Codename Abu Nidal - DER SPIEGEL
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TÜRKEI Codename Abu Nidal

Knapp drei Wochen nach den Anschlägen von Istanbul klärt sich das Profil der Täter, doch die Hintermänner sind auf der Flucht. Ihre Spur führt nach Syrien und in den Nordirak.
• aus DER SPIEGEL 50/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor der leeren Wohnung des flüchtigen Staatsfeindes stehen die Hausschuhe seiner Frau und seiner Mutter, ein Paar weiße und ein Paar grüne Schlappen. Noch am Abend der beiden Synagogenanschläge von Istanbul sei die ganze Familie von Azad Ekinci aus Bingöl verschwunden, erzählt eine Nachbarin.

Sie will nicht wahrhaben, was seither über Ekinci und seine Frau in der Zeitung steht. Ja, ihr Mann kämpfe im Dschihad, hat die völlig verschleierte Ehefrau des mutmaßlichen Drahtziehers der Anschläge gestanden. Besser noch hätte man die Attentate direkt in Amerika oder England verübt. Aber auch die Türkei gehöre zum »Dar al-Harb«, zum Haus des Krieges, in dem die Ungläubigen herrschen.

»Wir haben nur das Alltagsgesicht dieser Menschen gekannt«, sagt Ekincis Cousin, der Chefredakteur der »Stimme von Bingöl« ist, des Lokalblatts der ostanatolischen Stadt. »Azad mag fromm und in sich gekehrt gewesen sein, doch er war ein Mensch, der voll im Leben stand. Viele hier kannten ihn, er kann uns nicht allen etwas vorgespielt haben.«

Zunächst hatten die türkischen Behörden Ekinci für den vierten Selbstmordattentäter gehalten, der beim Anschlag auf das Istanbuler Hauptquartier der britischen HSBC-Bank ums Leben kam. Inzwischen steht fest, dass ein anderer diese Bombe gezündet hat. Ekinci, Codename Abu Nidal, ist am Leben und hat die Türkei vermutlich Richtung Syrien verlassen. Er ist der momentan meistgesuchte Mann des Landes.

Vier »Imame«, so beschreiben türkische Ermittler ihren Kenntnisstand, haben die Gruppe hinter den Anschlägen dirigiert. Zwei von ihnen sind namentlich bekannt, nämlich Azad Ekinci und Habib Aktas. Beide sind in Pakistan ausgebildet worden, beide trafen sich mit dem Ägypter Aiman al-Sawahiri, Osama Bin Ladens zweitem Mann, dem Operationschef von al-Qaida.

Zehn potenzielle Selbstmordattentäter hatte die Gruppe bereits anderthalb Monate vor den Anschlägen zur Verfügung. Vier sind inzwischen tot, sechs weitere »lebende Bomben« könnten noch aktiv sein, glaubt der türkische Geheimdienst MIT. Viele von ihnen haben wie der Synagogenattentäter Mesut Çabuk in Tschetschenien gekämpft.

Auf etwa 30 Personen schätzen die Behörden den Kreis in- und ausländischer Finanziers des Netzwerks, auf etwa 150 die so genannte Nachrichtengruppe, die in Moscheen im ganzen Land nach weiteren Sympathisanten suche. Das Tableau, wie es sich knapp drei Wochen nach den Anschlägen darstellt, weicht in wesentlichen Punkten von dem Bild ab, das man sich zunächst von der Gruppe gemacht hatte.

Weitgehend widerlegt ist die Vermutung, radikalislamische Gruppen aus dem kurdischen Südosten der Türkei hätten eine Rolle gespielt. Ekinci und Çabuk werden lange zurückliegende Kontakte zur türkischen Hizbullah nachgesagt, einer extrem brutalen Konter-Guerilla, die Anfang der neunziger Jahre, vom Staat unterstützt, gegen Abdullah Öcalans Kurdische Arbeiterpartei (PKK) kämpfte. Doch schon Gökhan

Elaltuntas, der die Bombe vor Istanbuls Newe-Schalom-Synagoge zündete, passt nicht in dieses Schema. Seine Familie in Bingöl hatte selbst Ärger mit Schutzgelderpressern der Hizbullah.

Für reine Trittbrettfahrer hält der Terror-experte Ümit Özdag auch die »Front der Vorkämpfer für einen großen islamischen Osten« (IBDA-C), die sich ursprünglich zu den Anschlägen bekannt hatte. Wohl gebe es, wie israelische Geheimdienstler bestätigten, seit etwa drei Jahren Ableger in Deutschland, die Anschläge dieser Größenordnung verüben könnten - für eine Beteiligung fehle aber jeder Hinweis. Özdags beunruhigender Befund: »Die sind vollauf damit beschäftigt, ihre Strukturen in Westeuropa aufzubauen.«

Deutliche Parallelen hatten die Ermittler anfangs zu den fünf simultanen Bombenattentaten von Marokko gesehen, wo am 16. Mai eine nicht vollständig ausgehobene Gruppe junger Attentäter aus den Armenvierteln Casablancas jüdische und ausländische Ziele angegriffen hatte.

Aber auch hier fallen inzwischen eher die Unterschiede auf: Elaltuntas, der Newe-Schalom-Bomber, war Spross eines der wohlhabendsten Clans von Bingöl mit türkisch-nationalistischem Einschlag. Seine Eltern haben ihn in einem aufwendig eingefassten Familiengrab auf dem idyllischen Friedhof außerhalb der Stadt beerdigt. Çabuks Vater ist Leiter einer Außenstelle des Landwirtschaftsministeriums, Ekincis Vater wurde Ende der siebziger Jahre als Gewerkschaftsfunktionär ermordet.

