DÄMON DER ECHTHEIT - DER SPIEGEL
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* 8. Die Zukunft der Kultur * 8.2. Technik und Ästhetik DÄMON DER ECHTHEIT

Digitale Technik und das Internet eröffnen grenzenlose Möglichkeiten fürs Fälschen und Kopieren. SPIEGEL-Redakteur JOHANNES SALTZWEDEL über die Sehnsucht nach dem Authentischen, das in allen Bereichen des Lebens immer rarer wird.
• aus DER SPIEGEL 45/2000
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Die Dinger in der Vitrine sahen aus wie dunkle, meist recht platte Steine. Bei näherem Hinsehen war zu erkennen, dass manche ein Loch hatten. Nur wenn der Ausstellungsbesucher die Beschriftungen las, konnte er langsam stutzig werden.

»Fischorakel« oder »Beschwerdefigur« nannten sich die urtümlich wirkenden Teile. Stammen sollten sie aus der legendären jungsteinzeitlichen Kultur der Khuza in Südsibirien, eines Volkes vom Baikalsee mit ausgeprägter Neigung zur Melancholie. Die Khuza, hieß es weiter, hätten sich die Welt als Ring vorgestellt und darum unentwegt den Verlust der Mitte beklagt. Doch kaum war die Berliner Ausstellung »Sieben Hügel«, eine kunstvoll-assoziativ gestaltete Reise durch die Kulturgeschichte der Menschheit, vergangenen Mai eröffnet, da kam auch schon ans Licht, wie es mit den ringgläubigen Khuza wirklich stand. Das südsibirische Volk hat nie existiert. Klaus Heid, 42, ein Künstler aus Karlsruhe, hat sich 1995 den Nörglerstamm ausgedacht und konnte nun dank einer »suggestofiktiven Methode«, sprich: schlitzohriger Erfinderkunst, ihre Überreste präsentieren.

Humbug? Blödelei? Co-Kurator Gereon Sievernich tat sich recht schwer bei seiner Erklärung, dass unter den vielen gezeigten Objekten auch dieser ethnologische Jux »im traditionellen Sinne echt« sei - als Konzeptkunstwerk eben. Doch insgeheim wird sich der Ausstellungsmacher über die Empörung der Journalisten gefreut haben: Nichts wirkt so erregend, nichts macht darum auch so sicher Schlagzeilen wie ein Fälschungsvorwurf. Das mag paradox scheinen in einer Zeit, in der kein Dokument und kein Objekt vor dem Kopieren sicher ist. »Ob der Fußabdruck des Buddha, der das 'ozeanische Gefühl' illustrieren soll, echt ist oder nicht, ist letztlich gleichgültig«, grübelte, angeregt von der Khuza-Posse, der Frankfurter Kritiker Henning Ritter über ein anderes Schaustück in Berlin. »Denn es geht nur um die Assoziationen, die er beim Betrachter wecken soll.«

Vielleicht aber achten Ausstellungsbesucher gerade darum so vehement aufs Gütesiegel des Authentischen, weil es immer rarer zu werden scheint. Vom Schreibtischlämpchen im Bauhaus-Stil bis zu ganzen Interieurs und Modelinien, vom gründerzeitlich gestylten Plastik-Bucheinband bis zur teuer aussehenden Armbanduhr aus Fernost, vom Musik-Sample bis zum Zeitschriftenlayout: Alles scheint heute kopierbar, nirgends gibt es mehr Garantien für Einzigartigkeit. Werden die Grenzen des Machbaren im gleichen Tempo erweitert wie bisher, dann könnte schon bald der erste Versuch starten, Menschen eins zu eins zu reproduzieren wie das britische Klonschaf Dolly.

