Controller im Katasteramt - DER SPIEGEL
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BUNDESWEHR Controller im Katasteramt

Ein Manager fand heraus, woran es im Verteidigungsministerium fehlt: an einer Kontrollkommission.
• aus DER SPIEGEL 42/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hans Apel sprach die Sprache der Politiker: offen nach allen Seiten. Was sein Berater Manfred Emcke über das Rüstungs-Mißmanagement im Bonner Verteidigungsministerium und die dringend notwendigen Reformen schreibe, gehe zwar, so der Minister, in die »richtige Richtung«. Andererseits sei es nicht unbedingt seine Meinung. Wiederum »ist es natürlich auch nicht unverbindlich«. Was denn nun?

Den Kernsatz des Emcke-Papiers -»Der Bundesverteidigungsminister möchte dieser Empfehlung folgen« -hatte der vom »Tornado«-Debakel Geschädigte schon streichen lassen, bevor er am Dienstag letzter Woche mit Parlamentariern das Gutachten diskutierte.

Apel wollte die Abgeordneten nicht schon wieder durch eine neue Forderung, diesmal über 1,5 Millionen Mark für die Emcke-Kommission, vergrätzen.

Der ehemalige Reemtsma-Chef Emcke, von Apel auf dem Höhepunkt der Tornado-Krise engagiert, will nämlich, nachdem er sich in sechs Monaten mühsam einen Überblick über den Kompetenzwirrwarr im Verteidigungsressort verschafft hatte, nun mit einer Expertengruppe an die Arbeit gehen. Er möchte Verantwortlichkeiten abgrenzen, Stellen kappen und klarere Verträge mit der Industrie schließen. S.23 Dazu braucht er allerdings nicht nur die Hilfe der Beamten und Offiziere auf der Hardthöhe, sondern auch Volks- und Betriebswirte. Der Ex-Zigarettenmanager entdeckte an der Spitze der Rüstungsabteilung und des Koblenzer Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) ohnehin zu viele Juristen (46 Prozent) und auf Perfektion bedachte Techniker (25 Prozent), aber zu wenige mit »industriellem Sachverstand«.

Denn Juristen und Bürokraten haben eine fürs Management hinderliche Eigenart: Sie sichern sich ab. So fand Emcke bei seinen Recherchen bestätigt, was schon im Tornado-Untersuchungsausschuß klar war: daß viel zu viele bei Entscheidungen mitreden und mitzeichnen, keiner den Überblick hat oder Verantwortung tragen will.

»Konferenz- und Absicherungseierei« klagte Apel in kleinem Kreis. Und: »Die Mitzeichnung von 40 Beamten und Offizieren bei einem Vorgang ist bei uns offenbar das übliche.« Über 1000 Staatsdiener der Rüstungsabteilung und 19 000 Mitarbeiter des BWB wollen schließlich beschäftigt werden.

Künftig noch einige mehr: ein »Controller« und sein Stab.

Emcke möchte auf der Leitungsebene der Staatssekretäre einen Wirtschaftsexperten installieren, der dem Minister direkt untersteht und bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Dieser Supermanager soll alle Beschaffungspläne für Waffen und Gerät abstimmen, die Produktionsprogramme überprüfen und den Minister jederzeit mit allen notwendigen Informationen versorgen.

Zulieferer des Controllers sollen bei Heer, Luftwaffe und Marine unabhängige S.25 Bereichscontroller sein, wohl weil ein Kontrolleur ohne Untergebene keine Informationsstränge hätte.

»In diesem Sinne«, erläuterte Emcke im besten Manager-Deutsch, »hat Controlling zwei Aspekte: Entwurf und Implementierung von Planungskontroll- und Informationsversorgungs-Systemen und laufende Abstimmungsprozesse innerhalb des bestehenden Systemzusammenhangs von Planung, Kontrolle und Informationsversorgung.«

Eine ähnliche, wenn auch verständlichere Begründung hatten die Abgeordneten schon einmal gehört. Vor zwölf Jahren forderte der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt einen eigenen Staatssekretär für Rüstung mit der Begründung an, sein Ressort könne »nicht wie ein preußisches Katasteramt geführt werden«.

Auch damals holte der Verteidigungsminister einen Bekannten im Management: Ernst Wolf Mommsen, Vorstandsvorsitzender bei Thyssen. Mommsen wurde Schmidts Staatssekretär fürs Controlling und der erste ehrenamtliche »One-Dollar-Man der Bundesrepublik« (Schmidt).

Die Nachfolger kamen teurer: Siegfried Mann und Karl Schnell waren in erster Linie Beamte, die sich aufs Implementieren von Kontrollprozessen nicht verstanden. Nach den Finanzierungsaffären für den Tornado und für die Fregatte 122 klagte Apel kleinlaut, ihn habe »ja niemand rechtzeitig gewarnt«.

Wie ein Controller erfolgreich wirken kann, wo Staatssekretäre versagten, vermochten weder Apel noch Emcke den Abgeordneten überzeugend darzulegen. Der SPD-Abgeordnete Peter Würtz zitierte Goethe: »Die Botschaft hör' ich wohl ...«

Der Glaube fehlte auch SPD-MdB Claus Grobecker, der den Minister warnte, vom Controller Wunderdinge zu erwarten: Ohne den Personalrat könne man Beamte nicht einfach um- und versetzen.

Apel winkte ab: »Ich weiß, daß der Personalrat schon morgen bei mir auf der Matte stehen wird.« Er will trotzdem versuchen, die Emcke-Empfehlungen zu verwirklichen -- freilich behutsam: Kontrolle ja, aber nur mit Gefühl.

Emcke selbst scheint realistischer. Nach halbjährigem Studium der militärischen Praxis kalkuliert er ein Scheitern seiner Mission ein.

Er wolle herausfinden, verkündete er, wie das Verteidigungsministerium optimal organisiert werden müsse -»unabhängig davon, ob bestehende Gesetze, politische Verhältnisse, soziale Besitzstände, Beamtenrechte und andere Hindernisse die Umsetzung des Optimalen möglich machen oder nicht«.

Wenn aber das Vernünftige an der Wirklichkeit scheitert, will Emcke alle Kritiker des militärischen Managements zu eigenen Vorschlägen auffordern; dann müßten sie sagen, wie sie »unter den obwaltenden Bedingungen eine Besserung erzielen können«.

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