Dampfender Frust - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 120 / 131

Briefe

Dampfender Frust
• aus DER SPIEGEL 21/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dampfender Frust

Nr. 19/1998, Meinungsforschung: Was die Demoskopen über die DVU wußten; Ostdeutsche: Richard Schröder über den Wahlerfolg der Rechtsradikalen; Rechtsextremismus: Das Innenleben der Frey-Partei

Das eigentlich Paradoxe des DVU-Wahlerfolgs in Sachsen-Anhalt ist die Tatsache, daß jene Ossis, denen jegliche Wessi-Politiker suspekt sind, eine Partei wählten, deren Spiritus rector Frey ein typischer

* Im Bonner SPIEGEL-Büro, 1997.

Wessi ist: Millionär und Egozentriker: Die DVU, das ist Frey - frei nach »L''Etat c''est moi«, in diesem Fall »Le Parti c''est moi«. Er bündelte mit seiner Wahlpropaganda geschickt die Unzufriedenheit der Ossis, die dabei nicht registrierten, einem »Wessi pur« zu Erfolgen zu verhelfen.

RODGAU (HESSEN) DR. ERHARD BEHRBALK

Wenn es die allerjüngsten Wähler sind, die der DVU zu den größten Stimmenanteilen verholfen haben, was haben die denn bis jetzt gelernt? Wenn sie, wie Gysi spottet, völlig primitive und irrige Vorstellungen von wirtschaftlichen Zusammenhängen haben, hat es ihnen denn nie jemand besser zu erklären versucht? Und wenn die Eltern versagen, welche Rolle spielen dann die Lehrer und die Jugendarbeiter, die von Staats wegen dafür vorgesehen sind, sich um die Kinder zu kümmern?

UELZEN (NIEDERS.) ULRIKE KUNERT

Wenn jemand die Schuld am Wahlerfolg der DVU trägt - dann sind wir es alle. Alle Deutschen und voran alle Parteien, die zulassen, daß soziale Brennpunkte entstehen, die nicht mehr lenkbar sind. Dazu ein Rechtsstaat, der rechtsextreme Parteien zuläßt, die ungehindert am 1. Mai 1998 die »nationale Regierung des Jahres 1933« rühmen, der zuläßt, daß 6000 Nazis aufmarschieren. Der zuläßt, daß der DVU-Chef Frey über seine rechtsradikalen Verlage Altnazis, Fremdenhasser und militante Skinheads mit chauvinistischer Munition versorgt und der unbehelligt Gedenkmedaillen zu Ehren »großer Deutscher« wie Rudolf Hess vertreiben kann.

BERLIN KARIN HENTSCHEL

Wär'' ich Ossi, ich würde auch dampfenden Frust schieben. 1990 hätte ich begonnen, vom siegreichen Westen zu lernen. 1997 hätte ich dann vernommen, selbst die kapitalismusgestählten, kaum erreichbaren Wessi-Vorbilder seien noch nicht fit für die Zukunft und müßten mächtig dazulegen. Für verdattertes Umblicken und verschärftes In-die-Hände-Spucken war es da aber auch schon zu spät: Himmel, Erde und Zukunft der neuen Länder waren längst fest in anderen Händen.

BURSCHEID (NRDRH.-WESTF.) DR. K. U. VOSS

* Im Bonner SPIEGEL-Büro, 1997.

Zur Ausgabe
Artikel 120 / 131