Natürlich waren es Künstler, die als Erste mit den neuen Möglichkeiten des Abkupferns spielten. Längst haben die aus Zeitungsfetzen und anderem Müll komponierten Dada-Collagen von Kurt Schwitters einen Ehrenplatz in den Galerien, und die aus unveränderten Alltagsdingen bestehenden »Ready-mades« von Marcel Duchamp, Klassiker der modernen Museumsästhetik, wurden sogar schon selbst identisch kopiert, von der Künstlerin Elaine Sturtevant. »Wenn ich es mache, ist es Kunst«, verkündete jüngst die Britin Tracey Emin, die ihr ungemachtes Bett öffentlich zur Schau stellte und es inzwischen für viel Geld an einen Sammler verkauft hat. Das klingt rotzfrech, ist aber gerade als verzweifelte Rebellion des Persönlichen und Originalen gegen das Einerlei der Fließbandware gemeint. »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« nannte der Kulturphilosoph Walter Benjamin seinen von Studenten einst gern kopierten Aufsatz darüber, dass durch Vervielfältigung genau die Qualität entschwinde, um die es einmal in der Kunst gegangen war: die »Aura« einzigartigen Sinnes.

Heutigen Analytikern der multiplen Medienwelten kommt Benjamins These freilich fast banal vor. Er habe »nicht seinen besten Gedanken« gehabt, als er vom Auraverlust schrieb, meint Hillel Schwartz, ein Kulturhistoriker aus Kalifornien. Verloren gehe vielmehr »unsere Sicherheit, dass wir selbst noch lebendig sind«.

Da könnte etwas dran sein: Zappelnd im Netz der hundertfach vervielfältigten Konsum- und Trendangebote, pausenlos fortgerissen von medial in »Echtzeit« gelieferten Attraktionen und allem, was gerade als »echt cool« gilt, wird der Mensch des anbrechenden Internet-Zeitalters sich immer häufiger selbst fremd. Wo Benutzeroberflächen, Kommunikationsdesign, Trendscouts und Imageberater die Wirklichkeit prägen, kommt die Frage auf: Bin das noch ich, der hier denkt und handelt? Läuft nicht in meinem Tun bloß ein Programm ab, ob genetisch oder gesellschaftlich, psychisch oder politisch? Ist mein Mitmensch, trotz aller entlarvenden Statistik, am Ende nur eine undurchschaubare »Black Box«, die mir bestenfalls äußerlich entfernt ähnelt?

Die bloße Frage macht misstrauisch - und nährt das Verlangen nach eindeutigen, gegen alles Hinterfragen immunen Tatsachen. Und je schemenhafter das Gestöber des Kopierten und Austauschbaren wird, desto heller, aber auch ferner leuchtet dahinter das Authentische, Eigentliche, Wesentliche auf. Freilich beginnt damit gleich das nächste Paradox: Gerade wo es am künstlichsten zugeht, werden Echtheit und Natürlichkeit besonders innig beschworen. Ein Werbespot, der reine Alpenmilch in der Schokolade verspricht und dazu glückliche Kühe auf satt dunkel-grünen Almen zeigt, weckt Mythenträume von romantischer Natur-Geborgenheit. Manche Wodkamarken unterscheiden sich vom Konkurrenzprodukt allenfalls in der Art, wie sie sich als das Eigentliche, Bewährte präsentieren. Aber die Formel wirkt: Mögen auch nur ein paar Milligramm frische Sahne unter notarieller Aufsicht in den industriell erzeugten Tiefkühlspinat geträufelt sein, der Käufer schmeckt auf einmal echte Hausmannskost.

Nicht nur Dinge, auch die Erlebnisse mit ihnen lassen sich durch den Qualitätsstempel des Authentischen besser verkaufen. Um ihren Zuschauern Wirklichkeit zu zeigen, ihnen das kostbare Gefühl zu geben, sie seien unmittelbar dabei, ist den Fernsehmachern kein Aufwand zu schade, keine Extra-Kamera zu teuer. Und was die Mattscheibe nicht liefern kann, verspricht das Tourismusgewerbe.

