
Sogar das offizielle Kriegsziel vom vorigen Jahr, »Frieden für Galiläa«, wurde verfehlt: Vergangene Woche flogen zum fünften Mal seit Kriegsende Katjuscha-Raketen in Richtung Israel.
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