Codename »Herkules« - DER SPIEGEL
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Codename »Herkules«

In Hessen wurde Hans Eichel einst mit Spott überschüttet. Auch in Bonn hat man ihn zunächst unterschätzt. Ganz unverhofft stieg der Finanzminister zu Schröders Exekutor auf.
Von Ulrich Schäfer
• aus DER SPIEGEL 26/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Tag des großen Sparens ist der Finanzminister selber etwas verschwenderisch. Hans Eichel gönnt sich ein paar Worte zuviel.

25 Minuten referiert er im Saal der Bundespressekonferenz über die »Zinssteuerquote« und den »Schuldenberg«, über die »mittelfristige Finanzplanung« und die »Dramatik der Lage«.

Der gelernte Studienrat verschwafelt sich vor 300 Journalisten und 25 Fernsehkameras ins Seminaristische, er findet kein Ende. Hinten im Saal werden die Reporter unruhig, kaum einer schreibt noch mit.

Doch Hans Eichel kostet seinen Triumph aus. Im grauen Anzug, sauber gescheitelt, sitzt er zur Rechten seines Regierungschefs, und der läßt ihn gewähren. Nur ab und zu rollt der Kanzler, fast unmerklich, etwas ungeduldig mit den Augen.

Mittwoch, der 23. Juni 1999 - das ist in Bonn diesmal kein Gerhard-Schröder-Tag, das ist Hans-Eichel-Tag. Der Kanzler bietet zwar die gewohnte Show, den wolkigen Überbau, die Lyrik vom »Programm der Macher gegen die Miesmacher«. Eichel hingegen liefert die Essenz der Politik: harte, nüchterne Zahlen.

30 Milliarden Mark hat Schröders gewissenhafter Exekutor, so staunt die »Bild«-Zeitung, »wegrasiert«. Und keiner hat es dem Buchhaltertyp aus Hessen wirklich zugetraut. In Bonn wurde er unterschätzt, wie so oft in seinem Leben. Und wie so oft gereichte ihm das zum Vorteil.

»Über den Hans Eichel«, sagt an diesem Mittwoch einer, der es wissen muß, »werden sich noch viele wundern.« Walter Lehmann, 78, war Eichels Klassenlehrer in Kassel, er unterrichtete den Pennäler Hans in Geschichte und Latein, Gemeinschafts- und Sozialkunde. Und er hält ihn für »den besten Schüler, den ich je hatte«. Einer, der Einsen oder Zweien bekam, durch schnelle Auffassungsgabe glänzte - und nur auf dem Fußballplatz hinterherlief.

* 1998 als Feuerspucker auf einem hessischen Volksfest.

Dennoch versauerte Eichel nicht als einsamer Klassenprimus. Seine Mitschüler kürten ihn zum Schulsprecher. Dafür ließ er sie bei den Klassenarbeiten abspicken. Lehrer Lehmann sagt: »Der Hans war nie das Hänschen. Wer das denkt, liegt falsch.«

Bescheiden und zurückhaltend wirkt der Musterschüler noch heute. Der korrekte Hesse steht eben nicht für Kaschmir und Cohiba, sondern für kleinkarierte Sakkos aus dem Warenhaus. Er verkörpere, sagen Kabinettskollegen, genau das, was der Wähler sich unter einem Finanzminister vorstelle: Ehrlichkeit, Gründlichkeit. Dem können die Leute »ihr Geld anvertrauen«, sagt SPD-Fraktionschef Peter Struck. Denn Eichel demonstriert stets Volksnähe, so etwa auch im vorigen Sommer als Feuerspucker auf einem hessischen Volksfest.

Beim Gezerre um den Etat profitiert der neue Finanzminister von einer Stärke, die er selbst »Beharrlichkeit bis zur Penetranz« nennt. Verbissen versucht Eichel durchzusetzen, was er für richtig und nötig hält. Er ist ein Perfektionist, der sich weder durch Sturheit noch durch Weinerlichkeit seiner Kabinettskollegen erweichen läßt.