Echte Indianer oder Hindutempel, ungezähmte Wildnis oder originale Volksriten sind für viele ein entscheidendes Argument, stundenlang im Flugzeugsitz auszuharren. Da kommt es am Ende gar nicht mehr so darauf an, wer die ersehnte Offenbarung als echt beglaubigt. Nicht einmal für viele der Bestaunten selbst ist das noch eine Gewissensfrage: So halten nur wenige standhafte Überlebende des japanischen Urvolks der Ainu den simplen Tanzrhythmen ihrer Ahnen die Treue; die Medien des Landes haben sie, ähnlich wie es in ,Volksmusik'-Hitparaden des Westens geschieht, fast völlig zu genormten synthetischen Muntermachern aufpoliert.

Das stört die Wenigsten, denn hinter dem Appetit aufs Eigentliche verbirgt sich fast immer die Sehnsucht nach verwurzelter Identität. »So stark ist unser Wunsch, uns in dem wiederzufinden, was wir einmal gewesen sein müssen, dass Schwindel uns mehr fesselt als Geschichte«, schreibt Hillel Schwartz mit fasziniertem Schauder. Ist das Rezept erst bekannt, dann entfaltet ein Konzentrat aus Kopien darum oft mehr Wirkung als das Original.

Disneyland, das Urbild aller Themenparks, macht es vor. In seiner nach Unterhaltungsformen sortierten Welt von »Adventureland« bis »Fantasyland« wandert der Besucher gleich am Anfang durch die »Main Street, U. S. A.«. Ihr Häuserbild ist nicht einfach der Abklatsch einer irgendwo vorhandenen alten Yankee-Straßenflucht, sondern will mehr sein: der Extrakt aller amerikanischen Kleinstadtidyllen, die gebaute Idee kommunaler Gemeinschaft.

Sind solche von Vermarktern konfektionierten Mythen aus der Retorte die Zukunft? Dafür sprechen einige Indizien - zum Beispiel dass ehrwürdige Galerien den meisten Andrang immer dann verzeichnen, wenn mit viel Werbeaufwand die Sonderschau für einen einzigen farbenfrohen Künstler angesagt wird. Worum Claude Monet kämpfte, was Jan Vermeer wollte, worin Vincent van Gogh besser war als die Kollegen, das spielt kaum noch eine Rolle: Im Zeitalter des Zappens schmelzen die oft schon von Plakaten, Illustrierten und Bildschirmen vertrauten bunten Werke zu einem Stil-Image, einer virtuellen Ikone zusammen. Wie die Pyramiden, die in keinem Ägypten-Pros-pekt fehlen, werden solche vagen Geschmacksmuster - und beileibe nicht nur visuelle - laut Hillel Schwartz zum »externalisierten Gedächtnis«, zum tröstlichen Anhaltspunkt dafür, dass es im Dschungel der Lebenswelt Zusammenhänge geben muss.

Zu groß darf die Menge des angeblich Originalen allerdings auch nicht werden. Nur Seltenes bleibt schließlich gefragt; Copyright-Anwälte leben geradezu davon, dass Nachahmungen und Surrogate in Umlauf sind, und auch die Auktionatoren wären vermutlich kaum entzückt, wenn keines ihrer raren Stücke mehr mit einem anderen vergleichbar wäre. Wozu es führen müsste, wenn die ganze Welt auf einmal von unverfälschten Dingen und Traditionen wimmelte, das haben der Autor Thomas Kapielski und der Verleger Bernd Kramer jüngst in Berlin humorvoll getestet.

Die beiden Pfiffikusse verlangen, dass die Unesco in die exklusive Liste des »Weltkulturerbes« auch ihre Kreuzberger Kneipe »Zum Goldenen Hahn« aufnehmen solle. Begründung: Die Destille sei samt Personal »ein einzigartiges sozial- und milieuästhetisches Ensemble«, wo »gastronomische Könnerschaft in unverwechselbarer Manier zelebriert« werde. Gerade derart »vollendet belebte Räumlichkeiten« aber gerieten durch »gewinngierige Wühlarbeiten und Designsucht postmodern gleichgeschalteter Architekten« immer mehr in Gefahr. So gesehen müsste bald jeder Stammtisch, jede Parkbank und jeder potenzielle Lili-Marleen-Laternenpfahl von Denkmalschützern bewacht sein.

