Codewort Extraction - DER SPIEGEL
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RÜSTUNG Codewort Extraction

Die Sowjet-Union testet in Afghanistan neue Waffen. Ungewünschte Nebenwirkung: Bisher nicht genau bekannte Waffen gelangen in den Westen -- auf abenteuerlichen Wegen.
• aus DER SPIEGEL 20/1981
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Im Juni 1980 klingelte bei Philip Sessarego, 29, in der westenglischen Stadt Hereford das Telephon. Der Anruf sollte ihn bis auf 38 Kilometer in die Nähe der von der Sowjet-Union besetzten afghanischen Hauptstadt Kabul bringen. Zusammen mit einem Freund, der bei den britischen Kommando-Einheiten gedient hatte, machte sich Ex-Fallschirmjäger Sessarego auf nach London, um den Anrufer zu treffen, den er auch heute nur als »Boss« bezeichnen will.

Zuerst erkundete der »Boss« das Interesse der beiden an einem militärischen Trainingsprogramm zur Guerilla-Bekämpfung in einem nicht näher genannten Land im Nahen Osten. Dann kam er zur Sache: Er sei an »bits and pieces« von Waffen interessiert, die die Sowjet-Union bei den Kämpfen in Afghanistan einsetzt.

Da die bislang über Pakistan in den Westen gelangten Stücke sich als unbefriedigend erwiesen hätten, schlug er eine Serie abenteuerlicher Einsätze (Codenamen: Extraction I, II und III) auf dem Kriegsschauplatz Afghanistan vor.

Sessarego willigte ein und erhielt, wie er jetzt der Londoner »Sunday Times« berichtete, vom »Boss« 200 Pfund zur Vorbereitung der Reise, hinter der nach Vermutung der »Sunday Times« der amerikanische Nachrichtendienst CIA gestanden haben dürfte.

Am 5. Juli 1980 flog Sessarego nach Islamabad und traf dort einen Verbindungsmann, der ihn mit den weiteren Details seiner Extractions-Mission vertraut machte. Er erhielt zwei Kameras und eine Liste von über zwanzig Einzelstücken sowjetischer Rüstung, an denen die Auftraggeber reges Interesse zeigten: Panzerteile, besonders von Frontpanzerungen, Lenkwaffen, elektronisches und Fernmeldegerät, Hubschrauberwaffen, Geräte zur Versprühung chemischer Kampfstoffe, ein Gerät zur Täuschung hitzesuchender Flugabwehrraketen und Stücke des Leichtmetalls Titan.

Mit dieser Liste startete Sessarego zu seiner ersten Mission nach Afghanistan, die angesichts moderner technischer Aufklärungsmittel archaisch anmutet, jedoch einen konkreten Hintergrund hat.

Die Rüstungstechnologie der Sowjets weist selten spektakuläre Durchbrüche auf -- im Gegensatz zu Fortschritten der USA und anderer westlicher Rüstungsproduzenten. Vielmehr beruht sie auf einem langfristig angelegten Konzept der Evolution: Aus erprobten Grundelementen entstehen immer neue Varianten.

So kommt es, daß bestimmte Waffen den westlichen Nachrichtendiensten oft in ihren groben Umrissen bekannt sind, viele ihrer Details aber im dunkeln bleiben. Falls nicht ab und zu ein ganzes Waffensystem in die Hände westlicher Militärs fällt -- wie 1976 eine von einem sowjetischen Piloten gesteuerte MiG-25, die in Japan landete --, sind diese auf das Auswerten von Aufnahmen angewiesen. Aber nur der Besitz und die dann mögliche Erprobung einer Waffe -- sei es im eigenen Land oder durch Verbündete -- erlaubt eine abschließende Einschätzung.

Und ähnlich den USA in Vietnam, testet die Sowjet-Union in Afghanistan einen Teil ihrer neuen Waffen, etwa das Sturmgewehr AK-74, welches das berühmte und am weitesten verbreitete Schnellfeuergewehr der Welt -- das AK-47 -- ablöst.

Erst seit Ende der siebziger Jahre in den Armeen der UdSSR und ihrer Verbündeten eingeführt, bestätigt das AK74 die Tendenz zu Infanteriewaffen mit kleinerem Kaliber. So wie das amerikanische Gegenstück M-16 mit einem Kaliber von 5,56 mm im vietnamesischen Dschungel grausame Verletzungen hervorrief, schlagen nun die kleinkalibrigen sowjetischen Projektile von nur 5,45 Millimeter Durchmesser den afghanischen Widerstandkämpfern verheerende Wunden.

