INDONESIEN / BOTSCHAFTS-EINBRUCH Code im Safe
Oberst William Becke, Militärattaché der Britischen Botschaft in Djakarta, kniff sein Monokel fester ans Auge. In der Ruine der am 18. September von indonesischen Demonstranten angezündeten Britenbotschaft huschten am Montagnachmittag letzter Woche verdächtige Gestalten umher.
Der Diplomat erspähte durch ein Zimmerfenster des der Botschaft gegenüberliegenden Hotels »Indonesia«, wie sich die Eindringlinge am Allerheiligsten der Vertretung Ihrer Majestät zu schaffen machten: an dem aus feuerfestem Stahlbeton gemauerten Tresorraum der Botschaft, in dem sich die geheimen Dokumente und Codes befanden.
Oberst Becke raste über die Straße, fegte einige schwerbewaffnete Milizsoldaten beiseite, die ihm den Zutritt zur Botschaftsruine verwehren wollten, und stürmte die Stufen zum ersten Stockwerk hinauf.
So überraschte er indonesische Soldaten, die sich anschickten, die Stahltür zur diplomatischen Schatzkammer der Botschaft mit Meißeln und Brechstangen aufzusprengen. Er entriß den uniformierten Einbrechern ihre Werkzeuge und alarmierte durch Rufe und Winken einen Botschaftsangestellten, der
auf der Straße wartete.
Als Botschafter Andrew Gilchrist, der bei dem Sturm auf das Gelände in der vorvergangenen Woche leicht blessiert worden war (SPIEGEL 39/1963), von diesem Gehilfen die Kunde vernahm, brach er eine Pressekonferenz ab, eilte seinem Militärattaché zu Hilfe und ließ die anderen westlichen Missionschefs zu einem Treffen in der Botschaftsruine bitten.
Binnen einer halben Stunde waren die Botschafter Frankreichs, Australiens, Kanadas und der USA vor dem ausgebrannten Gebäude ihres bedrängten Kollegen versammelt.
Unter dem Druck der vereinigten Botschafter willigten die Indonesier ein, daß der Tresorraum fortan von zwei britischen Sicherheitsbeamten und zwei Polizisten bewacht werde.
Botschafter Gilchrist mißtraute aber auch dieser Lösung. Am Tag darauf fuhr er an der Spitze einer Kavalkade von Diplomatenautos an seiner einstigen Residenz vor. Zu den diplomatischen Nothelfern vom Vortag hatten sich nun auch die Botschafter Indiens und Dänemarks gesellt. In Dutzenden von Koffern und Taschen schleppten die Botschafter den Tresor-Inhalt in die wartenden Limousinen.
Die evakuierten Dokumente wurden zur Amerikanischen Botschaft chauffiert und im dortigen Tresorraum deponiert. Die Furcht Botschafter Gilchrists, daß die im Safe bewahrten Geheimnisse Ihrer Majestät den Indonesiern in die Hände fallen und von ihnen den Sowjets in die Hände gespielt werden könnten, war gebannt. Die allergeheimsten Papiere allerdings vertraute Englands Botschafter auch den verbündeten Amerikanern nicht zur Aufbewahrung an. Code und Dechiffrierschlüssel wurden von den Briten verbrannt.