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NUMERUS CLAUSUS

Locker schütteln 60000 Abiturienten haben sich zu einem Massentest am Mittwoch dieser Woche gemeldet. Lohnt sich der Aufwand? *
• aus DER SPIEGEL 8/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für 60000 junge Bundesbürger haben fünf Stunden - genauer: 297 Minuten - am Mittwoch dieser Woche fast die gleiche Bedeutung wie die dreizehn Schuljahre, die sie bis zum Abitur brauchten.

Sie haben sich zum »Test für medizinische Studiengänge« (TMS) gemeldet, der sechs Jahre lang erprobt wurde und vom kommenden Wintersemester an für jeden obligatorisch wird, der Medizin studieren und Arzt werden will.

In all den Probejahren haben nur so viele Abiturienten an diesem Test teilgenommen wie nun an einem einzigen Tag.

Es haben sich viele gemeldet, die schon vor Jahren ihr Abitur gemacht und längst die Hoffnung aufgegeben hatten, noch einen Medizin-Studienplatz zu bekommen.

Und es nehmen auch viele teil, die noch gar kein Abitur haben. Den Schülern, die ihre Reifeprüfung im Mai oder Juni beenden, würden sonst alle Zeitpläne durchkreuzt: Sie könnten erst in einem Jahr am nächsten Test teilnehmen, und ihr Studienbeginn würde sich um ein oder zwei Semester verzögern.

In der gesamten deutschen Schul- und Hochschulgeschichte gab es bislang kein so gigantisches Ereignis. Als »Grötaz«, als »größte Testaktion aller Zeiten«, verspotten Studenten diese Veranstaltung, die an 226 Orten in 800 Aulen und ähnlichen Räumen stattfindet.

Organisiert wird sie von der Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS). Der Test wurde von dem Bonner »Institut für Test- und Begabungsforschung« entwickelt, das zur Studienstiftung des deutschen Volkes gehört und von dem Psychologen Günter Trost geleitet wird.

3000 Lehrer wurden verpflichtet, für karges Entgelt (125 Mark für Testleiter, 100 Mark für deren Stellvertreter, 50 Mark für jede weitere »Aufsichtsperson") Aufgaben zu übernehmen, die auch Wachtmeister erledigen könnten. Sie brauchen nur mit der Stoppuhr für präzisen Ablauf zu sorgen, jedwedes Schummeln zu verhindern und die vorgeschriebenen Anweisungen wörtlich zu verlesen.

Jedes eigene Wort könnte als Hilfe gedeutet werden und gefährdete die bundesweite Chancengleichheit aller Teilnehmer.

Diese Chancengleichheit wäre auch nicht mehr gewährleistet, wenn vor dem Testtag ein einziger Koffer mit Testheften abhanden käme. Das ganze Unternehmen würde dann noch abgesagt werden müssen.

Auch nach dem Test bleiben die Unterlagen unter Verschluß, weil einige Aufgaben für den nächsten Termin gebraucht werden. Alle 60000 Hefte werden auf Mikrofilm genommen und sodann unter Aufsicht vernichtet. Will ein Gericht die Testlösungen eines Teilnehmers überprüfen, so dürfen die Richter sich die Unterlagen zwar auf einem Mikrofilm ansehen, sie aber nicht zu den Akten nehmen: »Das Herstellen von Kopien ist nicht gestattet.«

Auch in jeder anderen Hinsicht sind die Vorschriften streng. Um 8.15 Uhr sollen sich die Teilnehmer einfinden, um 8.30 Uhr werden letzte Anweisungen vorgelesen, um 8.45 Uhr werden die Hefte verteilt. Wer sich auch nur um eine Minute verspätet, wird nicht mehr eingelassen und verliert ein Jahr.

Mit jedem Untertest wird auf Kommando begonnen und aufgehört. Wer es wagt, »zu einem früheren Untertest zurück- oder zu einem späteren Untertest weiterzublättern«, riskiert seine Zukunft. Er würde ausgeschlossen und könnte nicht mehr Arzt werden: Jeder Abiturient darf ein einziges Mal an dem Test teilnehmen, und nur wer neben dem Abiturzeugnis auch das Testzertifikat einreicht, kann bei der ZVS einen Antrag auf einen Medizin-Studienplatz loswerden.

