Luftaufklärung Codename Dick Tracy
Als der Zweite Weltkrieg allmählich zu Ende ging und sich Götterdämmerung über das Großdeutsche Reich senkte, begannen die anglo-amerikanischen Siegermächte, fieberhaft nach einem militärisch höchst bedeutsamen Bildarchiv zu suchen.
In Sorge, die gesammelten Aufklärerfotos der deutschen Luftwaffe könnten den Sowjets in die Hände fallen, fahndete eine aus britischen und amerikanischen Experten gebildete Spezialeinheit in allen Winkeln des besetzten Landes nach der »Photo Library of the Nazi Air Force«. Codename der Geheimoperation: »Dick Tracy«.
Mit der Beharrlichkeit des Meisterdetektivs aus der gleichnamigen US-Comicserie wurden die alliierten Fahnder schließlich fündig - in einem Heuschober bei Bad Reichenhall in Bayern.
Ende April 1945 stöberten sie in der Scheune Dutzende von Blechkanistern mit 800 000 Luftbildaufnahmen auf. Die Amerikaner waren, erinnerte sich später einer der Beteiligten, schier »entzückt« von der »brillanten Schärfe« _(* Von deutschen Sturzkampfbombern ) _(zerstörte sowjetische Armeefahrzeuge. ) der Fotos - und von der Tatsache, daß drei Viertel der erbeuteten Bilder sowjetrussisches Territorium dokumentierten - bis hin zum Kaspischen Meer.
Der Foto-Fund stammte aus der Hauptbildabteilung der Reichsluftwaffe zu Berlin, und er ruht seither im Washingtoner War Department. Doch die Sammlung war nicht ganz komplett: Einen geringen Teil, rund 100 Aufnahmen, hatte der letzte Kommandeur der Abteilung, Luftwaffen-Oberst Hans Ruef, in seinem Haus in Gmund am Tegernsee deponiert.
Erst jetzt, zwölf Jahre nach dem Tod des ehemaligen Wehrmachtsoffiziers, fand eine Tochter des Verstorbenen, die Schriftstellerin Ingeborg Münzing, die Bilddokumente nebst etlichen Aufzeichnungen aus dem Nachlaß ihres Vaters. Es war keine zufällige Entdeckung.
Die Schriftstellerin, die zuvor nur wenig über die militärische Karriere des Vaters gewußt hatte, bewog ein aktueller Anlaß, die Hinterlassenschaft gründlich zu sichten: Fernsehberichte vom Golfkrieg hatten ihr Interesse an militärischer Luftaufklärung geweckt. Als in den TV-Reportagen immer wieder von der Treffergenauigkeit der amerikanischen Bombardements die Rede war, erinnerte sie sich daran, daß der Vater einst die Präzision der deutschen Luftaufklärung und die Zielsicherheit der Kampfflieger gerühmt hatte.
Die nun zutage geförderten Fotos gehören offenbar - das lassen Aufzeichnungen und Briefe von Oberst Ruef vermuten - zu den aus militärischer Sicht eindrucksvollsten Luftbildern aus dem vor 50 Jahren von den Deutschen angezettelten Krieg gegen die Sowjetunion. Sie belegen die damals weltweit unübertroffene Perfektion, mit der die Luftwaffe Bildaufklärung in punktgenaue Zielvorlagen umsetzen konnte.
Selbst aus Flughöhen von 5000 Metern gelangen den deutschen Aufklärern, ausgerüstet mit Spezialkameras, gestochen scharfe Aufnahmen. Die Fotos wurden im Großformat 30 mal 30 Zentimeter entwickelt und konnten entsprechend ergiebig ausgewertet werden.
Exakt in der Mitte trafen, wie Fotos aus dem Ruef-Nachlaß beweisen, deutsche Sturzkampfbomber (Militärkürzel: Stuka) im August 1941 den Staudamm der Dnjepr-Talsperre bei Saporoschje in der Ukraine. Eine Fotoserie vom Juli 1941 hielt fest, wie das Moskauer Kreml-Areal in Erwartung deutscher Fliegerangriffe durch Dächerbemalung und Gebäudeattrappen getarnt wurde.
Die Schnelligkeit, mit der motorisierte »Bildzüge« und weit vorgeschobene »Bildstellen« der Luftwaffe bei der sogenannten Gefechtsaufklärung operierten, zeigen schaurige Aufnahmen vom 4. August 1941: An diesem Tag war es deutschen Stukas bei Smolensk binnen weniger Stunden gelungen, 2500 sowjetische Armeefahrzeuge restlos zu zerstören.