Rudolf Scharping bekam das wie kein anderer zu spüren. Anfangs tönten die Büchsenspanner des Verteidigungsministers noch: »Wir geben nichts.« Doch immer wieder zitierte Eichel den Kollegen ins Finanzministerium. Am entscheidenden Spar-Sonntag mußte Scharping dreimal in den »Beichtstuhl": um 9 Uhr, um 16 Uhr und um 19 Uhr. Dann war er weichgekocht.

Auch mit Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul kannte Eichel keine Pardon. Als Vorsitzende des linken Bezirks Hessen Süd verhalf sie dem Kasseler Oberbürgermeister 1990 noch zur Spitzenkandidatur - der linke Eichel sollte einen rechten SPD-Mann verhindern, driftete aber als Ministerpräsident in die Mitte ab. Die rote Heidi habe das nie verziehen, heißt es in Bonn.

Und jetzt jagt Eichel sie auch noch mit einer Rotstift-Politik, die manchen Genossen fast schon neoliberal erscheint.

Doch seine Unnachgiebigkeit bringt dem Sozialdemokraten mehr positive Schlagzeilen ein als je zuvor. Die »Woche« feiert ihn als »Red Adair des Schulden-Desasters«. Und in den Popularitätsumfragen liegt er, zumal als Finanzminister, erstaunlich weit vorn.

Welch wohltuende Wendung für einen, der immer um Anerkennung ringen mußte. Noch in seinen ersten Jahren als Ministerpräsident von Hessen wurde Eichel mit Spott überschüttet, etwa als »bebrillte Büroklammer«. Der Frankfurter Joschka Fischer kriegte sich kaum noch ein über den seltsamen Sozi.

Dabei wäre Eichel schon damals viel lieber der »Herkules« gewesen. So lautete sein Codename, wenn die Personenschützer der Polizei ihn durch Hessen begleiteten - eine Anspielung auf die mächtige Herkules-Statue, die oberhalb seiner Heimatstadt Kassel thront.

So unscheinbar der Aktenmann Eichel auch wirken mag, so vergleichsweise merkwürdig ist seine politische Entwicklung. Ganz am Anfang nämlich, da fieberte der Schüler Hans noch mit Adenauer. Als Quintaner hielt er eine flammende Wahlrede für die CDU, weil die Genossen in Kassel gegen den Wiederaufbau des wilhelminischen Staatstheaters waren. Eichel: »Die Sozen hatten halt keinen Sinn für Tradition.«

Doch schon zum Abitur zog es Eichel nach ganz links. Als Student lauschte er den Vorlesungen des marxistischen Hochschullehrers Wolfgang Abendroth, und später, nachdem er mit 33 Jahren zum jüngsten Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt wurde, erklärte er Kassel zur atomwaffenfreien Zone.

Lange hat es gedauert, bis aus der linken Lokalkraft ein selbstbewußter Bundespolitiker wurde. Seine erste Amtsperiode als Ministerpräsident sieht er noch als »verlorene Zeit« an. Da häuften sich die Affären, etwa um die Renovierung seiner Dienstvilla oder den Lotto-Skandal. Hinter den Kulissen bastelten Genossen an Putschplänen: »Der kann''s nicht.«

Erst nach der Wiederwahl 1995 schwamm Eichel sich frei. Da wurde aus dem unsicheren Ministerpräsidenten ein souveräner Landesvater, der mit Edmund Stoiber darum stritt, wer das wirtschaftlich stärkste Bundesland regiert.

Eichel entdeckte seine Liebe zum Geld.

Er förderte den Finanzplatz Frankfurt und die hessische Wirtschaft, er pflegte Bekanntschaften mit Bossen wie Hilmar Kopper von der Deutschen Bank, Martin Kohlhaussen von der Commerzbank oder Jürgen Dormann von Hoechst. Die späte Nähe zur Wirtschaft schlägt sich nun, wenn er die Firmen mit niedrigeren Steuerlasten beglückt, in seiner Finanzpolitik nieder.

Am liebsten wäre Eichel noch lange in Wiesbaden geblieben. Doch dann wurde er wegen der von der Bonner Regierung versiebten Debatte um die Staatsbürgerschaft abgewählt und verdrückte sogar ein paar Tränen. »Das habt ihr mir eingebrockt«, machte er Lafontaine am Telefon klar. Kanzler und SPD-Parteichef seien nun in der Pflicht, für ihn zu sorgen. Aufs Frührentner-Dasein habe er »noch keine Lust«.

