Countdown zum Krieg - DER SPIEGEL
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USA Countdown zum Krieg

Bislang konnten die Uno-Inspektoren keinen Beweis für irakische Massenvernichtungswaffen liefern - zum Ärger der Amerikaner, die ihren Aufmarsch zum Sturm auf Bagdad unbeirrt fortsetzen.
• aus DER SPIEGEL 1/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Spurensuche ohne Pause: Tag für Tag schwärmen die Uno-Waffeninspektoren in Zehner-Teams aus, um Fabriken, Militäranlagen oder auch den Palästen Saddam Husseins möglichst überraschenden Besuch abzustatten. Seitdem die Fahnder von Hans Blix vor vier Wochen in Bagdad eintrafen, um nach irakischen Massenvernichtungswaffen zu forschen, hat sich ihre Zahl vor Ort auf rund 110 vervierfacht.

Und mit jedem Tag, der vergeht, ohne dass die Behauptung des Saddam-Beraters Amir al-Saadi widerlegt werden kann, der Irak verfüge nicht mehr über atomare, biologische oder chemische Waffen, wächst die Zufriedenheit in Bagdad über den Lauf der Dinge. In Washington dagegen nimmt mit jedem Tag ohne Beweise für Saddams Lug und Trug die Frustration zu - gleichwohl scheint der Ausbruch eines weiteren Golfkriegs unaufhaltsam näher zu rücken.

Einige Teams des Schweden Blix vernehmen seit voriger Woche sogar Wissenschaftler und Techniker, die das umfassende und ehrgeizige Waffenprogramm vorangetrieben haben. Den Anfang musste Sabah Abd al-Nur machen, ein in England ausgebildeter Nuklearfachmann, der jetzt an der Universität in Bagdad lehrt. Die Atmosphäre sei »sehr freundlich« gewesen, sagte er hinterher.

Der amerikanischen Regierung geht die Blix-Mannschaft noch immer zu lau, zu bürokratisch und vor allen Dingen zu höflich an ihre Aufgabe heran. Sie hält von den vielen Visiten an allen möglichen Produktionsstätten gar nichts.

Schließlich hat Saddam ja genug Zeit gehabt, um sich darauf vorzubereiten, argumentieren die Amerikaner; außerdem spricht die Erfahrung aus den Jahren 1991 bis 1998, in denen das erste Uno-Team zum Narren gehalten wurde, für sich. Washington glaubt, dass nur ausgewählte irakische Wissenschaftler das Lügengebäude zum Einsturz bringen können. Sie sollten allerdings zu ungestörter Einvernahme außer Landes geflogen werden, im Zweifelsfall mit Familie.

Bevor sich die Vereinten Nationen darauf einlassen, verlangen sie die Garantie, dass Amerika den Wissenschaftlern später auch Asyl gewährt. Blix erinnerte zusätzlich daran, dass er nach wie vor auf hilfreiche CIA-Informationen über geheime irakische Lagerstätten wartet - die fließen zwar jetzt, aber nur spärlich.

Denn um die Frage, wer eigentlich die Beweislast zu tragen habe, ist heftiger Streit entbrannt. Die Regierung von George W. Bush sagt ohne Unterlass, Saddam solle den Beweis antreten, dass er wirklich keine Massenvernichtungswaffen in Besitz hält. In Wahrheit ist es jedoch umgekehrt: Die Vereinigten Staaten müssen, um die Weltöffentlichkeit nicht noch mehr gegen sich aufzubringen, Belege beibringen, dass der Irak heimlich an der Entwicklung und Produktion von atomaren, biologischen und chemischen Waffen arbeitet. Und da die US-Geheimdienste einen schlagenden Beweis bisher schuldig blieben, ist Washington jetzt mehr denn je auf die Waffeninspektoren der Uno angewiesen.

Sie sollen für einen Krieg um den Regimewechsel in Bagdad den entscheidenden Grund liefern, an dem es der Regierung Bush noch immer mangelt, obwohl sie seit einem Jahr mit anschwellender Intensität davon redet.

Aber warum eigentlich Saddam? Der Herrscher von Bagdad erscheint mittlerweile als das schwächste Mitglied jener ominösen »Achse des Bösen«, in der Präsident Bush den Irak, Iran und Nordkorea ziemlich eigenwillig zusammengespannt hat. Nicht der Irak, sondern das isolierte, weltabgeschiedene Regime in Pjöngjang, das sich seiner vertragswidrigen Atomwaffenproduktion rühmt, überzieht Washington momentan mit Flüchen und Verwünschungen: Falls die USA sich nicht zu Verhandlungen herbeiließen, drohten ihnen »unkontrollierbare Katastrophen«.

Iran wiederum baut mit russischer Hilfe das Kernkraftwerk Buschehr zu Ende. Auf US-Satellitenaufnahmen soll überdies zu erkennen sein, dass in Arak und Natans in Zentraliran zwei neue nukleare Anlagen entstehen. Anders als Nordkorea weist das Regime in Teheran jedoch alle Ambitionen auf eine eigene Nuklearrüstung weit von sich - es gehe ausschließlich um eine zivile Nutzung der Kernenergie.

Im Grunde werfen Iran und mehr noch Nordkorea erheblich größere Probleme auf als der Irak. Teheran gewährt Terroristengruppen wie der Hisbollah offene Unterstützung, während Pjöngjang den Wunsch nach Atomwaffen nicht länger verheimlicht. Doch bleiben die Mullahs und die Steinzeitkommunisten momentan im Windschatten, weil der Krieg gegen den Irak beschlossene Sache zu sein scheint.

