Otto Köhler Cello an der Front
London, der Landarbeiter sagt: »Man hört immer, die Roten seien eine Bande Hurensöhne.« Mac antwortet: »Es hängt davon ab, wie man's ansieht. Wenn du tausend Hektar Land und eine Million Dollar hättest, wären sie eine Bande Hurensöhne, Aber solange du einfach London bist, ein Wanderarbeiter, dann sind sie eine Bande Burschen, die dir dazu verhelfen wollen, wie ein Mensch und nicht wie ein Schwein zu leben, vergehst du?«
Der Dialog ist dreißig Jahre alt. Er stammt aus dem Roman »Stürmische Ernte«. Sein Autor John Steinbeck ist auch dreißig Jahre älter geworden. Und klüger. Heute weiß er, obwohl ihm vielleicht noch ein paar Dollar zur Million fehlen, über die Roten besser Bescheid: »Charley (= der Vietcong) ist ganz einfach ein Hurensohn, sein Ziel ist, das Land und den Geist dieses unglücklichen Volkes zu beherrschen.«
John Steinbeck, noch in der McCarthy-Ära als Kommunistenfreund verdächtigt, hat sich bekehrt zu dem, was er einst verächtlich »Schlagring-Patriotismus« nannte. Der Nobelpreisträger für Literatur überlegte sich im März vergangenen Jahres, ob »es fair von mir ist, dem Präsidenten und dem Kongreß zu erlauben, die ganze Last ohne meine Hilfe zu tragen«. Seit Mitte Dezember mindestens erlaubt er es nicht mehr. Er flog viele tausend Kilometer von der Heimat weg nach Vietnam, um den Amerikanern beizustehen, die dort »jederzeit und für jede Sache gegen jeden Gegner das Vaterland verteidigen«.
Wie man so etwas macht, konnten deutsche Leser im West-Berliner »Abend« und in der Münchner »Abendzeitung« verfolgen.
In Saigon übermannte Steinbeck sein dichterisches Genie, er ernannte eine kühne, nie gehörte Metapher, das Gewehr, zu »aller Soldaten Braut«. Er durfte –wie er berichtete – »ehrenhalber« am Geschütz 4 die erste Salve auf die Vietcong abfeuern, er freute sich wie ein Kind, viele »Handfeuerwaffen, Gewehrgranaten und Granatwerfer« kennenzulernen, die er »noch nie gesehen, geschweige denn abgefeuert« hat. Was er mit ihnen macht, sagt er nicht oder doch, er sagt es ganz allgemein: »Ich will hier kein Ballast sein; und ich habe nie viel für den unschuldigen Mitläufer übrig gehabt. Ich will, wenn nötig, ein schuldiger Mitläufer sein.« Und kaum hat er von seinen Geschützsalven auf die Vietcong berichtet, da empfiehlt er den »Anhängern von Fulbright«, den »Dauerprotestierern« gegen den Vietnamkrieg, sie sollten zur Abwechslung mal für etwas sein.
Steinbeck ist durch und durch dafür. Er trinkt »exquisiten Tee« mit einem »reizenden und, wie man mir sagte, sehr tüchtigen« General der Regierung Ky. Aber er nimmt auch an Feindflügen teil, »tätschelt« – so schreibt er – die Waffe des Schützen (»Es ist eine Freude, ihn bei sich zu haben«). »Krank vor Neid« machen ihn die Piloten der Kampfflugzeuge, die Jagd auf die Vietcong (und was sie dafür halten) machen. Denn die Kampfflieger – Steinbeck hat nicht vergessen, daß er nobelgekrönter Dichter ist – »steigen wie Lerchen, um Bäumen auszuweichen, sie drehen und wenden sich und tauchen wie Turmschwalben in der Abenddämmerung«. Er gerät – das verschweigt er nicht – in einen »ekstatischen Ausbruch«, die Hände der amerikanischen Kampfpiloten erinnern ihn an die »sicheren und scheinbar langsamen Hände von Casals auf dem Cello«, sind »Musikerhände«, die »Befehle« – auch Schießbefehle? – »sofort und automatisch in Reaktion« umsetzen.
Steinbeck trifft auf einen Stoßtrupp mit amerikanischen Soldaten. »Was für Männer«, jubelt Steinbeck und empfindet arteigen: »Wer kann dieses plötzliche Auf glühen des Stolzes verstehen, das ich empfinde, nur weil ich zu derselben Art gehöre wie diese Männer?« Zugleich überfällt ihn »Schauder« und »Scham«, wenn er an die »Vietniks« denkt, die zu Hause »gegen den Vietnamkrieg protestieren«. Steinbeck: »Ihre schlurfenden Protestmärsche sind so dümmlich wie ihre ewige Beteuerung, ihr Gewissen verbiete ihnen das Töten: Diese Gefahr droht ihnen gar nicht. Zum Teufel, sie brächten ja doch keinen Schlag an.«
Getötet werden aber muß »der Vietcong«, er »verseucht« das Land. Er muß »ausgerodet« werden.
Wie bietet man solche Kriegsberichte halbwegs friedlichen Lesern? »Der Abend« hat da keine Sorgen. Er erscheint in Berlin, und Berliner Zeitungsleser sind abgehärtet. Anders die linksliberale »Abendzeitung« in München, die gleichfalls die Steinbeck-Berichte eingekauft hat. Sie geriet bei den redaktionellen Vorsprüchen zu den einzelnen Fortsetzungen in eine wahre Eskalation von Distanzierungen und empfand schließlich eine »tiefe Enttäuschung«; daß sich die Berichte des »feinsinnigen Dichters« wie »die Ergüsse eines mittelbegabten Mitglieds der weiland Propagandakompanien lesen«. Gleichwohl seien die »Verirrungen eines alternden Schriftstellers« als typische »Fehlreaktionen« nicht aus der Welt zu schaffen, indem man sie »in den Papierkorb wirft«.
Die »Abendzeitung« warf doch. Und zwar den nur im Ausland gedruckten Bericht, in dem Steinbeck die Vietcong als »Hurensöhne« bezeichnet. Und den Wunsch äußert: »Wenn Sie hören, daß jemand die unverstandenen und mißhandelten Vietcong feiert, dann schlagen Sie ihm bitte mit einem Gruß von mir in die Schnauze, bitte ja?«
Dazu der Papierkorb-Verantwortliche der »Abendzeitung«: »Aus all dem Gräßlichen, das er liefert, suchen wir uns noch das Beste heraus.«