In einem 40 Seiten starken »Info« versuchen die Testpsychologen, mit freundlichen Ratschlägen die Stimmung aufzubessern.

Am besten suche man sich schon zu Hause den Untertest aus, »bei dem Sie am ehesten die Toilette aufsuchen können, ohne in Zeitnot zu geraten«.

Am Testtage solle man keinesfalls »in die falsche Straßenbahnlinie« steigen, weil dann die »innere Ruhe und Ausgeglichenheit« leiden. Zu empfehlen seien Entspannungstechniken verschiedenster Art, unter anderem »ein lockeres Ausschütteln der Hände«.

In den fünf Teststunden brauchen die Teilnehmer kein einziges Wort, geschweige denn einen Satz zu schreiben. Und sie brauchen auch nicht über irgendeinen Zusammenhang zwischen einer Aufgabe und einer anderen nachzudenken: Es gibt keinen.

Durchweg geht es darum, von fünf Antworten A bis E die richtige zu finden und anzukreuzen. Auch ein Analphabet würde deshalb, könnte er sich unter die Abiturienten schummeln, 20 Prozent der Aufgaben lösen.

Sicher ist schon heute, daß keiner der 60000 Teilnehmer das gesamte Programm erledigen kann. Der Test ist so konstruiert, daß im Schnitt 50 Prozent der Aufgaben gelöst werden.

Der TMS dient der Auswahl von Studenten nicht nur der Human-, sondern auch der Tier- und der Zahnmedizin. Schon vor einigen Jahren ist der Kölner Psychologe Josef Hitpaß mit einem aus Belgien übernommenen Test gescheitert, mit dem er die Fingerfertigkeit künftiger Zahnärzte prüfen wollte und den er für den weltbesten hielt.

Aber der Test wurde als stör- und betrugsanfällig verworfen, und so kann auch jemand mit zwei linken Händen Zahnarzt werden, wenn er nur am Mittwoch weit mehr richtige Kreuze macht als die meisten anderen.

Der Bonner NC-Test erhält eine Bedeutung, der er nicht gerecht werden kann.

Fast die Hälfte der Studienplätze für die drei Medizinfächer (45 Prozent) werden vom Wintersemester 1986/87 an nach Werten vergeben, zu denen Abiturnote und Testergebnis im Verhältnis 55 zu 45 verrechnet werden.

Und nicht etwa für die Abitur-Besten, sondern für die Test-Besten gibt es noch eine Sonderquote: Ihnen werden weitere 10 Prozent der Studienplätze reserviert.

Diese Etablierung des Tests als dem Abitur fast gleichwertiges Auswahlkriterium ist nicht die einzige Neuerung beim Numerus clausus. Es gibt weitere einschneidende Änderungen (siehe Graphik Seite 59).

Daß die Kultusminister damit ein Konzept verwirklichen, wagen sie nicht mal selbst zu behaupten. Geradezu willkürlich haben sie die Kriterien und Quoten verändert.

Sechs Jahre lang wurden immer mehr Plätze nach dem »leistungsgesteuerten Losverfahren« vergeben, bei dem die Chancen der Bewerber um so größer waren, je bessere Abiturnoten sie vorweisen konnten. Nun wird dieses Verfahren eingestellt.

Die Wartezeit, die von 1980 bis 1983 allmählich abgeschafft worden war, wird von 1986/87 an wieder eingeführt. Nicht mehr wie früher im Schnitt 40, sondern nur noch 20 Prozent der Plätze werden in dieser Quote vergeben. Deshalb drohen sich Warteschlangen in einer Länge von fünf oder sechs Jahren zu bilden, die das Bundesverfassungsgericht in einem 1977er Urteil für verfassungswidrig erklärt und nur noch einige Zeit geduldet hatte.

