Chiracs Lieblings-Sprengkopf - DER SPIEGEL
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Chiracs Lieblings-Sprengkopf

• aus DER SPIEGEL 37/1995
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Als der Basaltsockel Mururoas letzten Dienstag von der Testbombe geschüttelt wurde und die Lagune des Atolls aufschäumte, waren nicht nur die französischen Experten Augenzeugen des Spektakels. Ein zweiter Beobachter sah zu: der US-Geheimdienst CIA.

In 24 Kilometer Höhe zog ein pechschwarzer Aufklärer vom Typ U-2 R Schleifen über Mururoa. Kameras filmten die Ausdehnung der Schockwellen im Wasser; Infrarotsensoren registrierten Wärme, die womöglich aus dem Bombenschacht emporstieg; Strahlungsmesser fahndeten nach Anzeichen von Radioaktivität.

U-2-Maschinen sind alte Bekannte der französischen Atomtester. Die Spionageflugzeuge beschatten das Atoll seit dem Austritt Frankreichs aus der Nato 1966 und der Explosion der ersten französischen Wasserstoffbombe am 24. August 1968. Mururoa bietet den amerikanischen Auswertern Einblick in eine Art Gral, der die strategischen Geheimnisse Frankreichs bis ins nächste Jahrhundert birgt.

Dabei läßt Mururoa erkennen, daß es allen Beteuerungen Jacques Chiracs zum Trotz nicht um Versuche geht, die zu späteren Simulationen von Atomtests führen sollen. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Erprobung des Sprengkopfs TN-75 (TN: Abkürzung für thermonucleaire), mit dem die Streitmacht der französischen Atom-U-Boote ausgestattet werden soll.

Im Mai dieses Jahres hat Chirac unmißverständlich klargemacht, worum es auf Mururoa wirklich geht: »Wir können auf Atomversuche nicht verzichten, weil wir die Abschreckung modernisieren müssen, um im Klub der Großmächte zu bleiben.« So belehrte er vor der Stichwahl um das Präsidentschaftsamt den sozialistischen Widersacher Lionel Jospin in einer denkwürdigen Fernsehdebatte.

Chirac befürchtet die Abkopplung von den Atommächten USA, Rußland, Großbritannien und China. Die Angst, auf der Weltbühne mit einem verkümmerten Arsenal der Force de frappe nicht länger ernst genommen zu werden, bewegt den Gaullisten. Am Ende, so argwöhnt er, drohe Frankreich seinen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu verlieren - an nichtatomare Parvenüs wie Japan und Deutschland.

Dem französischen Militär war die Lage schon in den letzten Amtsjahren Francois Mitterrands nicht mehr geheuer. 1991 befahl Mitterrand, die atomaren Freifallbomben - Gegenstücke der Bomben von Hiroschima und Nagasaki - zu verschrotten. Amerikaner und Engländer aber behielten die ihren.

Die Zahl der Jagdbomber, die Nuklearraketen tragen, ließ Mitterrand schon 1989 kräftig herabsetzen. Und um den Deutschen zu gefallen, wurde Ende 1993 das Kurzstreckensystem »Pluton« (Reichweite: 120 Kilometer) abgeschafft. Die Nachfolgewaffe »Hades« (Reichweite: 480 Kilometer) ließ Mitterrand auf Drängen Helmut Kohls einmotten.

Und noch einmal war es Mitterrand, der an einem Pfeiler der Atomrüstung rüttelte. Er votierte gegen die Modernisierung jener 18 Silo-Raketen, die auf einem Plateau im französischen Zentralmassiv zur Abschreckung der einstigen Sowjetunion gedient hatten. Auch den Bau mobiler Raketen, die auf dem Plateau von Albion herumgefahren werden sollten und für die sich Jacques Chirac stark machte, lehnte der Sozialist ab.

Unter Chirac soll es den Atomgenerälen Frankreichs wieder besser gehen. Mißtrauisch haben sie beobachtet, daß Washington amerikanische U-Boot-Raketen vom Typ »Trident« an Großbritannien verkauft hat - Monster mit jeweils acht Sprengköpfen und 12 000 Kilometer Reichweite. Frankreichs U-Boot-Raketen der M-4-Klasse, die sechs Sprengköpfe und bis zu 5000 Kilometer Reichweite besitzen, sehen dagegen schlecht aus.

Mururoa soll die Wende einleiten. Eine neue und wuchtigere Interkontinentalrakete, die M-5, wird entwickelt. Ein Grund dafür ist, daß der französische Rüstungskonzern Aerospatiale gedroht hat, andernfalls seine damit beschäftigten Wissenschaftler und Techniker zu entlassen.

Das Milliardenprogramm M-5 soll den Bizeps der gallischen Atomkrieger stärken. Sie legen sich nämlich auch neue Atom-U-Boote zu. Das erste, »Le Triomphant«, lief am 13. Juli 1993 in Cherbourg vom Stapel. Als Rakete für die dickbäuchigen Boote ist vom Jahr 2005 an die M-5 vorgesehen und als deren Standardsprengkopf ein Abkömmling des TN-75. Er soll gegen Laserangriffe gehärtet sein und beim Anflug aufs Ziel Radarwellen absorbieren.

Alles in allem würde Frankreichs unterseeische Atomflotte damit ähnliche Qualitäten aufweisen, wie sie die Amerikaner und Engländer mit ihren Tridents besitzen. Beim Verkleinern der Sprengköpfe haben die Franzosen so große Fortschritte gemacht, daß im sogenannten Sprengkopf-Bus einer M-5-Rakete zehn bis zwölf Wasserstoffbomben montiert werden können. Mit insgesamt vier neuen Tauchkolossen, die Paris geordert hat, wächst Frankreichs Vernichtungspotential enorm: Es steigt von 384 Sprengköpfen, die 1992 unter Wasser abschußbereit waren, auf 640 zu Beginn des kommenden Jahrhunderts an.

Im Vulkangestein von Mururoa soll aber auch der Sprengkopf TN-100 erprobt werden. Kenner der französischen Atomwaffenszene halten ihn für den eigentlichen Lieblings-Sprengkopf Jacques Chiracs. Der Gefechtskörper ist für die Abschreckung an einer neuen Front gedacht, die sich von Nordafrika zum Nahen Osten hin erstreckt. Länder wie Libyen oder Algerien besitzen Forschungsreaktoren und könnten die technologische Kompetenz zum Bau der Bombe nutzen, etwa nach einer Machtübernahme durch moslemische Fundamentalisten.

An diese Gefahr muß Chirac in einem Beitrag für das Fachblatt Politique Internationale gedacht haben. Er forderte darin eine erweiterte Verteidigungsdoktrin, um gegen die Ausbreitung von A-Waffen vorzugehen. Die Chirac-Doktrin macht eine neue Luft-Boden-Rakete notwendig, ASLP (Air-Sol-Longue-Portee) genannt. Sie paßt zu einem neuen, von Dassault gebauten Jagdbomber, dem »Rafale«, von dem Serienmaschinen bereits fliegen. Die ASLP soll eine Reichweite von 1300 Kilometern erhalten - bis nach Nordafrika.

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