BÜCHER Chepilows Reisen
Im Jahre 1999 heißt der sowjetische Außenminister Dimitri W. Chepilow. Bei seiner ersten Mission, in London feiert der Erdball die Jahrtausend-Wende, trifft er Alte und Bekannte:
Die Queen sitzt im Rollstuhl und kann noch bis drei zählen; König Juan Carlos von Spanien hat den einbalsamierten Franco mitgebracht; der amerikanische Präsident denkt vergeblich über die Farbe des Weißen Hauses nach; und Prinzessin Anne ist noch Jungfrau: »Ich finde«, sagt sie, »das ist praktischer als die Pille oder Abtreibung.«
Zum Galadiner wird synthetischer Champagner der Firma Coco-Cola gereicht; er ist völlig ungefährlich für den Organismus und hat den Vorteil, »daß er rasch zum Delirium führt«. Zu Futtern gibt es Hamburger der Firma Procter & Gamble, hergestellt aus Erdöl.
Dimitri W. Chepilow kommt aus dem Staunen nicht heraus, aber außer sich gerät der Außenminister, als er erfährt, was die Welt, reichen Westen wie roten Osten, im innersten zusammenhält: die amerikanischen Multis.
Die sowjetische Führungsspitze, muß er hören, besteht aus Amerikanern; Herr im Hause ist, Prinzip »Geheimhierarchie«, der »Vize-Portier«, auch ein Yankee. Der arbeitet vertrauensvoll mit einer bekannten Größe zusammen: »Kissinger kümmert sich um alles.«
Letzter Hort des Kommunismus blieb die Schweiz, da »leben nur noch Bankiers, Kriminalroman-Autoren, Schauspieler und Diebe«; auf einen Wink des Nestle-Trusts ist die Schweiz auf »maoistischen Kurs« gegangen.
Eine schöne neue Welt, zur Kenntlichkeit verzerrt. Architekt der satirischen Utopie ist ein Professor der Soziologie an der Pariser Sorbonne, der gebürtige Argentinier Rafael Pividal, 46. »Guten Tag, Apokalypse!«, so der Titel seines Buches, hat in diesen Tagen Deutschland-Premiere.
( Rafael Pividal: »Guten Tag, ) ( Apokalypse!«. Matthes & Seitz Verlag; ) ( 224 Seiten; 22 Mark. )
Pividal, in Frankreich an die Seite Queneaus ("Zazie") gestellt, blieb bislang für den deutschen Leser, völlig zu Unrecht, ein unbekannter Mann. Mit einem Dutzend Büchern, sarkastische Zeit-Abrechnungen zumeist, hat er sich in die Sparte der »wildwüchsigen Schreibweise« (ecriture buissonniere) eingetragen; der Stammvater heißt Rabelais.
»Guten Tag, Apokalypse!« (Originaltitel »Pays sages") war beim Erscheinen in Frankreich, vor vier Jahren, als »witzigstes Buch der Saison« begrüßt worden. »Le Monde« empfahl: »Lassen Sie Ihre Freunde an Ihrem unbändigen Lachen teilhaben.« Mit den Kommunisten liegt Pividal seither über Kreuz.
Der stattliche Mensch mit der weißen Mähne ist tatsächlich ein Paradiesvogel inmitten der obwaltenden Trübsal-Literatur. Den Gelehrten, er studierte auch Mathematik und Philosophie, »ermüdet der Exzeß von Theorien in Frankreich«; der politisch Engagierte erblickt »im Westen wie im Osten keine Freiheit«.
Als 18jähriger, Kafka im Herzen, war Pividal nach Frankreich gekommen. Er lebt jetzt, mit Frau und zwei Kindern, in einem Normandie-Dorf, bei angenehmem Müßiggang -- »denken, schreiben, kochen, gärtnern«.
Der Weise geht in seinen Garten: Voltaires Candide kam am Ende seiner Reise durch die »beste aller Welten« zu diesem Resultat. Vom naiven Voltaire-Helden hat Prividal seinem Dimitri W. Chepilow ein Stück mit auf den Weg gegeben, »Gullivers Reisen« des Jonathan Swift sind auch mit von der Partie; und die Marx Brothers.
Denn der Aufstieg eines sibirischen Einsiedel zum Außenminister der UdSSR saust wie eine burleske, groteske Slapstick-Komödie dahin, mit kabarettreifen Dialogen, voll Hohn über den realen Sozialismus und den irrealen Kapitalismus; akademische Kollegen Pividals, wie der Strukturalist Levi-Strauss, kriegen eins im Vorübergehen: Chepilow trägt »Levi-Strauss«-Jeans.
Ein Defekt bringt Chepilow auf die ungewöhnliche Umlaufbahn. Er hat eine »Allergie gegen die Menschheit«, Pusteln und Karbunkel verunstalten sein edles Antlitz zur »Krötenfresse«, wenn ihn nur einer anschaut. Nach Biologie-Studium und Habilitation läßt er sich, sie steht ihm zu, eine Datscha im tiefsten Sibirien zuweisen.
Dort löst er zunächst das »Problem des Alterns": Er »evakuiert« alle Mikroben aus seinem Körper, arretiert sich beim Alter von 27 Jahren und bleibt »schön auf ewig« -- Grundlage für sein Lebensziel, »Außenminister zu werden«.
Die Karriere dahin ist eine Geisterbahnfahrt durch den sowjetischen Alltag, den Wahnwitz der Planwirtschaft und der Bürokratie; Züge haben drei Monate Verspätung -- Pidival bereiste den Ostblock --, das ganze Land ist auf gargantueske Weise vertrottelt.
Auch die West-Story gerät zur Kritik der reinen Unvernunft, ein »Asyl voller Irrer«, Künstler, Psychotherapeuten, Politiker. Kissinger rät dem Außenminister schließlich, »zum Westen überzulaufen«. Kissinger: »Das wird ganz schön Propaganda für uns machen, und für Sie springt dabei der Nobel-Preis raus.«
Statt in die Freiheit, freilich, gerät der Überläufer in eine Springprozession des Schwachsinns, auf die Couch eines Psychiaters, in den Konsum der Multis, endlich in den Underground -buchstäblich: In einer Station der Londoner U-Bahn gesellt er sich zu einer dahinvegetierenden Randgruppe.
Das U-Bahn-System haben die »Nuklearstreitkräfte« als »Manövergebiet« requiriert, die Züge fahren »unter Tarnung«. Da preschen solche vorüber, die auf die armen Hunde wie Trips wirken. Als ein Zug das »Paradies« darstellt, mit »Gott, den Heiligen, Engeln, die fleißig in ihre Trompeten bliesen«, gibt es für die »Randgruppenelemente« kein Halten. Geschlossen stürzen sie sich in die »Metro-Illusion« und werden zu »radioaktivem Staub zermahlen«.
»Kommen Sie auch mit?«, drängt einer den Chepilow. Candides letzte Worte waren: »Wir müssen unseren Garten bestellen.« Chepilow aber spricht: »O ja, das interessiert mich.«
S.215Rafael Pividal: »Guten Tag, Apokalypse!«. Matthes & Seitz Verlag;224 Seiten; 22 Mark.*