CASSANDRA
CASSANDRA war - in der griechischen Mythologie - die Tochter des Konigs Priamos von Troja. Ihr war die Gabe der Weissagung verliehen, nicht aber die Kraft, zu überzeugen. Ihre Unheilsankündigungen fanden niemals Glauben. Der Mann, der unter dem Namen dieser Unheilskünderin mehrmals wöchentlich in dem britischen Massenblatt »Daily Mirror« - Auflage 4,5 Millionen - seine Meinungen zu den Problemen der Zeit mit ätzender Schärfe kundtut, heißt mit bürgerlichem Namen William Neil Connor. Er wurde am 26. April 1909 als Sohn eines Beamten geboren. Seine berufliche Laufbahn begann
William Neil Connor als Texter in der Londoner Filiale der amerikanischen Werbeagentur J. Walter Thompson. Nach einiger Zeit war er der Werbetexte überdrüssig und entschloß sich, Marine-Offizier zu werden, woraus jedoch infolge eines Augenfehlers nichts wurde. Statt dessen trat er in die Redaktion des 'Daily Mirror' ein, für den er bis 1939 aus Deutschland berichtete. 1941 meldete sich William Connor freiwillig zur Panzertruppe Seiner Majestät, wurde alsbald zur Armeezeitung versetzt und versorgte in Afrika, Griechenland, Italien und Österreich die Truppe mit Neuigkeiten, bis er 1946 zum 'Mirror' zurückkehrte und fortan als 'Cassandra' kleine und große Begebenheiten überaus aggressiv kommentierte.
Er beschimpft die Regierung, die Kirche, den Barras, die Deutschen und die Richter, und zwar so rabiat, daß viele Engländer, die an dem ziemlich primitiven »Daily Mirror« sonst keinen Gefallen finden, das Blatt seiner galligen Kommentare wegen kaufen. Als Bundespräsident Heuss England besuchte, war Cassandra Connor der einzige Journalist, der den Präsidenten nicht nur als Repräsentanten der Bundesrepublik, sondern auch persönlich angriff - mit diesem Kommentar:
DER STILLE DEUTSCHE / von CASSANDRA