VATIKAN Christ oder Raubtier
Die Böden sind aus Marmor, die Decken stuckverziert. Aber der schmucke Bahnhof im vatikanischen Kirchenstaat, mitten in Rom, ist fast immer zugesperrt. Fahrgäste wurden seit Jahren nicht gesehen.
Doch am Donnerstag dieser Woche werden sich TV-Teams, Reporter und Fotografen aus aller Welt auf dem Geisterbahnhof hinter dem Petersdom drängen. Um 8.30 Uhr will Papst Johannes Paul II. hier eine kleine, im Vatikan gleichwohl heftig umstrittene Tagesreise antreten. 624 Meter auf Kirchenstaatsgleisen, dann 195 Kilometer über das italienische Schienennetz geht es in die umbrische Stadt Assisi.
Am Geburtsort des heiligen Franziskus will das Katholiken-Oberhaupt mit orthodoxen und protestantischen Christen, afrikanischen Animisten, Hindus, Buddhisten, Juden und Muslimen für den Frieden in der Welt beten.
Ein päpstliches Zeichen gegen die »dunklen Wolken am Horizont«, gegen die drohenden Gefahren für die Menschheit durch »neue, erschütternde Konflikte«, will er setzen, einen Anstoß geben zu Kooperation und gegenseitiger Achtung aller Religionen. Wichtigster Adressat der Botschaft ist die islamische Welt.
Den Anhängern des Propheten signalisierte der Papst schon vor Weihnachten mit einer symbolischen Aktion seinen Willen zu religionsüberschreitendem Respekt: Für den 14. Dezember rief er seine Gläubigen weltweit zum Fasten auf. Weil das zugleich der letzte Tag des muslimischen Fastenmonats Ramadan war, hungerten Millionen Katholiken und Muslime gemeinsam. Viele Kardinäle in Rom, aber auch Bischöfe in den Kirchenprovinzen fanden das überhaupt nicht schicklich.
Seit längerem geht ihnen nicht nur die Konsum- und Kapitalismuskritik Papst Wojtylas zu weit, auch seine pazifistische Grundhaltung scheint ihnen zunehmend naiv. Wenn der sonst konservative Katholikenchef gegen Massentourismus oder wucherische Bankzinsen wettert, findet er mehr Zustimmung bei Anti-Globalisierungs-Aktivisten oder linken Friedensmarschierern als in der Amtskirche.
Und wenn er, wie vergangenes Jahr in Syrien, Muslime mit »Salam aleikum« grüßt und mit »Brüder« anredet, gilt das vielen westlichen Katholikenführern spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September fast schon als suspekt.
Zwar billigt auch Johannes Paul II. allen Staaten das Recht zu, sich gegen terroristische Attacken zu wehren. Aber militärische Aktionen dürfen in seiner Vorstellung nur die Urheber dieser Terrorüberfälle treffen, nicht ganze Nationen, Völker oder Religionen. Die Irak-Sanktionen etwa hat er deshalb immer wieder kritisiert.
»Differenzen im Dialog, nicht mit Waffen zu lösen«, mahnte er auch nach den Attentaten von New York und Washington. »Das Verzeihen« müsse »über die Vergeltung siegen«. Der Terrorismus gedeihe im sozialen Unrecht und sei mit Gewalt nicht zu beenden: »Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit, und es gibt keine Gerechtigkeit ohne Vergebung.«
Vor allem die US-Bischöfe sehen das anders. Mächtige europäische Kirchenfürsten und der größte Teil der vatikanischen Kurie sind auf ihrer Seite. Die USA hätten »das Recht, ja die Pflicht, den Terrorismus zu bekämpfen, zu neutralisieren«, widersprach zum Beispiel der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz und Stellvertreter des Papstes in dessen Funktion als Bischof von Rom, Kardinal Camillo Ruini.
Ruini ist ebenso wie der deutsche Vormann der römischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, von den
Thesen des Harvard-Geschichtspessimisten Samuel Huntington über den angeblich bevorstehenden »Zusammenprall der Zivilisationen« überzeugt.
Wo der Papst sagt, Christen und Muslime seien aufgerufen, »gemeinsam die Gerechtigkeit und den Frieden aufzubauen«, erklärt etwa Bolognas Erzbischof Kardinal Giacomo Biffi die friedliche Koexistenz der Religionen zur Illusion: Ein Miteinander gebe es nicht, Europa werde entweder »christlich oder muslimisch« sein, der interreligiöse Dialog sei »eine Falle«. Denn Christen und Muslime seien nicht gleich, sondern religionsbedingt verschieden: Ohne Christus seien Menschen »Raubtiere, die sich gegenseitig fressen«. Und während die physische Kraft des Papstes schwindet, gewinnen die Biffis, Ruinis und Ratzingers die Oberhand im Vatikan. Wenn früher Wojtylas Worte allenfalls verklausuliert und in zarten Tönen konterkariert wurden, fühlt sich inzwischen sogar sein Sprecher, das spanische Opus-Dei-Mitglied Joaquín Navarro-Valls, ermutigt, die Appelle seines Chefs öffentlich ins Gegenteil zu kehren.
Als sich der Papst während seiner Kasachstan-Reise Ende September und noch vor Beginn der amerikanischen Luftschläge gegen Afghanistan mehrmals unzweideutig gegen die Anwendung von Waffengewalt aussprach, rechtfertigte Navarro-Valls das Prinzip der Selbstverteidigung, »auch wenn die notwendigen Mittel Angriffswaffen sind«.
Der 81-jährige Karol Wojtyla scheint inzwischen zu schwach, um sich wie früher durchzusetzen. Deshalb wird in dieser Woche beim Friedensappell von Assisi auch keineswegs gemeinsam gebetet. Bei einer ähnlichen Veranstaltung im Herbst 1986 trug ein Vertreter jeder Glaubensrichtung sein Gebet immerhin noch in Anwesenheit der anderen Religionsgemeinschaften vor.
Im Jahr 2002 soll jede Glaubensgruppe, hübsch getrennt, eine »Selbstverpflichtung für den Frieden« verkünden und sich dann mit einem »Friedenszeichen« verabschieden. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
* Am 6. Mai 2001 in Damaskus mit dem syrischen Großmufti AhmedKuftaru (M.).