»Da muss Adrenalin fließen«
SPIEGEL: Herr Pleitgen, Ihr Kollege Peter Voß vom SWR hat vor kurzem einen Gedichtband veröffentlicht, Sie selbst reisen wochenlang als Reporter durch den Kaukasus. Der Job eines Intendanten scheint nicht sonderlich auslastend zu sein.
Pleitgen: Wir sind nicht wie andere, sondern ein Unternehmen der Dichter, Denker und Volksmusiker. Wer wie ich im hohen Alter noch Karriere macht, dreht in Torschlusspanik besonders auf.
SPIEGEL: Und deshalb wollen Sie sich auch noch zwei Jahre den ARD-Vorsitz antun?
Pleitgen: Es gibt Schlimmeres, als WDR-Intendant und ARD-Vorsitzender zu sein. Vergnügungssüchtig wie ich bin, mache ich beide Jobs gern.
SPIEGEL: Tatsächlich stehen Sie einem Anachronismus der Adenauer-Ära vor, einer losen Arbeitsgemeinschaft von Funkhäusern, deren Chefs sich untereinander bekriegen und von den jeweiligen Landesregierungen beherrscht werden.
Pleitgen: Sie befinden sich hinter dem Mond. Die ARD ist die Konstruktion der Zukunft. Gerade der Föderalismus macht die ARD so vital und unberechenbar. Deshalb sind die Sender journalistisch so unabhängig. Natürlich schafft unsere Struktur gelegentlich Probleme - daher bemühen wir uns ja auch, unsere Kräfte zu bündeln.
SPIEGEL: »Sich in der ARD unwohl zu fühlen ist nicht schwer«, sagt Ihr Showstar Jürgen von der Lippe, das sei ein »zerstrittener Haufen«. Der Mann muss es wissen: Er arbeitet seit 20 Jahren für die ARD.
Pleitgen: Nein, Jürgen von der Lippe liegt voll daneben. Und das sage ich, obwohl wir im Unterhaltungsbereich Schwächen haben, die wir jetzt mit neuen Konzepten überwinden wollen.
SPIEGEL: Wohl ohne von der Lippe. Er will die ARD verlassen, wenn »Geld oder Liebe« und »Wat is?« auslaufen.
Pleitgen: Ich habe ihn persönlich hofiert wie kaum einen anderen. Leider hat er bisher keine Zeit für ein Treffen gehabt. Wenn er wirklich geht, wäre das ein großer Verlust, aber die ARD wird auch danach gute Unterhaltung machen. Ich bin ein Anhänger der Krise - wenn sie da ist, soll sie voll ausgekostet werden. Da muss Adrenalin fließen.
SPIEGEL: Viel scheint da bisher nicht geflossen zu sein. Den Quizboom zumindest hat die ARD-Unterhaltung verpennt.
Pleitgen: Keine Frage, das wäre unser Format gewesen. Doch der Scheitelpunkt der Quizwelle ist wohl überwunden. Wir kämen zu spät und konzentrieren uns jetzt auf anspruchsvolles Family-Entertainment für Leute ab 40. Das passt besser zum öffentlich-rechtlichen Profil.
SPIEGEL: Das gilt offenbar nicht für Reality-Show-Formate wie »Taxi Orange« vom Österreichischen Rundfunk, an dem sich der ARD-Programmdirektor Günter Struve interessiert zeigte.
Pleitgen: Mit allem, was an »Big Brother« erinnert, wollen wir nichts zu tun haben. Es gab ja Leute, für die war die Container-Sendung der Urknall des Fernsehens. Wer so spricht, hat einen Knall - einen Urknall.
SPIEGEL: Mit Ihren Volksmusiksendungen sind Sie auch nicht viel besser.
Pleitgen: Volksmusik muss sein. Das bringt Publikum, gutes Publikum. Entscheidend ist die Dosierung. In der Kernzeit nur Volksmusik und Fußball, das geht nicht, machen wir auch nicht. Fernsehfilm und Information können auch massenattraktiv sein. Ich hätte gern einen zusätzlichen Sendeplatz für Hochglanz-Dokumentationen wie die BBC, die dafür großes Geld einsetzt und so großes Publikum erreicht. Dafür braucht man allerdings auch Klasse-Autoren.
SPIEGEL: Schöne Worte. Die Realität sieht anders aus - selbst der WDR-Mann Klaus Bednarz von »Monitor« fürchtet, das Erste werde zum »Spartenkanal für Fußball und Volksmusik«. Im vergangenen Jahr sind die politischen Magazine der ARD zehnmal wegen irgendwelcher Fußball-Übertragungen ausgefallen.
Pleitgen: Den Kummer von Bednarz kann ich verstehen. »Monitor« darf nicht durch zweitklassigen Fußball verdrängt werden. Wir müssen darauf achten, dass wir durch eine solche Programmplanung nicht das eigene Profil beschädigen. Da hat es ein Überengagement gegeben. Zweieinhalb Stunden Gekicke der Amateure von Kickers Offenbach gegen den 1. FC Kaiserslautern brauche selbst ich nicht.
