Chif, Ben oder Hamlet
Australiens Premier Joseph Benedict Chifley hat Schritte unternommen. Ueber zwei Ozeane hinweg zum Stammsitz des britischen Empire. Gleich nach seiner Ankunft in London fand eine Kabinettssitzung statt. Nach Ansicht der »Melbourne Times« war sie »eine der entscheidendsten in der Geschichte der englischaustralischen Beziehungen«.
Chifley war nicht schüchtern auf dieser Sitzung. Was er seinen britischen Ministerkollegen vorschlug, war eine Art moderne Völkerwanderung. Fünfzehn Millionen Engländer sollen in den nächsten 30 Jahren nach Australien eingewandert werden. Nicht um der blauen Augen der englischen Vettern willen, sondern um den menschenleeren australischen Kontinent mit weißer Lebenskraft aufzufüllen.
Australien hat aus dem letzten Weltkrieg gelernt. Das nahezu acht Millionen Quadratkilometer große Land, das nur von derselben Zahl von Menschen bewohnt ist (einschließlich der rund 60000 Australneger), lebte während des ganzen Pazifik-Krieges unter dem Alpdruck einer japanischen Invasion.
Diese Gefahr ist vorüber. Dafür droht eine andere. Statt nach Japan schielt man jetzt weiter nordwestlich. Wenn die Beziehungen Australiens zur Sowjetunion auch normal sind, so bildet der fünfte Erdteil doch den südlichen, bei seiner augenblicklichen Bevölkerungsleere etwas wackligen Eckpfeiler des britischen Empire. Im Falle einer west-östlichen Auseinandersetzung wäre Australiens Situation zumindest prekär. Darüber ist man sich in Canberra klar.
In den britischen Verteidigungsrahmen würde Premier Chifleys Auswanderungsplan gut hineinpassen. Australien ist ein idealer Platz zur Aufnahme bestimmter Industriezweige Großbritanniens, die sich dann außerhalb der Reichweite aller bisher bekannten Raketengeschosse oder ferngelenkten Projektile befinden würden.
Chifleys Plan ist komplett. Abgesehen von der Verpflanzung ganzer Stadtgemeinden und weit verzweigter Industrien will man auch einen Anteil der nationalen Schuldverpflichtungen Großbritanniens importieren, um die nach Australien gelotsten britischen Gemeinden lebensfähig zu erhalten.
Das Projekt der Verpflanzung von einem Viertel des Britenvolkes sieht eine Steigerung der australischen Einwanderungsquote von 70000 auf zwei Millionen pro Jahr vor.
Londons Regierung reagiert zunächst zurückhaltend - aus wirtschaftlichen und politischen Erwägungen heraus. Die Sicherheit des Commonwealth ist demgegenüber des Australien-Premiers nachdrücklichstes Argument.
Chifleys Plan klingt wie ein Roman. Ungewöhnlich auch die Laufbahn dieses Mannes.
Der 1885 von irischen Eltern geborene Chifley wollte als Junge gern Lokomotivführer werden. Mit 28 Jahren war er es. Wenn er nach Dienstschluß seine Lok in den Stall geschoben hatte, besuchte er Abendkurse. Seine Kollegen verulkten ihn deshalb anfangs.
Die Gewerkschaften dankten ihm später seinen Fleiß. Chifley hatte sich der sozialistischen Eisenbahnergewerkschaft angeschlossen. Nach einigen Jahren war er ihr Sekretär. 1928 vertauschte er den harten Gewerkschaftsstuhl mit einem weichen Ministersessel. Nacheinander wurde er Verteidigungsminister, Arbeitsminister, Munitionsminister, Aufbauminister und, als Krönung seiner Laufbahn, 1945 Ministerpräsident. Das Amt des Schatzkanzlers übernahm er nebenbei auch noch.
Selten ist ein Premier bei seinem Volk so gut angeschrieben gewesen wie Chif, wie ihn seine Kollegen von der Opposition nennen, oder Ben, wie er bei seinen Freunden heißt, oder Hamlet, wie ihn die Ministeriumsangestellten wegen seines gedankenversunkenen Schreitens durch die Korridore des Regierungsgebäudes in Canberra zu betiteln pflegen.
Schon rein äußerlich wirkt er imponierend: 1,84 m groß, breit, mit hoher Stirn und leicht gewellten zurückgekämmten Haaren. Bekannt ist er für sein langsames bedächtiges Sprechen, seinen versteckten Humor und seine geradezu orientalische Geduld.
Seine Lebensweise hat sich, seitdem er seinen Job als Lokomotivführer aufgab, nicht wesentlich geändert. Wenn er früh morgens aus der Kirche zurückkommt - er ist ein ebenso strenger Katholik wie überzeugter Sozialist - begibt er sich anschließend sofort ins Büro. Meist sieht er noch die letzten Reinemachefrauen aus den Büroräumen verschwinden. Nur selten passiert es, daß seine Mitarbeiter einmal früher da sind als ihr Chef.
Von neun bis elf Uhr steht er Besuchern aller Schattierungen zur Verfügung. Kein Lebewesen kann sich rühmen, ihn jemals ohne Pfeife gesehen zu haben. Wenn er sie im Mund hat, verstärkt das seinen irischen Akzent noch. Hält er sie in der Hand, so pflegt er sie bei besonders heißen Debatten wie einen Revolver auf sein Gegenüber zu richten.
Sein Nachhauseweg führt ihn nun schon seit 34 Jahren zum gleichen Haus hin, in dem er 1914 heiratete und in dem er auch jetzt noch als schwerbeschäftigter Premier ein vorbildliches Familienleben führt.
Seinem Mutterland Großbritannien ist er treu geblieben. Nach seiner Wahl zum Premier im Sommer 1945 erklärte er: »Die Bande zwischen Australien und England sind stärker denn je zuvor«. Damit meinte er es ernst. Im März 1947 machte er England ein großzügiges Geschenk: 25 Millionen Pfund Sterling als Unkostenbeitrag zum gemeinsam überstandenen Pazifik-Krieg.