Ein höchst untypischer Selbstmordattentäter ist auch der erst vorige Woche identifizierte Ilyas Kuncak, 47, der die Autobombe vor der HSBC-Bank zur Detonation brachte. Kuncak, aus Ankara gebürtig, war ein arrivierter Gewürzgroßhändler, ein Türke aus der Mittelschicht.

Der soziale Mix der Gruppe, der an die Zusammensetzung der Attentäter vom 11. September erinnert, überrascht die Experten. »Wir wissen einfach noch zu wenig, um dieses Phänomen erklären zu können«, sagt Özdag.

Von einer »amorphen Masse«, einer »giftigen Wolke« spricht die Tageszeitung »Milliyet«. Mit erstaunlicher Perfektion hat die Tarnung der scheinbar planlos zusammengewürfelten Truppe funktioniert: Kein Angehöriger, von der offenbar eingeweihten Ehefrau Ekincis abgesehen, will auch nur den Hauch eines Verdachts gehegt haben.

Gökhan Elaltuntas'' Vater Sefik verbrachte noch im Oktober drei Wochen mit seinem Sohn in Istanbul. »Wir haben seine Hochzeit vorbereitet«, sagt der Bauunternehmer, ein eleganter Herr, seit dem Anschlag ganz in Schwarz gekleidet. Man müsse sein Kind einer Gehirnwäsche unterzogen haben, vermutete er anfangs. Inzwischen sagt er: »Wenn Gökhan das in vollem Bewusstsein gemacht hat, dann wünschte ich, er wäre nie mein Sohn gewesen.«

Menderes Elibol, der Bruder eines inhaftierten Textilkaufmanns, in dessen Lagerraum in der Istanbuler Altstadt die Polizei verdächtige Chemikalien sicherstellte, würde seinen Bruder Hidir »eigenhändig aufknüpfen«, wenn sich der Vorwurf der Staatsanwaltschaft bestätigen sollte. Ja, Hidir habe geschäftlich mit dem mutmaßlichen Drahtzieher Habib Aktas zu tun gehabt, doch der sei ein ganz durchschnittlicher Muslim gewesen, der »wie wir alle am Freitag zum Beten in die Moschee ging«.

Das einzige Merkmal, das den Ermittlern zufolge fast alle Verdächtigen verbindet, ist ihre Nähe zum Salafismus, einer fundamentalistischen Strömung des Islam, der auch Bin Laden anhängt. Die ursprünglich als Reformer hervorgetretenen Salafiten predigen eine puritanische Rückkehr zu den Wurzeln des Glaubens.

Die Salafitenspur, so scheint es, führt zunächst nach Syrien, das vorige Woche den türkischen Prediger Hilmi Tugluoglu und 21 seiner Anhänger an Ankara ausgeliefert hat - zur Zufriedenheit der türkischen Diplomatie, doch zum Verdruss der Polizei. Denn Syrien handelte offenbar vorschnell.

Tugluoglu gestand nämlich in einer ersten Vernehmung, er habe sich am Tag nach seiner Festnahme in Damaskus mit Ekinci und anderen Drahtziehern der Istanbuler Anschläge treffen wollen. Die hätten gleich mitverhaftet werden können, sagt die Polizei. Nun sei es umso schwieriger, die Verbindung zwischen den türkischen Zellen und dem ausländischen Auftraggeber aufzudecken, von dessen Existenz die Ermittler überzeugt sind.

Der Hauptverdacht des türkischen Geheimdienstes ruht auf Abu Mussab al-Sarkawi, einem ehemaligen Qaida-Kommandanten, der sich seit etwa zwei Jahren in Iran und im Irak aufhalten soll. Der gebürtige Jordanier hat nach Geheimdiensterkenntnissen Kontakte zur nordirakischen Terrorgruppe Ansar-e Islam, der Anschläge in Bagdad und im Nordirak zur Last gelegt werden. Die Attentate in Istanbul sollen von der von ihm kontrollierten Gruppe Baiat al-Imam koordiniert worden sein.

Es sei ironisch, kommentieren türkische Beobachter, dass nun ausgerechnet die Regierung des geläuterten Islamisten Recep Tayyip Erdogan den islamistischen Terror in der Türkei bekämpfen muss. Hämisch halten ihm seine Gegner heute die radikalen Reden und Kontakte seiner frühen Jahre vor. Ein Foto von 1988, das die Istanbuler Tageszeitung »Star« kürzlich ausgrub, zeigt ihn, halb kniend, vor dem afghanischen Fundamentalisten und Mudschahidin-Führer Gulbuddin Hekmatjar, den die USA heute zur Gruppe der 20 gefährlichsten Terroristen der Welt zählen.

Er könne es nicht ertragen, hatte Erdogan unmittelbar nach den Anschlägen gesagt, die Wörter Islam und Terror in einem Atemzug zu nennen. Der Protest der säkularen Eliten war enorm.

In einer Debatte, die reichlich akademisch anmutet angesichts der 61 Toten und mehr als 700 Verletzten, rang sich der Premier schließlich zu einer neuen Sprachregelung durch. Das Land sei von »religiösem Terror« bedroht - und den werde die Türkei bekämpfen, mit allen Mitteln des Rechtsstaats und dem Beistand aller Nachbarn, die helfen können. BERNHARD ZAND

* Bei einem Lokaltermin vor der Beth-Synagoge in Istanbul.Polat wird vorgeworfen, einer der Drahtzieher der Attentate zusein; er informierte die Polizei über die Qaida-Verbindungen derTerroristen.

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