SPIEGEL: Auch bei ihren Informationsprogrammen zeigt die ARD Schwächen. Bei großen Ereignissen - vom Golfkrieg bis zur Revolution in Belgrad - scheint das mit viel Gebührengeld ausgestattete System überfordert zu sein. Im Gegensatz zu CNN oder der BBC fehlen Ihnen oft gute Bilder und aktuelle Informationen.
Pleitgen: Das stimmt so nicht. Im Golfkrieg hat auch das hoch gerühmte CNN viel leeres Stroh gedroschen, und in der Balkan-Berichterstattung haben die Kollegen vom Bayerischen Rundfunk engagiert gearbeitet. Richtig ist aber, dass wir nicht an jedem Platz gut aussehen.
SPIEGEL: Wie wollen Sie das ändern?
Pleitgen: Wir sollten überlegen, bei ARD aktuell in Hamburg einen Pool von Reporterinnen und Reportern zu bilden, die speziell für Einsätze in Krisenfällen zur Verfügung stehen. Die hätten dann das nötige Know-how.
SPIEGEL: Ihre privaten Konkurrenten haben sich inzwischen zu zwei großen Senderfamilien zusammengeschlossen. Haben Sie die neue Marktmacht von Kirch und Bertelsmann schon zu spüren bekommen?
Pleitgen: Für uns ist die Entwicklung gut, sie bestätigt unsere Existenznotwendigkeit. Vor sechs Jahren standen wir viel mehr in der Kritik, einige wollten uns sogar abschaffen. Inzwischen wissen die politisch Verantwortlichen, was sie an uns haben. Auf der anderen Seite aber machen uns die beiden Giganten natürlich das Leben schwerer, vor allem teurer, weil sie mit uns um die attraktiven Rechte bieten ...
SPIEGEL: ... und sie auch immer öfter bekommen. ARD und ZDF müssen nun rund 230 Millionen an den Rechtehändler Leo Kirch zahlen, um 24 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 zeigen zu können.
Pleitgen: Wir wollen die Belastung in Grenzen halten, indem wir im Gegenzug Rechte an den Olympischen Spielen abtreten. Das Publikum erwartet von uns nun mal Spitzenfußball, auch dafür bezahlt es Rundfunkgebühren. Ohne Bundesliga und Champions League müssen wir wenigstens bei der WM mitspielen.
SPIEGEL: Können Sie garantieren, dass das WM-Finale bei den Öffentlich-Rechtlichen läuft und nicht auf Kirchs Sender Sat.1?
Pleitgen: Davon gehe ich aus. Der endgültige Vertrag sollte Ende Januar 2001 abgeschlossen sein. Alle wichtigen Spiele sind dann hoffentlich bei ARD und ZDF zu sehen. Die Bedingungen - Finanzen und Produktion - müssen allerdings stimmen. Dazu gehören gute Arbeitsmöglichkeiten für unsere Leute vor Ort, insbesondere für die Moderatoren und Reporter. Und 2006 müssen wir auch unbedingt dabei sein.
SPIEGEL: Ist der deutsche TV-Markt jetzt endgültig aufgeteilt?
Pleitgen: Vorerst ja. Fernsehen ist national und bleibt national.
SPIEGEL: Die Murdochs dieser Welt haben also keine Chance?
Pleitgen: Da muss sich Kirch eher Sorgen machen als wir. Aber ich bin Patriot und wünsche ihm, dass er sich gegenüber seinem expansionsfreudigen Premiere-Mitgesellschafter Rupert Murdoch behauptet. Mir persönlich ist Kirch lieber. Geschäftlich dagegen müsste ich für Murdoch sein - im Vergleich zu ihm würden wir Öffentlich-Rechtlichen noch sympathischer.
SPIEGEL: Bei jungen Zuschauern ist das Erste nur Vierter, weit hinter den großen Privatsendern. Vergreist die ARD?
Pleitgen: Nun mal langsam. Im vergangenen Jahr waren wir immerhin bei allen Zuschauern zusammen mit RTL Marktführer. Aber natürlich: Wir dürfen bei den Jungen den Anschluss nicht verlieren. Das wird ein hartes Stück Arbeit. Der Quotenverlust bei den Jüngeren ist Besorgnis erregend - die sind womöglich inzwischen durch die Privatsender so sozialisiert worden, dass sie auch im Alter bei ihnen bleiben.
SPIEGEL: Wie wollen Sie den Trend stoppen?
Pleitgen: Wir brauchen mehr junge Moderatoren, und unsere ganze Anmutung muss jünger werden. Ich weiß, wie schwer das ist: Ich habe mich vor 10 000 jungen Leuten als Erfinder unseres Jugendprogramms Eins Live geoutet, da gab es stürmischen Beifall, bis ich dann drei grundsätzliche Sätze sagen wollte - da schnallten die meisten ab. Als ich schließlich ankündigte, ich zöge mich »auf den Nordfriedhof zurück«, waren alle wieder begeistert.