Das war am Morgen des 11. März, ein Donnerstag. Nachmittags gegen halb vier reichte Lafontaine seinen Rücktritt ein, um 16.15 Uhr rief der Kanzler an: »Hans, du mußt sofort kommen.« Heute sagt Eichel grinsend: »Daß der Oskar es so wörtlich meint, konnte ich ja auch nicht ahnen.«

Endlich hat er nun das Amt, das seinem Naturell so gut entspricht, auch wenn er die

* Auf dem Bundespresseball in Bonn 1997.

plötzliche Bürde zunächst als »Schocktherapie« empfand. Im Schnellkurs bereitete Eichel sich auf seine neue Aufgabe vor. Und er setzte dabei ganz andere Prioritäten als sein Vorgänger. Sosehr Lafontaine sich in der Rolle des Weltverbesserers gefiel, so- sehr stürzte Eichel sich aufs Handwerk: Haushalt und Steuern. Oskars geliebte Makroökonomie ließ er links liegen. Der Streit zwischen Nachfrage- und Angebotspolitikern, sagt Eichel leicht abfällig, »findet doch im Wolkenkuckucksheim statt«.

Auch sonst hält der Neue von ökonomischen Ideologien recht wenig. Der Mäppchen-Mann spart aus schlichter Notwendigkeit - und keineswegs, weil er sich als visionärer Wegbereiter einer »Angebotspolitik von links« sieht.

Gleichwohl ist die Wende, die der neue Kassenwart vollzieht, brutal. Lafontaine hatte den Genossen noch das wohlige Gefühl vermittelt, daß genug Geld für soziale Wohltaten vorhanden sei - nun klingt das bei Eichel anders: »Deutschland ist, finanziell betrachtet, ein Sanierungsfall.«

Es ist aber nicht allein der Inhalt, es ist vor allem der Stil, der sich im Ministerium an der Graurheindorfer Straße geändert hat. Eichel, erzählen Mitarbeiter, brause nicht so auf wie sein Vorgänger, er trage seine Ideen ruhig vor; der Hesse sei auch kein Morgenmuffel wie Theo Waigel.

Richtig wohltuend sei es auch, berichten Ministeriale, daß der neue Minister Vorlagen tatsächlich lese. Eichel ist ein Aktenfresser, selbst tief in der Nacht saugt er in seiner Kammer in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung noch Zahlen auf und hat am nächsten Tag alles parat. Der neue Hausherr gibt den Lernenden, nicht den Belehrenden. Lafontaine dagegen galt als »beratungsresistent«.

Pluspunkte sammelte der neue Hausherr zudem durch seine beiden wichtigsten Personalentscheidungen. So machte er mit Caio Koch-Weser, einst Vizepräsident der Weltbank, und Heribert Zitzelsberger, bisher Steuerabteilungsleiter des Bayer-Konzerns, zwei renommierte Quereinsteiger zu Staatssekretären. Vor allem Zitzelsberger genießt beim Kanzler höchstes Ansehen. Lafontaines Vertraute Claus Noé und Heiner Flassbeck wurden gleich geschaßt. Eichel: »Der eine hatte das ganze Ministerium gegen sich aufgebracht, der andere den Rest der Welt.«

Die erste Bewährungsprobe hat Eichel überstanden: Der Haushalt ist geschnürt - doch die Lobbyisten und die eigenen Leute werden versuchen, das Gesamtkunstwerk zu zerstören. Hier ein paar Kratzer, dort ein paar neue Farbtupfer - wenn der Bundesrat im Dezember endgültig entscheidet, könnte alles anders aussehen.

Am Ende des Gezerres, ahnt der Sparkommissar, kann er auch schnell der Buhmann sein. »In den nächsten Wochen«, fürchtet Eichel, »wird das alles noch ganz wunderlich werden.« ULRICH SCHÄFER

* 1998 als Feuerspucker auf einem hessischen Volksfest.* Auf dem Bundespresseball in Bonn 1997.

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