Denn durch einen zurückverlegten Schwerpunkt kippen oder überschlagen sich die Geschosse beim Auftreffen auf den menschlichen Körper und haben so die Wirkung der früher gefürchteten Dumdumgeschosse.

Außerdem setzen die Sowjets einen neuen Gewehr-Granatwerfer, Typ AGS-17, ein, der 50 bis 100 Schuß pro Minute auf eine Entfernung von 700 bis 800 Meter abgeben kann. Ein herkömmlicher Granatwerfer bringt es höchstens auf etwa 25 Schuß pro Minute.

Die Granaten des neuen Sowjet-Typs enthalten Plastiknadeln oder Eisenstifte, die in einem Umkreis von vier bis fünf Metern von der Aufschlagstelle absolut tödlich wirken. Und die Plastiknadeln machen es unmöglich, die Verletzungen der Verwundeten zu röntgen.

Das Verbot eben dieser Kunststoffteile in Geschossen pries der sowjetische Diplomat Michail Sytenko, einer der stellvertretenden Uno-Generalsekretäre, bei der Unterzeichnung der Konvention zum Schutz vor Waffen, S.155 die unnötige Leiden verursachen oder besonders grausam sind, im April 1981 als »einen entscheidenden Schritt vorwärts«. Die Sowjet-Union gehörte zu den ersten Unterzeichnern dieser Konvention, mußte sich aber dennoch vor dem vorige Woche in Stockholm tagenden Russell-Tribunal ihr Vorgehen in Afghanistan vorhalten lassen.

Nicht schlüssig bewiesen werden konnte, daß die Sowjets chemische Kampfstoffe einsetzen, obwohl dies wiederholt von afghanischer Seite behauptet worden war.

»Extraction I«, zu der Sessarego im Sommer 1980 im Alleingang vom pakistanischen Grenzgebiet aus aufbrach, erwies sich als Fehlschlag, denn statt erbeuteter Kampfpanzer, von denen der Agent die Teile beschaffen wollte, konnten die moslemischen Widerständler lediglich gewöhnliche Militärfahrzeuge vorweisen.

Der zweite Versuch, etwas später gestartet, war ergiebiger: Am Ende eines 280 Kilometer langen Fußmarsches, der ihn bis in die Nähe der Hauptstadt Kabul brachte, konnte er eine undetonierte Luft-Boden-Rakete eines abgestürzten Mi-24-Kampfhubschraubers sowie Teile seiner Titan-Panzerung, einen neuen Granattyp sowie eine gegen Menschen gerichtete Splitterbombe erbeuten.

Auf dem Rückweg von dem zehntägigen Fußmarsch unterwies er zwei Gruppen moslemischer Widerstandskämpfer noch im Gebrauch eines erbeuteten russischen Gorjunow-Maschinengewehrs und eines zurückgelassenen 82-mm-Mörsers.

Mission »Extraction III«, auf die sich Sessarego mit seinem Freund Sam Evans kurz vor Einbruch des afghanischen Winters machte, verlief hingegen wieder weniger erfolgreich. Die vom »Boss« übermittelte Wunschliste hatte 27 gewünschte Waffen oder Waffenteile enthalten, doch die beiden konnten nur weitere Titan-Proben und einen abgesägten Rotorflügel des abgestürzten Kampfhubschraubers zurückbringen: Die Sowjets hatten versucht, den Hubschrauber durch Sprengladungen zu vernichten, und die Guerillas hatten »Souvenirs« abmontiert.

Der Rotorflügel könnte immerhin Aufschluß über die Tragfähigkeit des Hubschraubers geben. Trotz der mageren Ausbeute zeigte mithin auch »Extraction III«, daß es zumindest prinzipiell möglich ist, an die gewünschten sowjetischen Waffen in Afghanistan heranzukommen.

Eine vierte Mission dürfte allerdings flachfallen: Als sich die Kunde von den »Extraction«-Einsätzen unter Ex-Geheimdienstlern und Möchtegern-Söldnern herumgesprochen hatte und diese sich an Pakistans Grenze zu Afghanistan zu sammeln begannen, erklärte sie Pakistans Regierung zu unerwünschten Personen.

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