Das Erfolgsfoto läßt erahnen, warum damals nur wenige Sowjetsoldaten dem Smolensker Kessel der Wehrmacht entrinnen konnten. Und auf solche Aufnahmen traf auch zu, was Ruef, damals Chef-Bildoffizier ("I c Bild") im Führungsstab des Luftflottenkommandos 2 von Generalfeldmarschall Albert Kesselring, an seine Frau Ilse in Bayern schrieb: »Die Luftbilder können einem das Blut gerinnen machen.« Im Luftkampf trafen die Deutschen an der Ostfront kaum auf Widerstand. Spärliche Gegenangriffe der Sowjets fand Ruef »lächerlich": »Man schaute nur aus dem Fenster auf diese Anfänger.«
Die Nachlaß-Entdeckungen seiner Tochter erhellen auch ein Stück deutscher Fliegergeschichte - die Biographie von Oberst Ruef, eines bislang kaum bekannten Pioniers der zivilen Luftbildvermessung wie der militärischen Feindaufklärung. Womöglich steht der Wahlbayer aus dem badischen Freiburg, Jahrgang 1894, ebenbürtig neben dem legendären Briten Sidney ("Sid") Cotton, der als Vater der angelsächsischen »Photo Intelligence« (P. I.) gilt.
Ruef, der als Abiturient von der Schulbank weg zum Feldflieger im Ersten Weltkrieg ausgebildet wurde, brachte für seine Laufbahn als Luftaufklärer eine ideale Doppelvoraussetzung mit: Er war ein ebenso leidenschaftlicher Pilot wie Fotograf. Seine Fähigkeiten nutzte er zunächst im Zivilberuf als Flugvermesser für Firmen, Behörden und Hochschulen.
Ruef überflog Mitteleuropa, lichtete Städte, Flußläufe und die Alpen ab. Ruef verfeinerte die Methoden einer noch jungen Vermessungstechnik, der Fotogrammetrie - Grundlage für neue topographische Stadtpläne.
Fünf Jahre lang, von 1930 bis 1935, kurvte der Kameramann im Auftrag von General Tschiang Kai-schek mit einer Messerschmidt Me-18 über China. Der General schickte Ruef auch zu Erkundungsflügen gegen die aufständischen Kommunisten Mao Tse-tungs aus.
Die Talente des renommierten Luftbildners wollten sich auch die Nazis nicht entgehen lassen. Die Reichsluftwaffe verpflichtete Ruef 1935 gleich im Rang eines Majors und bildete ihn als Militärpiloten auf nahezu allen Maschinen _(* Treffer-Markierung durch die ) _(Luftaufklärung. ) sowie zum Luftbildlehrer aus. 1939 avancierte der besessene Fliegerfotograf zum Kommandeur der Reichs-Fliegerbildschule in Hildesheim.
Das war die Geburtsstunde der modernen deutschen Luftaufklärung: Ruef organisierte die Ausbildung der sogenannten Bildoffiziere nach eigenem Bekunden mit »peinlichster Genauigkeit«. Größten Wert legte er auf die minutiöse Foto-Auswertung, insbesondere auf die Entzerrung von Schrägaufnahmen - offenkundig eine Grundlage der späteren Kriegserfolge. »Wir sind darin absolut führend«, vermerkte Oberst Ruef später in einem Brief.
Im Gegensatz zu den Flächenbombardements der West-Alliierten bevorzugte die Luftwaffe, schon um ihre Kapazitäten zu schonen, punktgenaue Bombenabwürfe im Sturzflug oder im Schrägangriff. Die Taktik der Fliegerwaffe als »verlängerter Arm der Artillerie« führte zur Entwicklung der legendären Stuka-Maschinen - und zur überragenden Bedeutung der Luftaufklärung.
Während des Krieges, im Stab von Kesselring, koordinierte Ruef die Luftbildarbeit aller Wehrmachtsteile. Doch seine anfängliche Begeisterung ("Es ist eine große, gewaltige Zeit") wich bald ersten Zweifeln. Schon den Rußlandfeldzug betrachtete er als »Unternehmen von napoleonischen Ausmaßen«, das »hoffentlich kein napoleonisches Ende nimmt«.
Ende 1944, inzwischen zum Leiter der Berliner Bildabteilung berufen, berichtete Ruef in Briefen an seine Frau, er sei jetzt verantwortlich für die »Endbearbeitung aller Fronten«. Als die Fronten zusammengebrochen waren, lag Oberst Ruef, bei einem britischen Fliegerangriff verletzt, in einem Lazarett in Oberbayern - und wieder war er ein gesuchter Mann.
Die Amerikaner holten ihn nach der Kapitulation im Zuge ihrer »Operation Paperclip« für einige Monate ins Forschungszentrum der US-Luftwaffe nach Wright Field im US-Staat Ohio. Dort ließen sie sich Taktik und Technik der deutschen Luftaufklärer erläutern.
Die Russen bemühten sich noch zu Beginn der fünfziger Jahre um den Flugbildexperten. Schließlich setzten sie einen früheren engen Mitarbeiter auf Ruef an: Der deutsche Chef-Aufklärer sollte, wie der reuige Spitzel in einer eidesstattlichen Erklärung offenbarte, mit familiären Vorwänden in ein Münchner Hotel gelockt und entführt werden.
Der Coup mißlang. Der Rentner Ruef verdiente noch eine Weile Geld mit zivilen Firmenaufträgen und blieb schließlich als Fotograf vollends am Boden. Am Ende seiner Lichtbildnerlaufbahn knipste er vorzugsweise Bilder für die Fremdenverkehrswerbung am idyllischen Tegernsee. o
* Von deutschen Sturzkampfbombern zerstörte sowjetischeArmeefahrzeuge.* Treffer-Markierung durch die Luftaufklärung.