China intern - DER SPIEGEL
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China intern

Geheime Protokolle aus dem Machtzentrum der KP enthüllen, wie die Herrscher der Volksrepublik 1989 auf den Studentenaufstand reagierten: wie sie erschraken, ihren zu reformfreundlichen Generalsekretär feuerten und Panzer rollen ließen - auf den Tiananmen-Platz im Herzen Pekings.
Von Fritjof Meyer
• aus DER SPIEGEL 2/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf diese Stunde hatten sie immer gewartet, das Volk eher hoffnungsfroh, seine Obrigkeit angsterfüllt: Draußen zogen 150 000 Demonstranten über den Chang''an-Boulevard zum Tiananmen-Platz, der »Stätte des Himmlischen Friedens«. Drinnen, hinter den rot getünchten Mauern des Parteihauptquartiers »Zhongnanhai« westlich der »Verbotenen Stadt«, hockten die Spitzenfunktionäre der Volksrepublik China und zitterten um Macht und Leben.

In jenem Jahr der Zeitenwende 1989 erhoben sich die Untertanen in Polen und der DDR, danach in ganz Osteuropa, schließlich sogar in Moskau wider ihre Herrscher und siegten. Doch die gewaltigste Erhebung ereignete sich schon im April 1989 in Fernost - mit einem spontanen, chaotischen Volksaufstand in Peking.

Nach einer Trauerzeremonie für den verstorbenen, längst geschassten Reform-Generalsekretär Hu Yaobang rotteten sich die Studenten zusammen, bildeten einen parteiunabhängigen Hochschülerverband, forderten den Dialog mit der Regierung, ein Ende von Korruption und Massenarmut, schließlich die Demokratie - und das alles unter den Augen eines gerade in China weilenden Staatsgastes, der dabei war, die Sowjetunion mit Reformen ("Perestroika") umzuwandeln: Michail Gorbatschow.

Die aufsässigen Studenten von Peking gewannen nicht nur eine Million Einwohner der chinesischen Hauptstadt für die Rebellion, sondern in vielen Provinzen, einige so bevölkerungsreich wie ein großer Staat in Europa, erhoben sich - was bis heute in diesem Umfang unbekannt geblieben ist - annähernd 100 Millionen Menschen zum größten Aufruhr der Weltgeschichte.

Sie scheiterten. Die Partei schlug zurück - Panzer räumten den symbolträchtigen Tiananmen-Platz, unter dessen Namen ein Massaker mit ungezählten Toten in die Geschichte einging.

Der blutige Gegenschlag der Machthaber strahlte aus bis nach Deutschland: Als vier Monate darauf die DDR-Bürger revoltierten und ihre Oberen das Vorgehen der chinesischen Bruderpartei guthießen, scheuten westdeutsche Politiker um des lieben Friedens willen jegliche Ermunterung.

Doch Gorbatschow, der Augenzeuge des chinesischen Volkswillens geworden war, fürchtete ein weiteres Tiananmen-Massaker in Leipzig oder auf dem Berliner Alexanderplatz und zog daraus eine andere Konsequenz: Er hielt seine Truppen in den Kasernen und ließ den Protesten freien Lauf.

Was seine chinesischen Genossen bewog, überfällige Reformen zu verhindern, mit welcher Sturheit sie sich dem Los ihrer europäischen Glaubensbrüder entzogen, was immer sie im Zhongnanhai berieten und beschlossen, all das blieb mehr als ein Jahrzehnt lang hochgeheim. Jetzt aber sind Dokumente aufgetaucht, die den Entscheidungsprozess hinter den roten Mauern exakt nachzeichnen: Intime Niederschriften von Sitzungen des Politbüros und seines Machtkerns, jener fünf Politbürokraten, welche den »Ständigen Ausschuss« bildeten und den Gewaltstreich nicht billigten: Zwei der Gerontokraten stimmten für den Ausnahmezustand, zwei dagegen, einer enthielt sich der Stimme.

Dazu werden nun Berichte der chinesischen Staatssicherheit bekannt über die auflodernde Stimmung im ganzen Land, interne Befehle, sogar Aufzeichnungen von Telefongesprächen des Partei-Generalsekretärs Zhao Ziyang und seines Widersachers, des Premiers Li Peng; schließlich Niederschriften der Diskussionen des faktischen Partei-Oberhaupts Deng Xiaoping mit seinem engsten Berater Yang, dem es nicht gelang, Zhao im Amt zu halten.

Diese Akten, die einen Blick ins Allerheiligste der chinesischen Machthaber erlauben, sind streng abgeschirmt gegen unbefugte Einblicke. Wer sie im Parteiarchiv studiert, bürgt per Unterschrift für die Geheimhaltung. Überflüssige Exemplare wurden in Hanfsäcken versiegelt und zwei Parteidruckereien zum Schreddern zugeleitet.