Und schließlich dürfen die Medizin-Professoren für 15 Prozent der Plätze ihre Studenten selbst aussuchen (siehe Interview »In Bochum andere Chancen als in Köln?« Seite 61).

Begründet wurde der Test damit, daß er die Auswahl der Medizin-Studenten erheblich verbessern werde. Anfangs: kam sogar die Hoffnung auf, er werde den Deutschen zu besseren Ärzten verhelfen. Das erklärten die Testpsychologen allerdings von vornherein für eine Illusion. Der Mannheimer Lothar Michel zum Beispiel, der den Vorläufer des heutigen Medizin-Tests entwickelt hatte, verwies darauf, daß es gar kein Kriterium für den besten Arzt gebe.

Niemand könne sagen, ob »die Anzahl der zufriedenen Patienten, die Anzahl der Publikationen, die erreichte Stufenleiter in einer Hierarchie oder gar die

Einkommensteuererklärung« zugrunde zu legen sei.

Aber immerhin versicherten die Psychologen, der Test ermögliche eine Prognose des Studienerfolgs. Doch diese Erwartung schraubten Trost und seine Mitarbeiter im Laufe der Jahre zurück. Anfangs war noch von den Abschlußexamen die Rede, deren Erfolgsquote man steigern könne, aber mit der Zeit beschränkte man sich immer stärker auf die erste Hälfte des Studiums und die Vorexamen.

Von vornherein waren dem Test enge Grenzen gesetzt. Weder darf Schulwissen abgefragt und ein zweites Abitur veranstaltet werden, noch darf Hochschulwissen vorweggenommen werden. Und es ist den Psychologen auch verwehrt, etwa die Motivation der Abiturienten zu überprüfen oder Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft und Kontaktfreude zu testen.

Schon bei den ersten Probeläufen zeigte sich, daß der Test sich vom Abitur nicht so stark abhob, wie die Fachleute es angekündigt und einige Kultusminister es geglaubt hatten.

Die Abiturienten mit den besten Schulnoten erreichten im allgemeinen auch die höchsten Testwerte. Deshalb hat der Test nicht den »Paternoster-Effekt«, auf den viele gehofft hatten:

Für die Abiturienten mit den besten und mit den schlechten Noten änderte sich fast nichts. Nur im Bereich etwa von der Note 1,4 bis zur Note 2,2 gab es einige Verschiebungen.

Mit anderen Worten: Zehntausende von Abiturienten müssen sich einem Test unterziehen, der nur für einige hundert Teilnehmer Veränderungen bringt.

Hinzu kommt, daß im Fach Medizin der Studienerfolg ohnehin kaum zu steigern ist. Weit mehr Studenten als in anderen Fächern bestehen die Vor- und Hauptexamen, wenn auch oft erst beim zweiten oder dritten Mal.

Abiturnote und Test sagen nicht mehr über den späteren Studienerfolg aus, als der Heidelberger Psychologe Manfred Amelang vor Beginn der Probejahre bei einem Überblick über solche Tests festgestellt hatte: »Die Hälfte, überwiegend zwei Drittel bis drei Viertel der Studienerfolgsvarianz bleiben durch Tests und Schulnoten unaufgeklärt.«

Jahrelang wurde gegen den Test der laut Amelang »schwerwiegendste Einwand« nicht vorgebracht: daß er trainiert werden kann.

Die Tester hatten dieses Problem heruntergespielt, und einige Kultusminister machten sich ihre Argumente zu eigen - so Hanna-Renate Laurien 1977, damals noch Kultusministerin in Rheinland-Pfalz, in einem SPIEGEL-Gespräch: »Der Test ist nur sehr beschränkt trainierbar, es hilft also nichts, sich intensiv auf ihn vorzubereiten.«

Das Gegenteil ist wahr. Institutschef Trost selbst gab zu, daß insbesondere bei dem Konzentrationstest (siehe Aufgaben Seite 69) »ein mehrmaliges Durcharbeiten zu teilweise deutlicher Leistungsverbesserung führen kann«. Es gibt mittlerweile ein Dutzend Verlage und Privatinstitute, die Bücher und Kurse zum Trainieren des Abituriententests anbieten.

