»Charme einer Eisdiele«
Die Flughäfen dieser Welt kennt Peter Schmidt genau. Der gefragte Designer aus Hamburg ist Monat für Monat unterwegs, mal innerhalb Europas, mal nach Übersee.
Mit der Deutschen Lufthansa fliegt Schmidt, Schöpfer der lila Milka-Kuh, jedoch nur noch im Notfall. Will er Geschäftsfreunde in New York besuchen oder in seinem Haus in Florida entspannen, bevorzugt er Konkurrenten wie Delta, Air France oder British Airways. Das macht das Reisen angenehmer: So vermeidet er das Umsteigen in Frankfurt.
»Der Flughafen dort ist keine Drehscheibe«, sagt der Vielflieger, »das ist ein Nadelöhr.«
Das hat seinen Grund. Nie zuvor starteten und landeten in Frankfurt so viele Passagiere wie heute. Tag für Tag schieben sich mehrere hunderttausend Menschen durch den zweitgrößten europäischen Flughafen, der trotz ständigen An- und Umbaus immer zu klein bleibt.
Gute Nerven und viel Geduld braucht, wer mit dem Auto zum Airport fährt. Die zentral gelegenen Parkhäuser und Mietwagenplätze sind oft schon am Vormittag hoffnungslos überfüllt.
Mit dem Taxi wird es auch nicht leichter. Vom Halteplatz bis zum Schalter B 44 im Terminal 1 beispielsweise muß der Reisende rund 400 Meter weit laufen. Der Fußweg vom Terminal 1 zum Terminal 2, wo seit kurzem auch die Charterflieger Aero Lloyd und LTU untergebracht sind, dauert 20 Minuten.
Gedränge auf allen Gängen, an den Schaltern, bei der Sicherheitskontrolle und in den Sanitärräumen. »Es ist eine Katastrophe«, sagt der türkische Toilettenmann Veli Teski.
Um den Fluggästen die zeitraubenden Fummelkontrollen zu ersparen, hat die Verwaltung erst kürzlich neuartige elektronische Torsonden aufgestellt. Trotzdem wird oft noch nachträglich Hand angelegt. »Die Dinger fiepen schon, wenn man ein Erfrischungstuch in der Tasche hat«, sagt der deutsche Continental-Chef Wolfgang Gehring.
Clevere Vielflieger starten inzwischen lieber von benachbarten Airports wie dem Amsterdamer Flughafen Schiphol. Dort sind die Wege und Umsteigezeiten kürzer. Auch Ausstattung und Ambiente sind lichter und freundlicher als in Frankfurt.
Wilhelm Bender, Chef der Flughafen-Gesellschaft FAG, würde nur allzu- gern mit den großen internationalen Konkurrenten mithalten. Doch der Flughafen ist ringsum von Autobahnen, Eisenbahnstrecken, Häusern und Wäldern umgeben. Bender kann neue Flugsteige deshalb nur an die vorhandenen langgezogenen Terminals anstückeln.
Und selbst das geht nicht unbegrenzt. Immer größere Maschinen brauchen immer mehr Platz. Eine Boeing 747 hat eine Spannweite von knapp 60 Metern, ein Airbus A 340 ist von einer Flügelspitze zur anderen fast 70 Zentimeter breiter.
So müssen die Passagiere oft lange Wege und Wartezeiten in Kauf nehmen. Wer zum Beispiel vom Flugsteig A nach C will, weil dort der Anschlußflug wartet, muß gut bei Atem sein und einen 1000-Meter-Lauf einplanen.
Topfit sollten Reisende sein, die mit der Bahn anreisen und vom Terminal 2 starten. Sie müssen ihr Gepäck von der Bahnstation in Terminal 1 nach oben schleppen, den Gepäckwagen Hunderte von Metern über Rampen und Rolltreppen zum Bahnsteig der Hochbahn schieben und das Gepäck wieder abladen. Die Waggons sind zu eng für die Wägelchen.
Reisenden, die aus Zürich kommen und mit der Lufthansa-Tochter Condor beispielsweise weiter nach Barbados oder Tobago wollen, vergeht in Frankfurt die Vorfreude auf den Urlaub. Der »lange Marsch durch Tief- und Hochebenen, Tunnels, Treppenberge und Rollstraßen«, notierte ein Tester der »Neuen Zürcher Zeitung«, dauert geschlagene 25 Minuten.
Von der langen Wanderung geschwächt, suchen Vielflieger vor dem Abflug gern Entspannung in einer der Lufthansa-Lounges. Doch auch da bleibt ihnen Ärger nicht erspart. »Die neue Senator-Lounge der Lufthansa hat den Charme einer Eisdiele und ist das Trostloseste, was ich je gesehen habe«, urteilt Designer Schmidt.
Schwierig wird es für die FAG-Manager, wenn nach der Jahrtausendwende der neue Großflughafen in Berlin-Schönefeld den Betrieb aufnimmt. In Frankfurt sind alle Kapazitäten schon heute voll ausgeschöpft. In Berlin gibt es diese Probleme nicht: Der Flughafen soll von Anfang an großzügig nach den Bedürfnissen der Passagiere geplant werden.