Um die Weihnachtszeit gingen die amerikanischen Truppen in der kuweitischen Wüste mit scharfer Munition in ein breit angelegtes Manöver - das größte seit dem ersten US-Krieg am Golf 1991. Bis Anfang Januar sollen weitere 50 000 Soldaten in die Region einfliegen; insgesamt werden dann gut 100 000 GIs auf ihren Einsatzbefehl warten, knapp die Hälfte jener 250 000 Soldaten, die das Pentagon als Invasionsarmee für nötig hält.

In Europa dagegen nimmt der Unmut gegenüber einem Krieg mit nachgeschobener Begründung rapide zu. 2003 könnte gut zu einer Wiederholung von 1991 geraten: Demonstrationen in den europäischen Hauptstädten gegen Amerika, Misstrauen gegen die Motive der einzigen Weltmacht und die anhaltende Frage, ob es Washington nicht doch eher um Öl, Hegemonie im Nahen Osten und die Durchsetzung nationaler Interessen mit den Mitteln des Krieges geht.

Dabei zeichnet sich allerdings eine Kluft zwischen den europäischen Regierungen und den Demonstranten ab: Wenn Deutschland am 1. Januar seinen Sitz im Uno-Sicherheitsrat einnimmt (siehe Seite 20), wird die Bundesrepublik im Fall einer weiteren Irak-Resolution kaum dagegenstimmen. Für seine uneingeschränkte Solidarität mit den USA nimmt der Brite Tony Blair sogar sinkende Popularität in Kauf. So dürfte es wieder, wie schon im Spätherbst, Frankreich zufallen, die entscheidende Rolle bei der Formulierung der Resolution zu übernehmen.

Paris und Moskau machen sich bereits jetzt bei den Amerikanern mit Forderungen unbeliebt: Damit der Sicherheitsrat den USA freie Hand für »ernsthafte Konsequenzen« erteilen könne, müssten nicht nur Beweise für Saddams Lügen vorliegen - es sollte auch erwiesen sein, dass der Irak die Waffeninspektoren an ihrer Arbeit gehindert habe.

Nato-Generalsekretär George Robertson dagegen hat sich schon festgelegt. Er hält es für die »moralische Verpflichtung« der Allianz, einen neuen Golfkrieg auch ohne Uno-Mandat zu unterstützen. Die USA hätten »eine Reihe von Optionen« für die Hilfe bei Militäraktionen unterbreitet, über die im Nato-Hauptquartier nun nachgedacht werde.

Der Countdown zum Krieg gegen Saddam verläuft in klar erkennbaren Etappen. Präsident Bush sagte schnörkellos eine einwöchige Tour im Januar durch Afrika ab. Den 20. Januar, den zweiten Jahrestag seiner Amtseinführung, will er für eine Rede an die Nation zur Begründung des Krieges nutzen. Sämtliche Meinungsumfragen belegen, dass Bush nach wie vor hohe Popularität genießt und damit Rückhalt für seine Irak-Politik. Doch auch patriotisch gesinnten Amerikanern leuchtet noch nicht ein, weshalb jetzt ein Krieg geführt werden soll, der mit dem Kampf gegen den Terrorismus nicht begründet werden kann. Und in jedem Fall ziehen sie einen Krieg im Einklang mit den Alliierten und der Uno jedem Alleingang vor.

Am 27. Januar soll das Blix-Team seinen Zwischenbericht dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen vorlegen, der dann darüber befinden muss, ob Saddam sich neuerlich einer »flagranten Verletzung« der Uno-Resolution schuldig gemacht hat. Vermutlich gibt es anschließend einige diplomatische Versuche etwa aus arabischen Ländern, den Krieg doch noch zu verhindern. Fruchten sie nichts, könnten die

Feindseligkeiten Anfang Februar ausbrechen, wenn am Golf noch für wenige Wochen Winter herrscht.

Dem Waffengang sehen ironischerweise vor allem einige hochdekorierte US-Militärs mit Unbehagen entgegen. Zwei von ihnen ließen sich vor kurzem in Zeitungsberichten über schwere Konflikte im Pentagon sogar mit Namen nennen: General Eric Shinseki, Chef der US-Armee, und General James Jones, Kommandant der Marineinfanteristen. Army und Marines müssen vermutlich die Hauptlast des Bodenkrieges tragen. Beide Generäle werfen den Zivilisten im Pentagon unzulässigen Optimismus vor, aus dem folgerichtig eine »riskante Strategie« entspringe.

Die Optimisten im Verteidigungsministerium - die zwei Generäle nennen den stellvertretenden Minister Paul Wolfowitz, meinen aber ebenso dessen Chef Donald Rumsfeld - gehen von einem kurzen Bodenkrieg aus, der womöglich nur einige Tage dauere. Ihre Prämisse ist, dass die irakische Armee seit dem letzten Krieg entscheidend geschwächt ist und dass sich das ganze Land nach vielen Jahren der Gewaltherrschaft in Apathie befindet, weshalb Saddams Regime schnell zusammenbrechen werde. Die Kürze des Krieges kann, so die Optimisten, auch verhindern, dass der Nahe Osten von einer neuen Welle des Antiamerikanismus erfasst wird - und neue Anschläge in Amerika drohen.

Pessimisten wie Shinseki und Jones dagegen halten einen Häuserkrieg in Bagdad mit hohem amerikanischem Blutzoll für wahrscheinlich - womöglich erschwert durch chemische oder biologische Waffen, die Saddam einsetzen könnte, wenn er nichts mehr zu verlieren hat und verbrannte Erde hinterlassen will.

Die letzte Entscheidung über den Krieg liegt jetzt bei Bush. Der zog sich am vergangenen Donnerstag für zehn Tage zur Klausur auf seine Ranch in Crawford, Texas, zurück. GERHARD SPÖRL

* Amerikanische Luftaufnahme von Bauarbeiten auf dem Geländeder ehemaligen Nuklearfabrik Tuweitha.

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