Clark Gable oder so
In der Münchener-Weinstube »Treppchen« wurde Filmregisseur Geza von Bolvary eine Sorge los. Die Sorge, die ihn bis dorthin verfolgt hatte, war, ob er nicht doch in Deutschland einen Typ etwa vom Schlage Clark Gables oder so fände, wie er ihn für einen kommenden Film braucht
Im »Treppchen«, wo Film- und Bühnenleute wenig anzutreffen sind, saß der gesuchte Typ nichtsahnend da. Herr Dalkar, Inhaber des »Treppchen«, vermittelte die Bekanntschaft, der Typ und der Regisseur fanden sich alsbald an einem Tisch zusammen.
Der Typ, 1,85 m groß, 35 Jahre alt, stellte sich als Günter Evers heraus, Besitzer der Charis GmbH. Parfümerie-Manufaktur, Stuttgart, und Teilhaber anderer Firmen. Herr Evers hatte, abgesehen von Kinobesuchen noch nie etwas mit Film zu tun gehabt und wollte nicht glauben, daß jemand Interesse daran hatte, ihn auf die Leinwand zu zerren.
Immerhin, er tat dem Regisseur den Gefallen und ließ Probeaufnahmen von sich machen. Er kannte keine Hemmungen vor der Kamera, ließ sich nach Bedarf drehen und wenden, lachte alle freundlich an und amüsierte sich offensichtlich über den belebten Aufwand, den man seinetwegen in Betrieb setzte.
Die alten Filmleute kniffen die Augen zu und schätzten ab: natürliches Talent, einprägsames Gesicht, photogen dazu und ein neuer Typ. Vor den Aufnahmen zerrann selbst die berufsmäßige Skepsis der Experten der »Merkur«-Film.
Dem Drehbuch des Films »Wer bist du, den ich liebe?«, den von Bolvary bei der »Merkur« dreht, wurde eine Szene aufgeflickt und Günter Evers darin als Hotel-Conferencier eingesetzt. Keine ganz große Rolle, aber groß genug, um die mehr oder weniger vorhandenen Fähigkeiten eines Mannes sichtbar zu machen.
Günter Evers hatte es nicht sehr eilig, als die »Merkur« mit dem Vertrage winkte. Er überlegte es sich erst, bevor er unterschrieb. Dann erledigte er seine Aufgabe vor dem Objektiv so ungezwungen, daß alteingesessene Filmhasen nickten. Sie nickten auch, als die gedrehten Szenen über die Probeleinwand gingen.
Dann sah Richard Eichberg, Spezialist für Exotika wie Eschnapur-Tiger und indisches Grabmal, den neuen Mann, grunzte in gutem Berliner Idiom, und Günter Evers hatte einen zweiten Vertrag: In wenigen Tagen beginnen in Geiselgasteig die Atelieraufnahmen zu dem Eichberg-Merkur-Film »Die Reise nach Marrakesch«.
»Nur keinen Schauspielunterricht«, raten Filmleute Günter Evers. »Das verdirbt den Stil.« Der neue Typ ist dem Filmen gegenüber nicht mehr so skeptisch und macht mit. Es ist ein gutes Geschäft, nebenbei. Vielleicht auch für seine Firma. Kosmetik und Film haben sich immer gut vertragen.