Mag sein, dass irgendjemand sie dennoch kopiert hat - ein anonym bleibender Chinese unter dem Decknamen »Zhang Liang« hat jedenfalls einen Computerausdruck des Transskripts von Originaltexten zwei führenden amerikanischen China-Experten zugestellt, den Professoren Andrew J. Nathan von der New Yorker Columbia Universität und Perry Link von der Universität Princeton: insgesamt 10 000 Blatt.

Die wichtigsten Informationen daraus erscheinen jetzt auf Deutsch*. Der SPIEGEL druckt vorab Auszüge, die einen unerhörten Einblick bieten in das Denken und Handeln der Verantwortlichen in dem letzten großen kommunistischen Staat.

Sind die Dokumente echt? Die darin auftauchenden Personen, auch Zeugen, konnten nicht befragt, Chinas Archive nicht ein-

gesehen werden. Dieselbe Ungewissheit stellte sich freilich auch für bis dahin unbekannte Äußerungen Mao Tse-tungs in der Kulturrevolution von 1966, die der SPIEGEL ebenfalls veröffentlichte (Titel 41/1974: »Mao intern"). Sie gelten auf Grund der seither gesammelten Erkenntnisse als zuverlässig.

Und Mao-Ehefrau Jiang Qing (Tschiang Tsching) gab der US-Gesprächspartnerin Roxane Witke Interna preis; der davon berichtende SPIEGEL-Titel »Frau Mao greift nach der Macht« (18/1976) wurde der Chef-Rotgardistin übersetzt, die sich empört zeigte. Gleichwohl bestätigten sich die Aufzeichnungen.

Die beiden Herausgeber der Tiananmen-Dokumente haben ihren Fund mit den Methoden ihrer Wissenschaft gründlich geprüft und sind »weitgehend von der Glaubwürdigkeit« der Texte überzeugt. Der innere Zusammenhang der Enthüllungen, meint Nathan, die Reichhaltigkeit und Plausibilität der Unterlagen seien »nahezu unmöglich zu fälschen«. Er wollte keinesfalls »vor dem von der KP Chinas errichteten Schutzschild der Geheimhaltung kapitulieren«.

Nathan glaubt, dass die Veröffentlichung »einigen mächtigen Männern in China Kopfschmerzen bereiten dürfte«. In Gefahr gerät die Karriere des nach dem Aufstand eingesetzten Generalsekretärs Jiang Zemin, der noch immer amtiert, und des heutigen Parlamentschefs Li Peng, mitverantwortlich für das Niederkartätschen der Revolte. Profitieren von dem Material könnten dagegen ihre Rivalen - etwa Premier Zhu Rongji, der sich als Bürgermeister von Schanghai geweigert hatte, in seiner Stadt Truppen einzusetzen.

Die Reformkräfte dürften sogar auf einen Durchbruch hoffen, weil die KP gedrängt werde, sich einer peinlichen Diskussion zu stellen, prophezeit Nathan: »Da sich die Risse in der Führung auf allen Ebenen durch die Partei ziehen, wird sich die Veröffentlichung auch auf das Schicksal von Millionen Funktionären im gesamten politischen System auswirken.«

Die Texte rehabilitieren den Reformflügel der chinesischen Kommunisten, so dass sich dort auch die Quelle der Enthüllungen vermuten lässt. Für die Echtheit der Dokumente und auch für eine Partei-Fraktion als Lieferant spricht unter anderem ein wesentliches Detail: Was die Zahl der Opfer des Tiananmen-Massakers betrifft, beharren diese Unterlagen auf der parteioffiziellen Version von 1989, nach der direkt auf dem Platz keine Menschen erschossen worden seien (wohl aber in unmittelbarer Umgebung). Offen bleibt, wie viele Opfer von Panzern in den Zelten der hungerstreikenden Studenten zerquetscht wurden.

Parteichef Jiang Zemin, der Gewinner des Dramas, räumte bei seinem Amerika-Besuch 1997 vage ein, der »Zwischenfall« könne ein Fehler gewesen sein. Möglicherweise ahnte er schon damals, dass sich die Hintergründe des Gewaltschlags nicht ewig geheim halten lassen.

Mit der drohenden Arbeitslosigkeit von Dutzenden Millionen stehen seinem Staat nun neue Stürme bevor. Auf dem Tiananmen-Platz wird trotz brutaler Polizeigewalt bereits wieder beharrlich demonstriert - von Anhängern der Massensekte Falung Gong. Und für Funktionäre gibt es abermals Grund zu zittern. FRITJOF MEYER

* Andrew J. Nathan, Perry Link (Hrsg.): »Die Tiananmen-Akte«,zusammengestellt von Zhang Liang, mit einem Nachwort von OrvilleSchell. Propyläen Verlag, Berlin; 768 Seiten; 69,90 Mark.

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