Die Trost-Leute versuchen gegenzusteuern. Sie füllen ihre Infos mit Übungs-Ratschlägen. Wer ihren Empfehlungen folgt, verbringt viel Zeit mit den Aufgaben. Es wird den künftigen Testteilnehmern geraten, sie so lange zu üben, bis »der Trainingsgewinn so unbedeutend wird, daß sich weiteres Üben nicht mehr lohnt«.

Bei dem Braunschweiger Verlag »Agentur Ulf Pedersen« brachten die Bonner Psychologen außerdem zwei vollständige Tests heraus. Sie versuchten überdies zu klären, in welchem Umfange Abiturienten den Test trainieren - sei es mit den Materialien aus dem Bonner Institut, sei es mit den Produkten kommerzieller Institute.

Wenn die Recherchen repräsentativ sind, so haben von den 60000 Teilnehmern des ersten Massentests 48000 das Test-Info des Instituts durchgearbeitet 20000 eines der bei Pedersen erschienenen Bücher und 6000 ein anderes Buch. Und 1200 haben sogar für einige hundert Mark an Trainingskursen teilgenommen.

[Grafiktext]

Neue Quoten - Neues Glück? Der Numerus clausus für Human-, Zahn- und Tiermedizin wird zum nächsten Wintersemester an neu geregelt. Es ist die zweite und bislang stärkste Veränderung. Die Kriterien, nach denen Studienplätze für Medizin vergeben werden (jeweils 100 Prozent) Erläuterungen zu den »Quoten« »Sonderquoten": Hierzu gehören neben Härtefällen und Ausländern Sanitätsoffiziere und Bewerber für die öffentliche Gesundheitsverwaltung sowie Zweitstudienbewerber. »Abitur/Test": Seit dem Sommersemester 1980 wurde der Test »erprobt«, jeweils 1200 Studienplätze standen hierfür bereit. Pro Semester wurden 6000 Bewerber ausgelost, die an dem Test teilnehmen durften. Die meisten Plätze wurden aufgrund einer »Wertzahl« vergeben, die zu 55 Prozent nach der Abiturnote und zu 45 Prozent nach dem Testergebnis errechnet wurde. »Testbeste": 10 Prozent der 1200 für die Testerprobung bereitgestellten Plätze erhielten die Bewerber, die beim Test am besten abgeschnitten hatten, unabhängig von ihrer Abiturnote. »Leistungsgesteuertes Los": Die anderen Studienplätze werden in einem »leistungsgesteuerten Losverfahren« vergeben. Die Aussichten der Bewerber waren umso größer je besser ihre Abiturnote war. »Abiturbeste": 10 Prozent der Studienplätze insgesamt, pro Semester etwa 750, erhielten die Bewerber mit den besten Abiturnoten. »Testbeste": 10 Prozent der Plätze insgesamt werden nach diesem Kriterium vergeben, mithin nicht mehr nur 120 wie von 1980 bis 1986, sondern etwa 75O. »Abitur/Test": 45 Prozent der Plätze werden nach diesem Kriterium vergeben, weiterhin hat die Abiturnote ein Gewicht von 55, das Testergebnis von 45 Prozent. »Auswahlgespräch": 15 Prozent der Plätze werden aufgrund von Auswahlgesprächen vergeben, die an den Hochschulen geführt werden. Wer teilnehmen darf, wird durch Los bestimmt. Die Hochschullehrer führen Gespräche mit dreimal soviel Bewerbern wie Plätze für diese Quote vorgesehen sind »Qualifizierte Wartezeit": 20 Prozent der Plätze werden nach diesem Kriterium vergeben. Die Wartezeit wird nicht nur nach den Semestern berechnet, an denen sich der Abiturient bei der ZVS um einen Studienplatz beworben hat, aber abgelehnt wurde. Er kann seine Chancen durch Ausbildung oder Tätigkeit während der Wartezeit erhöhen

[GrafiktextEnde]

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