SPIEGEL: Vielleicht sollten Sie mit Ihrem Online-Auftritt anfangen. Im Internet, das von vielen Jungen intensiv genutzt wird, spielt die ARD keine Rolle. Und Sie persönlich wissen offenbar selbst nicht, wo es langgeht: Erst sprechen Sie vom Internet als dritter Säule neben TV und Radio, später rudern Sie wieder zurück.
Pleitgen: Ich lasse nun mal gern einen Wecker schellen. Wir sind in der Internet-Entwicklung weit zurück und müssen uns beeilen - sonst fährt der Zug ohne uns ab. Bei meinem letzten Besuch in den USA haben mir die Verantwortlichen der großen Networks gesagt, dass ihre klassischen TV-Programme durch die Online-Auftritte an Akzeptanz gewonnen hätten.
SPIEGEL: In Deutschland klicken die Leute viel mehr RTL an als die ARD.
Pleitgen: Bei mir rennen Sie offene Türen ein, auch ich bin äußerst besorgt. Die ARD ist die Nachrichtenfabrik Nummer eins in Deutschland, niemand hat so viele Informationen zu bieten, aber im Internet merkt man davon zu wenig. Wenn ein Unglück wie vor einigen Monaten in Enschede passiert, könnten wir mit Hilfe unserer vielen Radioreporter sofort Live-Töne und Berichte online anbieten. Das kann kein anderer.
SPIEGEL: Sie aber bisher auch nicht.
Pleitgen: Die ARD hat lange nicht begriffen, ihre Chancen zu nutzen. Ich hatte deshalb fast keine Lust mehr, den ARD-Vorsitz zu übernehmen. Viele Kollegen haben reagiert, als ob ich einem persönlichen Hobby nachginge.
SPIEGEL: Haben Sie sich durchgesetzt?
Pleitgen: Spätestens im April müssen wir unser Gesamtkonzept verabschieden.
Wir brauchen ein überzeugendes Hauptportal »ARD.de«. Dazu als große Nummer ein Nachrichtenportal »tagesschau.de« mit allen Quellen aus Hörfunk und Fernsehen, damit wären wir Weltklasse. »DasErste.de« ist bereits da, später könnten Angebote für Sport, Bildung, Kultur und Wissenschaft dazukommen. Wichtig ist, dass alle zehn ARD-Anstalten nicht das Gleiche machen.
SPIEGEL: Ihre Konkurrenz investiert dreistellige Millionensummen ins Internet, und bei Ihnen reichen jährlich 22 Millionen?
Pleitgen: Es wird wohl knapp. Beim WDR werden wir nicht über 33 Stellen für unsere Internet-Redaktion kommen. Aber über Forderungen rede ich nicht. Erst brauchen wir ein Konzept, dann wird gerechnet, und danach ist die KEF dran, die von den Bundesländern berufene unabhängige Gebühren-Kommission. Ob wir auf Werbung aus sein sollten, weiß ich nicht. Andererseits sollte die Politik von einer Deckeldrauf-Regelung absehen.
SPIEGEL: Herr Pleitgen, Sie sind seit langem Mitglied der SPD. Würden Sie heute noch einmal in eine Partei eintreten?
Pleitgen: Nein, bei Journalisten führt das immer zu Missverständnissen. Ich bin in die SPD eingetreten, weil mich Willy Brandts Ostpolitik begeistert hat. Aber bei meiner Arbeit hat mir das eher geschadet, weil häufig gesagt worden ist, der Pleitgen muss ja so berichten, weil er Parteimann ist. Ausgetreten bin ich deshalb nicht, weil ich ungern zickzack laufe.
SPIEGEL: Viele Journalisten in den öffentlich-rechtlichen Sendern hoffen, mit einem Parteibuch nach oben zu kommen.
Pleitgen: Na ja, da es charismatische Figuren wie Brandt heute kaum noch gibt, geraten auch weniger in Versuchung. Ich würde jüngeren Kollegen raten, sich das gut zu überlegen.
SPIEGEL: Herr Pleitgen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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Fritz Pleitgen
ist eine journalistische Größe im Kreis der ARD-Hierarchen. Der gebürtige Duisburger arbeitete von 1952 bis 1963 bei der Bielefelder »Freien Presse«, ehe er zum WDR-Fernsehen wechselte. Beim größten Sender des ARD-Verbunds reüssierte er als Korrespondent, etwa mit Beiträgen aus Moskau (1970 bis 1977), Ost-Berlin (bis 1982) und Washington (bis 1987). Mitte 1988 ging Pleitgen in die Kölner Zentrale, zunächst als TV-Chefredakteur. Später wurde er Hörfunkdirektor, Mitte 1995 Intendant. Das Amt des ARD-Vorsitzenden fiel Anfang 2001 für zwei Jahre turnusgemäß an den WDR - und damit an Pleitgen, 62.
* Mit den Redakteuren Konstantin von Hammerstein undHans-Jürgen Jakobs in der Kölner WDR-Zentrale.