Klar, dass es dazu nicht kommen wird. Klar aber auch, dass Menschen vorzugsweise dort, wo es auf Vertrauen und Charakter ankommt, mit der Akribie von Kunstfahndern dem Authentischen nachjagen. Ausgerechnet in der Demokratie hat sich dieses Verlangen zu einem kunstvollen öffentlichen Spiel zwischen Macht und Moral entwickelt. »Würde der echte Al Gore bitte mal aufstehen?«, titelte kürzlich voller Hohn das Londoner Magazin »The Economist« über die verblüffenden Image-Verrenkungen des US-Präsidentschaftskandidaten, der bei seinen Auftritten allen, aber auch allen Wählern eine Schokoladenseite zeigen will.

Im täglichen Polit-Zirkus hat die Frage nach dem authentischen Charakter also durchaus witzige Seiten. Für den Alltag vieler Menschen jedoch ist sie ernst, ja bedrohlich geworden. Wer etwa in seinem eigenen Körper dermaßen fremd zu sein glaubt, dass er sich schließlich zu einer Geschlechtsumwandlung durchringt, hat in der Regel ein Fegefeuer von Selbstzweifeln und bangen Fragen nach seinem authentischen Ich durchquert - und muss dann oft noch lange die Skepsis seiner Umgebung erdulden. Zwar sind postmoderne Wissenschaftler schon längst emsig dabei, die soziale Geschlechterrolle als »gender« von der naturgegebenen zu unterscheiden. Aber gerade das kann die bislang vollkommen selbstverständliche Identität des Einzelnen in neue Unsicherheit stürzen.

Im großen Maßstab entspricht solchen Leiden am Selbst das weltweit immer dringlichere Problem, worin eigentlich an einer Kultur oder Religion das Eigentümliche und Authentische bestehen soll. Glaubt es einer genau zu wissen, kann er als Unterdrücker oder Fundamentalist enden. Tolerantere würden die Grübeleien um kulturelle Identität am liebsten verbieten. Aber auch sie haben keine Patent-Antwort auf Lager.

Der Bielefelder Soziologe Georg Stauth glaubt zu wissen, warum. Für westlich geprägte Menschen, erklärte Stauth kürzlich in einem klugen, knappen Büchlein, bleibe der Gradmesser zivilisatorischer Entwicklung vorerst »das zur Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit hochgezüchtete Individuum«. Selbst wer also frohgemut die multikulturelle Welt ausrufe, werde dieses Echtheits-Ideal nicht los, er verliere nur häufig das Wissen um die unumgängliche eigene Beschränktheit. Bald schliddere er daher wieder in ein »enthistorisiertes Authentizitätsdenken« hinein, und die Suche nach dem Wesentlichen beginne von vorn.

Was tun also mit dem Dämon der Echtheitssuche, wenn er sich weder abschütteln noch ersticken lässt? Vielleicht enthält gerade Stauths kühle Warnung den entscheidenden Hinweis: Nur durch Traditionsbewusstsein lässt sich die berechtigte Sehnsucht nach dem Authentischen regulieren. »Wer seine Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen«, hat der US-Philosoph George Santayana einmal geschrieben. In diesem Satz steckt auch die Botschaft: Wer das Authentische auf Flaschen ziehen will, macht seine Rechnung ohne die Geschichte. Sinn kann es nur dank Herkunft geben, und das Gefühl der Echtheit erst recht.

»Kahl und einsam steht das ,authentische' Ich da, ständig im Zweifel, ständig auf der Suche nach neuer Befestigung«, resümiert Georg Stauth mit Nietzsche-Pathos seinen Rundblick durch die globalisierte Gegenwart. Fürs kommende Jahrhundert enthält diese Bilanz ein Bündel von Aufgaben, die kein Lehrplan abdecken, kein Gesetz lösen und kein noch so ausgefuchstes elektronisches Netzwerk übernehmen kann: eigene und fremde Herkunft zu erkennen und zu respektieren.

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